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Begehrter Aufkleber: In einer Hausarzt-Praxis wird im Impfpass nachgewiesen, dass eine Dosis des Corona-Vakzins Biontech verabreicht worden ist.

Corona-Impfung

Corona-Impfungen: In Wetterauer Arztpraxen wird weiter priorisiert - Aufhebung „hirnlose Aktion von Minister Spahn“

  • Bernd Klühs
    VonBernd Klühs
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Die Aufhebung der Priorisierung bei der Corona-Impfkampagne haben Wetterauer Hausärzte zur Kenntnis genommen. Ihre Arbeit verändert das kaum, denn das Hauptproblem bleibt ungelöst.

Wetterau - Wenn Allgemeinmediziner Dr. Wolfgang Pilz aus Ockstadt um einen Kommentar zur Aufhebung der Corona-Impfpriorisierung gebeten wird, nimmt er kein Blatt vor den Mund. »Das hätte nur Sinn, wenn genügend Impfstoff vorhanden wäre. Diese hirnlose Aktion von Minister Spahn hat wahltaktische Gründe«, sagt der Mediziner, der mit Kollegen eine Gemeinschaftspraxis betreibt. Bei Patienten werde eine Erwartungshaltung geweckt, die Ärzte nicht erfüllen könnten. Denn an der geringen Impfstoff-Menge, die Praxen zugeteilt werde, habe sich nichts geändert.

In Ockstadt hat es nach dem 7. Juni keinen zusätzlichen Ansturm gegeben. Pilz und Kollegen hatten bereits im März im Rahmen des Wetterauer Pilotprojekts mit dem Impfen begonnen. Von Anfang an wurden alle Patienten gebeten, sich per Mail anzumelden - unabhängig von Alter, Beruf und Vorerkrankung. Deshalb blieb jetzt der große Run aus. »Bei uns wird weiter priorisiert. Jede Woche fischen wir Leute aus der Warteliste, die den Schutz am nötigsten haben«, sagt der Mediziner.

Dienstag und Mittwoch vergibt eine Mitarbeiterin die Termine für Freitag und Samstag. Eine längerfristige Planung sei unmöglich, weil erst dienstags Klarheit herrsche, wie viel Impfstoff eingetroffen sei. Bestellt werden können im Fall von Biontech höchstens 30 Dosen pro Woche und Arzt, für die Gemeinschaftspraxis insgesamt 90 Dosen. Nach Aussage von Pilz viel zu wenig, um alle Wünsche schnell erfüllen zu können. »Zudem kommen öfter nur 20 Dosen pro Arzt an«, sagt Pilz. Biontech wird mit Abstand am meisten verwendet, daneben ein wenig Johnson + Johnson. Astrazeneca spiele nur noch für Zweitimpfungen eine Rolle.

Corona-Impfungen in der Wetterau: Zwei prall gefüllte Aktenordner

Wie viele Patienten aktuell auf der Warteliste stehen, weiß er nicht genau. Seit Wochen gibt es zwei prall gefüllte Aktenordner mit Anmeldungen. »Ein großes Problem ist, dass viele Patienten auf einen bestimmten Impfstoff bestehen«, erklärt der Mediziner. Er hält es für »unsozial«, wenn über 60-Jährige Astrazeneca ablehnen und die schnellere Impfung jüngerer Leute verhindern.

Die Belastung durch die Impfkampagne ist laut Pilz enorm, zumal auch samstags gearbeitet wird. »Ich habe noch nie so einen Druck erlebt wie derzeit.« Betroffen seien nicht zuletzt die Arzthelferinnen. Das gelte auch für die Reaktion ungeduldiger Patienten. Pilz: »Ein kleiner Prozentsatz der Äußerungen geht unter die Gürtellinie. Es gibt aber auch Patienten, die uns zum Dank Kuchen vorbeibringen.«

Wie in Ockstadt können auch in der Bad Nauheimer Praxis von Dr. Denise Lucas und Dr. Alexander Jakob zurzeit mangels Impfstoff-Masse fast nur Zweitimpftermine vergeben werden. Deutlich mehr wäre eigentlich möglich. »Astrazeneca kann unbegrenzt bestellt werden, aber die Akzeptanz dieses Impfstoffs hat massiv abgenommen. Da spielen große Ängste eine Rolle«, betont Jakob, der Bezirksvorsitzender des Hausärzteverbandes in der Wetterau ist.

Corona-Impfungen in der Wetterau: Kurzer Anmelde-Ansturm

In der Bad Nauheimer Praxis wird ebenfalls weiter priorisiert, wobei diese Vorgehensweise seit geraumer Zeit durch die große Spannweite der Vorschriften »extrem erweitert« worden sei. »Wenn man sich nicht an medizinische Begründungen halten würde, könnte dies alle Hausärzte in Verruf bringen«, sagt der Verbandsvorsitzende. Am 7. Juni habe es einen kurzfristigen Anmelde-Ansturm gegeben.

Pampige Aussagen und ständige Anrufe von Patienten, die glaubten, endlich an der Reihe zu sein, seien an der Tagesordnung. In der Praxis von Jakob müssen Patienten manchmal schnell reagieren und von einem Tag auf den anderen zum Termin erscheinen. Einige Patienten versuchten, die Wartezeit mit kaum kontrollierbaren Angaben abzukürzen. Wie Pilz und Jakob berichten, handele es sich meist um den Angehörigen mit schwerer Vorerkrankung im eigenen Haushalt oder die pflegebedürftige Oma, die betreut werde.

Vor allem der Ockstädter Arzt reagiert empfindlich, wenn die Urlaubsreise als Grund für eine vorgezogene Impfung genannt wird. »Ich bin nicht der Unterstützer von Neckermann-Reisen«, sagt Pilz. Solche Patienten dürften auch bei Jakob keinen schnellen Erfolg haben. Zumal auch in der Wetterau noch viele ältere Menschen auf eine Impfung warten.

Corona-Impfungen in der Wetterau: Impfen auch eine Kostenfrage

Sollen die Impfzentren bereits im September geschlossen werden? Hausarzt Dr. Wolfgang Pilz rät zur Vorsicht. Er sieht zwei offene Fragen, die entscheidend seien. Kommt im Herbst eine vierte Corona-Welle aufgrund von Mutanten? Nach welcher Zeitspanne müssen Auffrischungsimpfungen verabreicht werden? Von der Antwort auf diese beiden Fragen sei abhängig, ob die Arztpraxen die Impfungen ab Herbst alleine bewältigen könnten. Dr. Alexander Jakob ist zuversichtlicher. Durch eine enge Kooperation von Gesundheitsamt und niedergelassenen Ärzten könne auch bei einem Wegfall der Zentren ausreichend geimpft werden.

Bei der Entscheidung dürften auch wirtschaftliche Überlegungen eine Rolle spielen. Während niedergelassene Mediziner pro Impfung nur eine Vergütung von 20 Euro erhalten, fallen in den hessischen Zentren nach Berechnungen der Kassenärztlichen Vereinigung Kosten von 150 Euro an. Das Gesundheitsministerium liefert nur eine grobe Schätzung: Bei maximaler Auslastung, die mangels Impfstoff allerdings nie gegeben sein dürfte, lägen die Ausgaben pro Impfung bei knapp 40 Euro.

Hausarzt Pilz hält das 20-Euro-Honorar nicht für ausreichend. »Das deckt gerade die Kosten. Um Geld zu verdienen, müssen wir richtig Gas geben.«

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