Auch die Mitarbeiter der Volksbank Mittelhessen - unser Bild zeigt die Filiale in der Friedberger Haagstraße - haben alle Hände voll zu tun, um Unternehmen zu beraten, die angesichts der Corona-Krise in finanzielle Not geraten sind.	FOTO: NICI MERZ
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Auch die Mitarbeiter der Volksbank Mittelhessen - unser Bild zeigt die Filiale in der Friedberger Haagstraße - haben alle Hände voll zu tun, um Unternehmen zu beraten, die angesichts der Corona-Krise in finanzielle Not geraten sind. FOTO: NICI MERZ

Corona-Hilfen für Firmen

Wenn das Wasser bis zum Hals steht

  • Bernd Klühs
    vonBernd Klühs
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Kaum waren Corona-Programme für Firmen angelaufen, setzte es Kritik aus der Wirtschaft: zu viel Bürokratie, zu hohe Hürden. In der Wetterau läuft die Kooperation zwischen Firmen und Banken besser.

Das Corona-Kreditprogramm der staatlichen KfW-Bank läuft seit 23. März und dient mittelständischen und großen Betrieben. Schon eine Woche später meldeten sich Unternehmensverbände mit Kritik. Je nach Fall übernimmt die KfW eine Bürgschaft von 80 oder 90 Prozent, den Rest soll die jeweilige Hausbank beisteuern. Das funktioniere oft nicht, bemängelten Firmen, zudem müsse der Antrag mit zu vielen Unterlagen unterfüttert werden. Fazit: Viele Unternehmen erhielten keinen Kredit, andere, die schnell Liquidität bräuchten, müssten zu lange warten.

In der Wetterau läuft es etwas besser. Das lässt sich ersten Erfahrungsberichten von Industrie- und Handelskammer (IHK) Gießen-Friedberg sowie Volksbank Mittelhessen entnehmen. »An einer 10- oder 20-prozentigen Haftung scheitert bei uns im Haus kein einziger Kredit«, versichert Dennis Vollmer, PR-Manager der Volksbank. Das Problem seien vielmehr »Unschärfen« in den KfW-Bedingungen. Die Folge: Die Risikoprüfung durch die Hausbank vor Kreditbewilligung halte einer nachträglichen Prüfung durch die KfW nicht immer stand. Prinzipiell sei die Voba verpflichtet, die Bonität der Firmen sorgfältig zu prüfen.

20 Prozent der Anfragen abgelehnt

Laut Vollmer wurden in den zwei Wochen nach Auftakt des Kreditprogramms 300 konkrete Anfragen und 50 Kreditanträge gestellt - etwa ein Fünftel aus der Wetterau. Bei 20 Prozent der Anfragen sei eine Finanzierung abgelehnt worden. »Nach Einreichung der Unterlagen benötigen wir drei bis fünf Tage zur Bearbeitung«, sagt der PR-Manager. Danach erteile die KfW oft am selben Tag eine Zusage. Einreichen müssten die Firmen Jahresabschluss 2018 und Betriebszahlen 2019. Die Voba habe das Beraterteam um zehn Mitarbeiter aufgestockt.

Von Kritik an Hausbanken aus Unternehmerkreisen berichtet dagegen Vitalis Kifel, Referent für Existenzgründung bei der IHK Gießen-Friedberg. Er ist zusammen mit 20 Kollegen für die Corona-Krisen-Programme zuständig. So beklagten Firmenchefs, dass ihnen auf die Schnelle kein Bankberater zur Verfügung stehe oder das Kreditinstitut nicht bereit sei, die Restbürgschaft zu übernehmen. »So wird von Betrieben verlangt, ihre Immobilie als Sicherheit bereitzustellen.«

Es gebe aber auch einige positive Beispiele. Etwa den Bankberater, der alle Kreditunterlagen für einen Getränkehändler aus Büdingen zusammengestellt habe und damit zum Firmensitz gefahren sei. »Der Chef musste nur noch unterschreiben«, sagt Kifel. Seit die KfW berechtigt sei, unter bestimmten Voraussetzungen eine 100-Prozent-Bürgschaft für Kredite zu übernehmen, laufe die Zusammenarbeit besser.

Keine Endzeitstimmung

Bei der Firmenstruktur in der Wetterau spielen KfW-Kredite laut Kifel eine untergeordnete Rolle. Wichtig seien die sehr gefragten Soforthilfen für Kleinstunternehmen und Solo-Selbstständige. Diese Unterstützung stehe schnell bereit. »Gerade hatte ich einen Fall, bei dem es um 10 000 Euro ging, die am nächsten Tag auf dem Firmenkonto waren.« Wer über die Soforthilfe hinaus Geld benötige, könne in Schwierigkeiten geraten. »Der Restaurant-Besitzer in Bad Vilbel, der zwei Wochen vor der Krise eröffnet hat, bekommt keinen Kredit«, sagt der IHK-Referent. Gleiches gelte für die alleinerziehende Mutter und Solo-Selbstständige.

Als Lückenfüller zwischen Soforthilfe und KfW-Programm fungiert seit 3. April die Hessen-Mikroliquidität. Diese Überbrückungskredite (siehe Zusatzartikel) gewährt die Wirtschafts- und Infrastrukturbank (WI) des Landes Hessen Kleinunternehmen. Kifel bezeichnet dies als ganz wichtiges Kriseninstrument. »Das Geld fließt deutlich schneller als bei der KfW.« IHK und Handwerkskammern kümmerten sich zusammen mit Firmenvertretern um die Unterlagen. Nach Aussage des IHK-Referenten sind WI-Bank und Mikroliquidität in Unternehmerkreisen recht unbekannt. »Wenn sich das ändert, wird es einen Run auf diesen Kredit geben.«

In seinen Gesprächen stößt Kifel teils auf »tragische Fälle«. Eigentlich seien längere Gespräche erforderlich, aufgrund des Antragsdrucks aber nur selten möglich. Die Telefone stünden nicht still. »Vielen Chefs steht das Wasser bis zum Hals. Sie wissen nicht, wie sie ihre Rechnungen bezahlen sollen, möchten ihr Herz ausschütten.«

Andere Erfahrungen hat Voba-Pressesprecher Dennis Vollmer gemacht. »Von einer Endzeitstimmung und Resignation sind wir weit entfernt. Im Gegenteil: Die meisten Unternehmer planen für die Zeit, wenn es wieder losgehen kann.«

Corona-Hilfe mit Mikroliquidität

Die staatliche Wirtschafts- und Infrastrukturbank (WI) ist so etwas wie die hessische KfW-Bank. Förderprogramme des Landes in Sachen Struktur-, Wirtschafts-, Sozial- und Wohnraumförderung werden über dieses Kreditinstitut abgewickelt. In den Genuss der Zuschüsse oder günstigen Kredite kommen Wirtschaft, Kommunen, aber auch Privatpersonen.

In Corona-Zeiten verwaltet die WI-Bank die Mittel für das Programm Hessen-Mikroliquidität. Kleinunternehmen mit maximal 50 Beschäftigen erhalten Überbrückungskredite zwischen 3000 und 35 000 Euro. Antragsteller brauchen keine Sicherheiten und müssen keine Gebühren entrichten. Die Darlehenslaufzeit beträgt sieben Jahren, die ersten zwei Jahre sind tilgungsfrei. Der Zinssatz liegt bei 0,75 Prozent. Die Landesregierung hat für das Programm, das seit dem 3. April läuft, 30 Millionen Euro bereitgestellt.

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