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Werner Reinke und Biber Herrmann bei »Friedberg lässt lesen«

Wenn der beschwispte Radiosprecher den Blues hat

  • Jürgen Wagner
    VonJürgen Wagner
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»Blödsinn & Blues« heißt das Programm von Werner Reinke und Biber Herrmann, mit dem die Radiolegende und der Bluesgitarrist das Publikum in der Friedberger Augustinerschule begeisterten.

Mundwerk und Handwerk« haben Werner Reinke und Biber Herrmann ihr Programm untertitelt, und das trifft die Sache punktgenau. Hier der Grandseigneur der gepflegten Radiounterhaltung, der preisgekrönte Moderator, längst eine HR-Legende ob seiner sonoren, ungemein wandelbaren Stimme. Und an seiner Seite einer der profilliertesten Bluesgitarristen Deutschlands, ein Ausnahmekünstler, der die Saiten seiner Resonatorgitarre so flink bedient, dass man glauben möchte, auf der Bühne säße eine komplette Band mit Bass, Schlagzeug, Solo- und Rhythmusgitarre, Harp und Gesang.

Zwei Stunden lang unterhalten Reinke und Herrmann ihre knapp 100 Gäste in der Aula der Augustinerschule. »Wir sind ausverkauft«, schmunzelte Julian Klein bei der Begrüßung, erinnerte aber auch daran, dass die drei Kooperationspartner Sparkasse Oberhessen, Ovag und die Buchhandlung Bindernagel bei Veranstaltung von »Friedberg lässt lesen« in der Augustinerschule normalerweise 270 Zuschauer begrüßen können.

Reinke demonstriert gleich zu Anfang was er unter »Blödsinn« versteht: Höhere Komik, Wortspiele, Gedichte, Parodien und Anekdoten von Robert Gernhardt bis Heinz Erhardt, von Georg Kreisler bis Fritz Ekenga.

Wenn Moderatoren einen sitzen haben

Dazu kommen persönliche Erlebnisse aus seinem Radioleben. In diesem Job gilt (oder galt?) offenbar: Ohne Doornkaat geht gar nichts. Und wenn die Kollegen dem beschwipsten Moderator Streiche spielen, kann es passieren, dass dieser fünf Sendeminuten lang ununterbrochen lachen muss. Ist wirklich passiert, bei Reinkes erster Sendung im HR, und wer einen Mitschnitt davon habe, dem versprach er 1000 Euro. Diese Offerte machte Reinke mehrfach an dem Abend; es gibt viele verunglückte Radiosendungen, die nicht mitgeschnitten wurden.

Einmal sollte Reinke den Text eines zahnmedizinischen Lehrfilms einsprechen. Einer Zahnärztin fiel auf, dass er den Musculus mylohyoideus nicht auf dem »i«, sondern auch dem »e« betont hatte. Der Musculus mylohyoideus, das weiß man ja, beginnt an der der Linea mylohyoidea und ist das Gegenstück zum Musculus geniohyoideus, der - aber wem erzählen wir das - zur suprahyalen Muskulatur gehört. Reinke musste den einstündigen Film komplett neu einsprechen, bis ein Professor meinte, die Betonung auf dem »e« sei doch korrekt. Da war das erste Tonband aber schon überspielt und Reinke durfte sich ein drittes Mal mit dem Musculus mylohyoideus und seinem Kontrahenten Musculus geniohyoideus beschäftigen - er kann das bis heute fehlerfrei und vermutlich sogar im Schlaf aufsagen.

»Oh, wenn ich jaulen könnte wie ein Biber« - eine Zeile aus einem Gedicht. »Hier sitzt ein Biber, der jaulen kann«, leitete Reinke zu seinem musikalischen Partner über. Der revanchierte sich mit der Bemerkung, Reinke sei früher Holzimportkaufmann gewesen. »Und was kann einem Biber besseres passieren, als die Bühne mit einem Holzimportkaufmann zu teilen?«

Delta-Blues und ein Countertenor

Biber heißt eigentlich Matthias. In der deutschen Blues-Szene gilt er als einer der ganz Großen. Biber Herrmann hat kräftige Hände wie ein Winzer, der er auch mal war. Aber was er damit anstellt, wie geschickt er die Saiten seiner Gitarre zupft, schlägt, streichelt, mit dem Handballen dämpft, wie er sie mit dem Bottleneck jaulen lässt, dass man glauben möchte, hinter der Bühne sitze ein Kojote, der erbarmungswürdig und doch wunderschön den Mond anheult - das ist ganz große Klasse.

Bei »Got my Mojo working« stimmt Reinke mit Brummbass im Refrain ein, später singt er »The House of the raising sun«. Aber das ist nicht alles. »Going up the Country« ist ein Blues aus den 1920er-Jahren. Bei Herrmann bekommt der Song Flügel, so federleicht kommt er daher. Bekannt wurde das Lied durch die Band Canned Heat, die es auf dem Woodstock-Festival spielte - gesungen im Countertenor von Alan »Blind Owl« Wilson. Dieses dünne, zerbrechliche Stimmchen kennt jeder Rockmusikfan. In Friedberg übernimmt Reinke diesen Part, er jault wie ein beschwipster Countertenor, das Publikum ist begeistert. Aber nicht nur das Publikum. Auch die beiden Akteure sind mit einer solchen Freude bei der Sache, dass es ansteckend wirkt. Man lacht und lacht, was aber kein Wunder ist, wenn man Radioversprecher wie jenen vom »buddhistischen Standesamt« zu hören bekommt, das sich dann aber als »statistisches Bundesamt« entpuppt.

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