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Wenn Jungen Opfer werden ...

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Fünf bis zehn Prozent aller Jungen werden Opfer sexueller Gewalt, sagen Untersuchungen. 60 Prozent der Täter sind laut den Wildwasser-Wetterau-Mitarbeiterinnen Bekannte der Kinder, etwa Sporttrainer, Babysitter oder Freunde der Eltern. Aus dem Kernbereich der Familie – dazu gehören Väter, Onkel oder große Brüder – stammen 30 Prozent der Täter.
Fünf bis zehn Prozent aller Jungen werden Opfer sexueller Gewalt, sagen Untersuchungen. 60 Prozent der Täter sind laut den Wildwasser-Wetterau-Mitarbeiterinnen Bekannte der Kinder, etwa Sporttrainer, Babysitter oder Freunde der Eltern. Aus dem Kernbereich der Familie – dazu gehören Väter, Onkel oder große Brüder – stammen 30 Prozent der Täter. © DPA Deutsche Presseagentur

Wetteraukreis (lk). Feuerwehrmann missbraucht in Ober-Mörlen Schützling, Vater aus Bad Nauheim vergeht sich an Tochter – Kindesmissbrauch ist kein Großstadt-Phänomen, sondern passiert auch in der Wetterau. Was mit den Tätern geschieht, entscheidet sich meist vor Gericht. Die Opfer – nun auch Jungen – erhalten Hilfe beim Verein Wildwasser Wetterau.

Studien zufolge sind 10 bis 15 Prozent aller Mädchen und 5 bis 10 Prozent aller Jungen in der Kindheit von sexueller Gewalt betroffen, sagt Miriam Vermeil. Die 52-jährige Diplom-Psychologin ist Mitarbeiterin des Vereins Wildwasser Wetterau, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Opfern sexueller Gewalt zu helfen. Bislang gab es nur therapeutische Unterstützung für Mädchen. Nun wurde auch ein Angebot für Jungen im Alter von drei bis zwölf Jahren geschaffen.

»Was wir schon länger machen: Wir beraten Eltern, Lehrer oder Erzieher, die Fragen bezüglich sexueller Gewalt an Mädchen und Jungen haben. Aber, dass wir für Jungen direkte Hilfe anbieten, ist neu.« Hintergrund: Als Wildwasser gegründet wurde, sei das Ausmaß, in dem Jungen betroffen sind, weit weniger bekannt gewesen als heute. Das Wissen um die Missbrauchsskandale in Kirchen, Internaten, Heimen änderte das. Die breite Öffentlichkeit erfuhr von Übergriffen auf beide Geschlechter. Laut Vermeil gibt es im Wetteraukreis eine Lücke bezüglich der Unterstützung betroffener Jungen. Sie soll sich nun schließen.

Alpträume, Konzentrationsprobleme

Meist erfahren Vermeil und ihre beiden Kolleginnen von Eltern oder Pädagogen durch den Missbrauch. Bevor es zu einem ersten Kontakt mit einem Kind kommt, sprechen sie mit den Eltern, erfragen die Hintergründe der Tat, die Lebensgeschichte des Kindes, klären den Ist-Zustand ab. Dann wird über die Notwendigkeit einer therapeutischen Unterstützung und deren Dauer entschieden. »Das können zwei bis drei Monate oder auch ein bis zwei Jahre sein.« Anfangs gehe es ums gegenseitige Kennenlernen und um eine Stabilisierung des Kindes. Jungen und Mädchen sollen lernen, mit den Problemen umzugehen, die durch die sexuelle Gewalt aufgetreten sind. Probleme, das können Alpträume oder Konzentrationsschwierigkeiten sein.

Vermeil sagt: 80 bis 85 Prozent der übergriffigen Erwachsenen sind Männer. Aus der Beratung wisse man, dass Eltern ihre Söhne lieber einer Therapeutin anvertrauen. Bei älteren Jungen könne es hingegen besser sein, wenn ihnen ein männlicher Therapeut gegenübersitze. Es gebe viele Gemeinsamkeiten, wie Mädchen und Jungen auf sexuelle Gewalt reagierten, aber auch geschlechtsspezifische Unterschiede. »Sexuelle Gewalt ist ein großes Tabu. Jungs fällt es oft noch schwerer als Mädchen, darüber zu sprechen.

Opfer zu sein, passt weniger in die Vorstellung von Männlichkeit in unserer Gesellschaft.« Diplom-Pädagogin Brigitte Otto-Braun ergänzt: »Es passiert häufig, dass die Jungen einen Mangel an männlichem Identitätsvorbild für sich wahrnehmen.« Da die Täter meist männlich seien, würden sich die betroffenen Jungs nicht selten fragen, ob sie denn eigentlich richtige Jungen seien. Die Identität des Geschlechts könne in eine Krise geraten.

Das Erlebte wird nachgespielt

Laut Vermeil verhält sich jedoch längst nicht jedes Kind, das Opfer geworden ist, auffällig. Im Gegenteil: »Etwa ein Drittel ist komplett unauffällig.« Bei der Arbeit mit den Kindern komme ein meist ein spieltherapeutischer Ansatz zum Tragen. Etwa werde das Erlebte nachgespielt. Wenn über den Übergriff gesprochen werde, komme manchmal auch eine Handpuppe zum Einsatz, denn Kindern falle es oft leichter, mit der Puppe statt einem Menschen zu sprechen.

Eltern, die sich nicht sicher sind, ob ihr Kind Opfer eines Missbrauchs ist oder wurde, empfehlen die beiden Mitarbeiterinnen, ihren Schützlingen gegenüber achtsam zu sein. »Kinder sollten wissen, dass ihre Eltern Interesse an ihnen haben, dann fällt es ihnen auch einfacher, etwas Unangenehmes zu erzählen«, sagt Otto-Braun. Vermeil rät außerdem: »Man sollte Kindern glauben, wenn sie etwas erzählen.«

Für die therapeutische Beratung der Jungen erhält Wildwasser Wetterau vom Land bis 2018 pro Jahr Mittel in Höhe von rund 7000 Euro. »Darüber freuen wir uns, aber das reicht natürlich nicht aus«, sagt Otto-Braun. Der Verein hofft daher auf Spenden.

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