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Von Studenten über junge Eltern bis zum Rentnerehepaar - im Gespräch mit den Beratern von Pro Familia haben schon viele Wetterauer Paare ihr Herz ausgeschüttet. Wolfgang Schreiner-Weiß (l.) hat das rund zehn Jahre in Friedberg erlebt. Renate Schädler (M.) berät seit April in Friedberg und ist zudem Geschäftsführerin der Beratungsstellen in Friedberg und Gießen.

Liebe, Sex und Partnerschaft

Wenn’s nicht mehr läuft: Wetterauer Paar- und Sexualberater im Interview

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Seitensprünge, Affären, Lustlosigkeit - in den Beratungen von Pro Familia in Friedberg kommen intime Details auf den Tisch. Im Interview sprechen zwei Berater über ihre Erfahrungen.

Wie kann ein langjähriges Paar sein eingeschlafenes Liebesleben neu beleben?

Wolfgang Schreiner-Weiß:Das ist individuell verschieden. Allgemein kann man sich das aber vorstellen wie einen eingeschlafenen Fuß. Wenn man ihn langsam wieder bewegt, ist das anfangs nicht leicht und vielleicht sogar etwas schmerzhaft. Das ist bei der Sexualität ähnlich. Sich wieder miteinander zu beschäftigen erfordert Mut, denn es ist nicht unbedingt klar, wie das Ganze ausgeht. Ein bisschen Risikobereitschaft und Lust am Experimentieren hilft dabei.

Was heißt das konkret?

Schreiner-Weiß:Ist die Sexualität zum Beispiel eingeschlafen, weil man sich zu wenig Zeit füreinander nimmt, kann das konkret heißen, dass man sich zur Zweisamkeit verabredet. Dafür kann man sich auch an einem besonderen Ort treffen, etwa in einem Hotel, und sich füreinander schick machen.

Also Sex nach Terminkalender?

Renate Schädler:Es ist wichtig, keinen Leistungsdruck aufzubauen. Auch wenn man sich verabredet, sollte man im Hinterkopf haben, dass man sich anders entscheiden kann, etwa wenn keine Stimmung aufkommt oder es einfach schiefläuft. Dann sollte man sich anderweitig eine schöne Zeit zu zweit machen und nicht enttäuscht sein.

Schreiner-Weiß:Unbedingt. Man sollte nicht gleich erwarten, den besten Sex aller Zeiten zu haben. Bei den meisten Paaren geht es darum, sich überhaupt wieder zu berühren. Was daraus wird, ist eigentlich zweitrangig.

Mit welchen Anliegen kommen Menschen zur Paar- und Sexualberatung?

Schreiner-Weiß:Junge Eltern kommen zum Beispiel, wenn die Lust wegbleibt oder sie uneinig darüber sind, wie sie die Arbeit untereinander aufteilen sollen. Paare wenden sich nach Seitensprüngen, Affären oder Flirts an uns mit Fragen: Wie retten wir unsere Beziehung oder kann eine offene Beziehung bei uns funktionieren? Ältere Klienten kommen mit sexuellen Funktionsstörungen, oder wenn sie plötzlich wieder enger als Paar zusammenleben, etwa wenn die Kinder aus dem Haus oder sie selbst im Ruhestand sind.

Wie alt sind Ihre Klienten?

Schreiner-Weiß:Das reicht vom Studentenpaar über junge Eltern bis zum Rentnerpaar. Die meisten kommen zwischen 30 und 50 Jahren.

Was läuft am häufigsten schief zwischen Paaren?

Schreiner-Weiß:Das häufigste Problem ist, dass die Kommunikation nicht funktioniert. Anfangs wirbt man umeinander und redet unheimlich viel. Im Alltag kann man das leicht verlieren und weiß nicht mehr, was im Partner vorgeht. Unsere Aufgabe ist es, das Paar wieder miteinander ins Gespräch zu bringen.

Was raten Sie Paaren, die den Kontakt zueinander verloren haben?

Schreiner-Weiß:Es ist schwierig, pauschale Tipps zu geben. Ich rate oft zu einer bestimmten Form des Zwiegesprächs. Dabei redet erst ein Partner eine bestimmte zeitlang darüber, was ihn derzeit bewegt. Dazu kann man zum Beispiel eine Eieruhr auf fünf Minuten stellen. Der andere fasst danach zusammen, was bei ihm angekommen ist. Die erste Runde ist erst vorbei, wenn der Sprecher überzeugt ist, dass seine Botschaft beim Zuhörer angekommen ist. Danach wechseln die Rollen für die zweite Runde.

Und das funktioniert?

Schreiner-Weiß:Man lernt sich dadurch besser zu verstehen und kann Missverständnisse ausräumen. Dann kommt es ans Licht, wenn der Partner etwas ganz anders versteht, als man eigentlich gesagt oder gemeint hat. Oft kommen Paare zu uns in die Beratung und sagen, sie hatten keine Zeit für diese Übung. Das ist eine Frage der Prioritäten. Man kann seine Beziehung nicht durch ein paar Stunden Beratung retten. Man muss etwas investieren, damit sie funktioniert.

Schädler:Die Beratung kann da nur der erste Schritt sein.

Wann sollte sich ein Paar professionelle Hilfe bei einer Beratungsstelle suchen?

Schreiner-Weiß(lacht): Wenn ein Partner sich das fragt, ist es der richtige Zeitpunkt.

Schädler:Ich weiß nicht, ob man einen Zeitpunkt benennen kann. Prinzipiell finde ich es schade, erst zu kommen, wenn es um Trennung geht. Besser ist es, zur Beratung zu gehen, wenn man spürt, dass man in der Beziehung unzufrieden ist oder sich Probleme wiederholen.

Haben Sie schon Paare weggeschickt?

Schreiner-Weiß:Ja. Zum Beispiel, wenn andere Probleme im Vordergrund stehen wie Süchte oder psychische Erkrankungen. Ist jemand alkoholabhängig, kann das der eigentliche Grund für die Beziehungsprobleme sein. Das ist ein Fall für die Suchtberatung. Wenn sexuelle oder häusliche Gewalt im Spiel ist, muss zunächst für Sicherheit und ein Ende der Gewalt gesorgt werden und oft wird dann eine Paarberatung nicht möglich sein.

Sind sexuelle Probleme auch Kommunikationsprobleme?

Schreiner-Weiß:Nicht nur bei den Männern gibt es auch rein körperliche sexuelle Probleme. Nichtsdestotrotz ist Sexualität auch eine Sache der Kommunikation. Wir leben zwar in einer hochsexualisierten Gesellschaft, aber die Menschen können nicht unbedingt gut über Sexualität reden.

Wie sollte man darüber reden?

Schreiner-Weiß:In der Beratung hilft mir zum Beispiel ein bisschen Humor. Klar ist es eine ernste und manchmal schwierige Sache, aber etwas Leichtigkeit tut dennoch gut. Das kann ich auch Paaren empfehlen. Und obwohl wir Paar- und Sexualberatung anbieten, ist es relativ selten, dass Paare gleich die Sexualität im Erstgespräch thematisieren.

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