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Wenn einer eine Reise tut...

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Von: Gerhard Kollmer

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Damals eine Sensation: Otto Julius Bierbaum hat 1902 eine 2000 Kilometer lange Expedition mit einem roten Cabrio zurückgelegt. Jo van Nelsen »begleitete« Bierbaum auf seiner epochemachenden dreimonatigen Reise. Das Buch über diese Reise im Automobil wurde ein Bestseller. © Gerhard Kollmer

Friedberg (gk). »Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist eine vorübergehende Erscheinung.« Mit dieser vollmundigen Prognose lag Kaiser Wilhelm II. gründlich daneben. In Leo Falls Operette »Die Dollarprinzessin« von 1906 klingt es dagegen euphorisch: »Das Auto wird die Krone des Jahrhunderts«.

Etwas zurückhaltender fällt die Einschätzung eines anderen Zeitgenossen namens Otto Julius Bierbaum aus: Er schreibt im Vorwort seines 1903 erschienenen Reisebuchs »Eine empfindsame Reise im Automobil - von Berlin nach Sorrent und zurück an den Rhein«: »Es wird zwar, wie ich glaube, nicht mehr lange dauern, und das Reisen im Automobil ist etwas Gewöhnliches. Vorderhand aber gehören längere Reisen dieser Art noch zu den Seltenheiten.«

Mit Grammofon und Platten

Bierbaum, dem nur 44 Lebensjahre beschieden waren, war ein literarischer Tausendsassa: Journalist, Lyriker, Romancier, Librettist und Herausgeber von Kunstzeitschriften wie »Pan« und »Die Insel«. Jo van Nelsen ist in Friedberg durch zahlreiche Auftritte bestens bekannt.

Er »begleitete« Bierbaum und dessen Frau am Samstagabend im Kesselhaus des Theaters Altes Hallenbad auf seiner epochemachenden dreimonatigen Reise im Jahr 1902 von Berlin über Dresden, Prag, Wien, Salzburg, München, Venedig, Padua, Rimini, Florenz, Neapel, Capri, Sorrent und zurück über den St. Gotthard in die Heimat. Diese vom Berliner Scherl Verlag gesponserte rund 2000 Kilometer lange Expedition im roten Cabrio der Frankfurter Adlerwerke war eine Sensation; und der ein Jahr später erschienene so kurzweilige wie amüsante Bericht wurde binnen weniger Monate zum Bestseller.

Wie von ihm nicht anders zu erwarten, ging van Nelsens zweistündiger Auftritt über eine herkömmliche Rezitation der Highlights dieses singulären Werks weit hinaus. Ausgestattet mit einem Grammofon und Schellackplatten aus den 1920er Jahren und garniert mit Lichtbildern von zeitgenössische Plakaten, Anzeigen, kolorierten Ansichtskarten und Fotos der »empfindsamen Reise« in den sonnigen Süden, hatte Jo van Nelsen mit untrüglichem Gespür die schönsten Passagen von Bierbaums Bericht ausgewählt und dem faszinierten Auditorium in seiner unnachahmlich-verschmitzten Weise zu Gehör gebracht.

Lupenreines Hochdeutsch, präzise Diktion und Artikulation, ständig wechselnde Sprechtempi von atemlos bis nachdenklich-getragen, kurz: In der kongenialen Anverwandlung an einen der bedeutendsten literarischen Reiseberichte des vergangenen Jahrhunderts zeigte sich wieder einmal die große Kunst Jo van Nelsens.

Umwerfend komisch ist Bierbaums Schilderung des Spalier stehenden, Trinkgeld fordernden Hotelpersonals in Wien, sind seine ätzenden Charakteristiken der blasierten englischen Touristinnen in Florenz, ist die Enttäuschung über den nicht Rauch speienden Vesuv (obwohl im »Baedeker« so verheißen), die Empörung über den tumben, schwyzerdütsch daherredenden Polizisten aus dem Kanton Uri.

Dem stehen nachdenkliche Betrachtungen über die Kehrseite des organisierten Tourismus (vor allem englischer Provenienz) am Beispiel Venedigs gegenüber.

Zugegeben: Manch herablassende Bemerkungen Bierbaums über »naive« Italiener, hinterwäldlerische Schweizer etc. mögen heutigen Ohren fremd klingen. Aber sie schmälern nicht im Geringsten die kosmopolitisch-weltoffene Gesinnung, die seinem Bericht zugrunde liegt.

Und das Grammofon? Ihm entlockt van Nelsen wunderbare Klänge. Wir hören den berühmten Enrico Caruso in einer Aufnahme von 1902 mit der Arie »Lache, Bajazzo«; Paul Linckes »Schlösser, die im Monde liegen« aus »Frau Luna«, Operettenarien von Johann Strauss und vieles mehr.

Dem großartigen »Gesamtkunstwerk« des Frankfurter Ausnahmekünstlers spendet das Auditorium lang anhaltenden Applaus.

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