Der Angeklagte sagt kein Wort: Die Pflichtverteidigerin (l.) und auch der Richter versuchen, ihn während der Verhandlung zum Reden zu bringen - vergeblich.
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Der Angeklagte sagt kein Wort: Die Pflichtverteidigerin (l.) und auch der Richter versuchen, ihn während der Verhandlung zum Reden zu bringen - vergeblich.

Prozess

Wetterau: 33-Jähriger soll eigene Mutter misshandelt haben - nun steht er vor Gericht

  • vonOliver Potengowski
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Er soll seine Mutter gewürgt, gebissen und geschlagen haben. Wie von Sinnen hat sich ein 33-Jähriger im November in Altenstadt und in Limeshain verhalten. Jetzt wird am Landgericht Gießen verhandelt.

Eine mehrjährige Haftstrafe erwartet einen 33-jährigen Mann, gegen den derzeit vor dem Schöffengericht am Landgericht Gießen verhandelt wird. Sowohl Staatsanwaltschaft als auch seine Pflichtverteidigerin sind davon überzeugt, dass er seine Mutter gewürgt, gebissen und geschlagen hat.

Alles trug sich am 30. November 2019 zu. Seit neun Tagen lebte der angeklagte Mann damals wieder bei seiner Mutter. Seit seiner Pubertät soll er Drogen genommen und exzessiv Alkohol getrunken haben. Extremer Alkoholkonsum bildet auch den Auftakt der Ereignisse, die jetzt in Gießen vor Gericht geschildert wurden.

Am besagten Novembertag gegen 14.30 Uhr wird eine Polizeistreife zu einem Einsatz nach Limeshain-Rommelhausen gerufen. Der Angeklagte läuft dort schreiend auf der Straße bei den Lebensmittelmärkten herum. Der Mann hat einen Atemalkoholwert von 3,72 Promille. Weil der Mann sich aber wieder beruhigt, bringen ihn die Polizisten gegen 15 Uhr in die Wohnung der Mutter.

Im dortigen Arbeitszimmer habe sich ihr Sohn plötzlich sehr merkwürdig verhalten, schildert die Mutter. »Dann kam diese Veränderung im Gesicht.« Mit einer »komischen Stimme« habe er gesagt: »Verpiss dich!« Sie habe Angst bekommen und aus der Küche den Notruf gewählt.

33-Jähriger wie von Sinnen: "Ich verkaufe dich."

Plötzlich habe ihr Sohn sie von hinten in den Schwitzkasten genommen. Sie sei zu Boden gegangen, und der Sohn habe sich auf sie gelegt - mit dem Kopf in Richtung ihrer Beine. Mit seinen Beinen habe er ihren Hals umklammert, sodass sie kaum Luft bekommen habe. »Dann hat er meine Füße genommen, sie verdreht und gequetscht - das waren Schmerzen.« Er habe sie in den Oberschenkel, den Bauch und die Brust gebissen. Dabei habe er sie nicht als »Mama«, sondern mit ihrem Vor- und Zunamen angesprochen und sinniert: »Was mache ich jetzt mit dir? Ich glaub, ich verkauf dich.«

Schließlich habe der Sohn ihr an den Haaren gezogen und ihr mehrere Faustschläge gegen die Schläfe versetzt. Bei ihrem Martyrium habe sie immer im Hinterkopf gehabt, dass sie zum Glück den Notruf gewählt und ihre Adresse angegeben hatte. Genau die Streife, die den Angeklagten kurz vorher in die Wohnung gebracht hatte, kam nun zurück, trat die Tür ein und befreite die Mutter.

Die Versuche von Richter Dr. Klaus Bergmann, ein Gespräch mit dem Angeklagten zu führen, bleiben am ersten Verhandlungstag erfolglos. Teilnahmslos sitzt er neben seiner Pflichtverteidigerin.

Nur für seine Schwester, die bei ihrer Aussage zu weinen beginnt, und den Vater hat er kurze Seitenblicke übrig. Äußerlich und anscheinend auch innerlich unbewegt hört er, wie seine Mutter den Übergriff schildert. Erst als sie über seine Jugend berichten soll, bittet er, den Saal verlassen zu dürfen. Doch als Angeklagter ist er verpflichtet, an der Verhandlung teilzunehmen.

Prozess nach mutmaßlicher Misshandlung: Gutachter stellt keine Schizophrenie fest 

Immer wieder fordert ihn der Richter auf, sein Schweigen zu brechen. Von seinem Eindruck hänge es letztlich ab, ob er zu einer Haftstrafe verurteilt werde oder stattdessen eine Therapie gegen seine Drogensucht machen könne.

Mit dem psychiatrischen Gutachter Dr. Jens Ulferts sprach der Angeklagte immerhin eine Stunde, bevor er das Gespräch beendete. »Dissoziale Strukturen ziehen sich seit der Pubertät durch«, sagte der Gutachter. Damit bestätigt er die Aussage der Eltern, dass der Sohn immer wieder gegen Regeln verstoßen habe.

Keine Vorerkrankung, sondern der Drogenkonsum sei die Ursache für die psychischen Störungen des Angeklagten. »Die Diagnose Schizophrenie findet sich überhaupt nicht«, betont Ulferts. Der Gutachter hält den Angeklagten für eingeschränkt steuerungs-, aber uneingeschränkt einsichtsfähig. Dass dieser seine Handlungen steuern konnte, belegten unter anderem die gezielten Faustschläge gegen die Schläfe der Mutter.

Chancen für eine erfolgreiche Drogentherapie sieht der Gutachter genauso wenig wie der Staatsanwalt und die Pflichtverteidigerin. Letztere fordert zwei Jahre Haft, der Staatsanwalt zweieinhalb Jahre Haft. Die Verhandlung wird fortgesetzt.

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