Andre Camacho von "Born in the Wetterau" mixt den "Hessen-Caipi".
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Andre Camacho von »Born in the Wetterau« mixt den »Hessen-Caipi«.

Einzelhandel

Kundenkontakt trotz Lockdown: Friedberger Händler drehen witzige Videos

  • Jürgen Wagner
    vonJürgen Wagner
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Lockdown, das heißt für viele Geschäftsleute: Kein direkter Kontakt zu den Kunden. Um diese trotzdem zu erreichen, werden Friedberger Händler zu Filmstars und drehen witzige Videos.

Autofahrer wissen: In der Homburger Straße muss man vom Gas gehen, am Amtsgericht wird geblitzt. Aber weiß das auch der Fahrer des Lastenfahrrads, der im irren Tempo angeheizt kommt? Er weiß es nicht, wie die (ins Video montierten) Blitzstrahlen zeigen. In der letzten Einstellung guckt Ulf Berger, Inhaber von Lederwaren Steck, belämmert in die Kamera.

Ulf Berger weiß, wie man für einen Hingucker sorgt. Sein blaues Lastenfahrrad, mit dem er Ware ausliefert, springt ins Auge. Seit der Pandemie nutzt er auch seine Facebook-Seite, um die Werbetrommel zu rühren. Das machen viele Händler in Friedberg. Wer etwa wissen will, wie man einen Hessen-Caipi mixt, schaut sich ein Video von »Born in the Wetterau« an: Andre Camacho zerdrückt stilvoll Limetten mit braunem Zucker und Minze, gießt Apfelschnaps drüber und serviert das Ganze augenzwinkernd unter dem Motto »Das Auge trinkt mit«.

Friedberg: Corona-Ballerspiel sorgt für Schlagzeilen

Jörg Schulzeck (Café-Bar »Novum«) und Sebastian »Basti« Beck (»Die Dunkel«) sorgten mit der Entwicklung eines Videospiels für Schlagzeilen: Mit ihrem Corona-Shooter kann man das Virus wegballern. Auf ihren Facebook-Seiten macht ein Bollywood-Schauspieler mit falscher Stimme Werbung für das (kostenlose) Spiel. Das Juweliergeschäft Burck überraschte seine Facebook-Follower im Februar mit einer Büttenrede: »Denn trotz Corona, das ist klar, sind wir auch weiter für Euch da.«

Auch die Videos von Klaudia und Norbert Decher vom Bettenhaus Decher bekommen viele Klicks. Da liegt die Chefin mit der WZ im Bett und preist neue Waren an oder sie zeigt, wie man Ostern trotz Lockdown im Bett feiert.

Das Modehaus Ruths produziert in Eigenregie »Home Shopping Videos«. Männliche Models präsentieren auf der großen Treppe zum 1. Obergeschoss die neuesten Modetrends. Stefan Bach von Schuh-Bach singt zur Gitarrenbegleitung eine Hymne auf die Füße. Das ist kurzweilige Unterhaltung, aber es gibt auch Videos, die mehr Geduld verlangen. So stellt der Spieleverlag Pegasus in einem über einstündigen Film die neuesten Spiele vor.

Die meisten Klicks erhalten Videos, die mit witzigen Einfällen punkten. Etwa wenn Ulf Berger als Nachrichtensprecher der Sendung »Steck’s Kunde« den Zuschauern weismachen will, es gebe in Friedberg für fahrbare Einkaufstaschen (»Hackenporsche«) seit neuestem eigene Parkplätze. Mal erklimmt er keuchend den Adolfsturm, mal streichelt er eine Handtasche, knetet das Leder und säuselt im lasziven Ton, er entdecke gerade seine weibliche Seite. Die abschließende Nahaufnahme zeigt ihn mit Lippenstift.

Diese Videos hat die Journalisten und PR-Fachfrau Jutta Himmighofen-Strack gedreht. »Das war eine Schnapsidee«, sagt Berger. Pro Woche wird mindestens ein Video veröffentlicht, manchmal auch mehr. »Ich habe nur positive Reaktionen bekommen.«

Stand-up-Comedy aus Friedberg: Gerda babbelt und babbelt

Jutta Himmighofen-Strack ist vielen Friedbergern in ihrer Stand-up-Comedian-Rolle als »Gerda Schmidt« bekannt: Eine aufgetakelte, hypernervöse Dame mit großem Mitteilungsbedürfnis, die ihrem entfernten Verwandten Wolf Schmidt alias »Babba Hesselbach« nacheifert und hessisch babbelt, was das Zeug hält. Das ist mitunter urkomisch, wenn sie eine Zeitung mit der Schlagzeile »Apokalypse« in die Kamera hält und den Zuschauern Mut zuspricht. Sie habe im ersten Lockdown »eine verdächtige Ruhe« gespürt, erzählt Gerda. »Wenn einen alle anderen nerven, ist alles in Ordnung. Aber wenn’s so ruhig ist, da ist Gefahr in Verzug.« Das sei bei Kleinkindern nicht anders als bei Politikern, und deshalb flaniert sie über die Kaiserstraße und guckt dem Volk aufs Maul. Gerda ist nicht nur »ein wilder Feger«, wie sie nicht müde wird zu betonen. Sie ist auch längst ein Werbeträger des Friedberger Einzelhandels. Bei ihren Besuchen will sie Verkäuferinnen »mieten« (wegen »Click and Meet«) oder sie wünscht sich »erotisch-rutschige« Nachtwäsche aus rotem Satin. Gerda, erzählt Jutta Himmighofen-Strack, sei ein durch und durch positiver Mensch: »Gerda macht Hoffnung.« Denn sie und viele andere Gewerbetreibende wissen: Diese Pandemie lässt sich nur mit Humor ertragen.

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