Viele Chöre, wie hier die Kantorei der Dankeskirche mit Frank Scheffler, haben oft bis in den Oktober hinein im Freien geprobt. Im Winter sind Kirchen eher geeignet als niedere Probenräume. Aber alles sind nur Notlösungen. FOTOS: HANNA VON PROSCH
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Viele Chöre, wie hier die Kantorei der Dankeskirche mit Frank Scheffler, haben oft bis in den Oktober hinein im Freien geprobt. Im Winter sind Kirchen eher geeignet als niedere Probenräume. Aber alles sind nur Notlösungen. FOTOS: HANNA VON PROSCH

Wenn Stimmen schweigen

  • vonHanna von Prosch
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Wetteraukreis(hms). "Jauchzet, frohlocket, auf preiset die Tage" - Bachs prächtiger Eingangschor aus dem Weihnachtsoratorium kann in diesem Jahr nur von der CD erklingen. Denn Chorsingen fällt in der Corona-Pandemie so gut wie aus. Das tut vielen weh. Wetterauer Chorleiter und Vorstände gehen mit der Situation unterschiedlich um.

Laienchöre haben es in Corona sehr schwer. Gerade sie tragen in ihrer Vielfalt besonders zum kulturellen und kirchlichen Geschehen bei. Sie singen mit Begeisterung, proben lange auf große Aufführungen hin.

Aber für das Singen gibt es wegen der stärkeren Aerosolentwicklung in Räumen keine Gnade: vier Meter Abstand zu Dirigent und Publikum, zwei Meter Abstand rings um jeden Singenden, begrenzte Teilnehmerzahl, alle 15 Minuten den Raum verlassen und lüften, draußen Pausenschwätzchen nur mit AHA-Regel. Das macht vielen keine Freude, abgesehen davon, dass Singen auf das Sich-Hören und Sich-Wahrnehmen angewiesen ist, wenn der Chorklang gut sein soll.

Die meisten Chöre in der Wetterau haben während des Lockdowns im Frühjahr mit mehr oder minder erfolgreichen Online-Proben begonnen und ihre Aktivitäten im Sommer im Freien fortgesetzt. Hartmut Jegodzinski, Vorsitzender des Regenbogenchors: "Trotz der Einschränkungen, dass sich die Chormitglieder untereinander nicht hören konnten, haben die Online-Proben mit speziellen Übedateien einigen Erfolg gebracht. Denn das klappte bei den ersten Präsenzproben recht gut. Diese haben wir dann stimmgemischt in Kleingruppen angeboten."

Für Dankeskirchen-Kantor Frank Scheffler und etliche Kantoreisängerinnen und Sänger war das nicht optimal, Stimmbildung war zum Beispiel nicht möglich, Intonation schwer, der Zusammenklang fehlt. Da waren alle froh, als sie schließlich draußen vor der Dankeskirche proben konnten.

Das nahm auch Andreas Ziegler mit dem Konzert-Chor Butzbach wahr, solange es ging. "Aber gezieltes Üben auf Konzertprojekte ist so nur begrenzt umzusetzen", sagt er.

Scheffler und sei Kollege Ulrich Seeger sehen in der Chorarbeit aber nicht nur die Aufführungen, die wegen des langen Vorlaufs selbst für 2021 noch sehr unsicher sind, sondern auch die Musik in der Verkündigung. "Mir macht die Chorarbeit Freude, aber es ist ja auch mein Beruf", meint Scheffler.

Beide setzen auf kleinere Besetzungen mit relativ sicheren Stimmen, um in der Gemeinde präsent zu sein. "Jeden Sonntag singen wir mit sechs Stimmen im Gottesdienst, oft mit einem Instrument. Rund ein Drittel der Kantorei ist dabei - andere pausieren bewusst oder weil sie mit Risikogruppen zu tun haben", erklärt Seeger.

In Friedberg werden Gottesdienste mit Gesang aufgenommen und online gestellt. Scheffler hält Plattformen wie Youtube nur für kleine Gruppen für geeignet. Um die ganze Chorarbeit abzubilden sei es nicht das richtige Format.

Auch im etwas kleineren Bad Nauheimer Regenbogenchor wird tapfer durchgehalten - gerade wieder online. Das Problem des Vorsitzenden ist eher, dass die Einnahmen und Spenden in diesem Jahr weggebrochen sind, die Fixkosten aber bleiben. Außerdem sucht er verzweifelt nach einem geeigneten Raum für die Registerproben. Während die Kirchen hoch und groß genug sind, um das Hygienekonzept zu erfüllen, ist eine Schulaula nicht ideal. "Die Sporthallen dürfen für den Vereinssport genutzt werden bei bestimmt nicht weniger Aerosolaustoß, warum nicht für Sänger?" fragt sich Jegodzinski.

Ziegler fühlt sich insgesamt als Chorleiter im Stich gelassen und fordert wissenschaftliche Erkenntnisse über das, was in der Chorarbeit möglich ist wie Räume mit Filteranlagen, Singen auf Vocalise, Aerosoluntersuchungen. "Wenn das so weitergeht, geht sehr viel verloren. Eine Gesellschaft, die nicht singt, wird gefühllos und verlernt das ursprünglichste Instrument des Menschen - seine Stimme und seinen Atem!"

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