Wenn der Freund zum Vergewaltiger wird

  • vonConstantin Hoppe
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Friedberg(con). Wenn aus der ersten großen Liebe Horror wird: Seit Montag muss sich ein 23-jähriger aus Darmstadt wegen des Vorwurfs der mehrfachen Vergewaltigung seiner heute 21-jährigen früheren Freundin aus Friedberg verantworten. Die junge Frau tritt in dem Prozess am Landgericht Gießen als Nebenklägerin auf. Zur Anklage kommen einzelne Vorfälle hinzu, bei denen der Geschlechtsverkehr des damaligen Paares zwar einvernehmlich gewesen sei, doch der Angeklagte dabei Dinge getan habe, die die Nebenklägerin nicht gewollt habe, was diese auch kundgetan habe.

Die Punkte, um die sich die Anklage dreht, liegen mehr als fünf Jahre zurück: 2015 lernten sich die beiden über eine Dating-App kennen, und schnell kamen sie zusammen. Ein halbes Jahr lief die Beziehung gut. "Es war meine erste lange Beziehung, und er war immer höflich und freundlich, hat mir Geschenke gemacht, und auch meine Eltern mochten ihn gerne", berichtete die Nebenklägerin am Montag in ihrer Aussage.

Tod des Pferdes ändert alles

Doch habe sich alles geändert, als ihr Pferd gestorben sei. Für die damals 16-Jährige brach eine Welt zusammen. "Das hat mich schwer mitgenommen, und ich hatte einfach keinen Bedarf daran, intim zu werden", sagte die zierliche junge Frau am Montag unter Tränen. Eines Nachts sei sie dann aufgewacht, als ihr damaliger Freund sie auf den Bauch gedreht und sie mit den Beinen fixiert habe. "Wir hatten Geschlechtsverkehr, den ich nicht wollte", sagte die 21-Jährige und musste eine kurze Pause in ihrer Aussage einlegen: "Ich habe gesagt: Geh von mir runter, lass das - aber er hat nicht aufgehört." Danach habe er sich weggedreht und weitergeschlafen. Als sie den Freund später zur Rede gestellt habe, habe der sich an nichts erinnern können: "Er hat mich als Lügnerin hingestellt." Wenige Wochen später soll der zweite solche Übergriff des jungen Mannes gefolgt sein; er habe sich nahezu identisch abgespielt: "Aber es war schlimmer: Es hat länger gedauert, und dabei hat er mein Gesicht in das Kissen gedrückt, sodass ich keine Luft mehr bekam", schilderte die 21-Jährige. Auch danach habe sie ihn zur Rede gestellt. "Er sagte mir, dass er an einer Schlafkrankheit leide, bei der so etwas passieren könnte. Als ich ihm gesagt habe, er solle deshalb eine Therapie machen oder es wäre Schluss, wurde diese Krankheit nie wieder erwähnt."

Danach suchte die Jugendliche den Rat von Freundinnen und ihrer älteren Schwester: "Ich wollte wissen, ob so etwas normal sei, und habe gehofft, jemand würde mir sagen, wie ich damit umgehen soll." Das berichtete auch ihre beste Freundin, die am Montag als Zeugin angehört wurde und die Vorwürfe bestätigte: "Mein Rat war immer nur die Trennung oder mit ihren Eltern darüber zu sprechen - aber ich habe es damals, als sie es mir erzählte, nicht so wahrgenommen, wie ich es als Freundin hätte sollen."

Später beendete die Friedbergerin die Beziehung. Bis sie zu dem Entschluss kam, Anzeige gegen ihren früheren Freund zu erstatten, bedurfte es noch einiger Jahre. Auch heute noch haben die Vorfälle von vor fünf Jahren Einfluss auf die 21-Jährige, wie diese vor Gericht berichtete: "Ich leide an Schlafstörungen und kann nicht einschlafen, wenn ein Mann im gleichen Raum ist - ich bekomme dann Angstzustände." Hinzu sei lange Zeit eine Unfähigkeit gekommen, eine Beziehung zu Männern aufzubauen. Mittlerweile habe sie einen Freund, der viel Rücksicht auf ihre Bedürfnisse nehme und ihr den Raum gebe, den sie brauche.

Bei den Vorwürfen gab es noch einige Unklarheiten: So widersprachen sich mehrere Zeugenaussagen am Montag in gewissen Details im Vergleich zu den polizeilichen Angaben aus dem Jahr 2018, und auch die lange Zeit seit den Vorfällen stellt eine Hürde dar.

Der Angeklagte schwieg bislang zu den Vorwürfen. Der Prozess wird fortgesetzt.

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