Seit mehreren Monaten versucht die Wetterauerin Hilfe von unterschiedlichen Behörden zu bekommen. Doch ihre Anfragen drehen sich im Kreis.
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Seit mehreren Monaten versucht die Wetterauerin Hilfe von unterschiedlichen Behörden zu bekommen. Doch ihre Anfragen drehen sich im Kreis.

Corona-Verstöße

Wenn der Chef Corona leugnet: Eine Wetterauerin erzählt von »unzumutbaren Zuständen«

  • vonKatharina Gerung
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Keine Abstandsregelungen, keine Hygienemaßnahmen: Was tun, wenn der Chef sich nicht an die Corona-Maßnahmen hält? Eine Wetterauerin erzählt von ihrem Kampf mit den Behörden.

Der Test war negativ. Seit ein paar Tagen weiß Manuela Högat*, die ihren richtigen Namen lieber nicht in dieser Zeitung liest, dass ihr 20-jähriger Sohn nicht mit dem Coronavirus infiziert ist. Sie ist froh, doch wirklich erleichtert scheint sie nicht. »Dieses Mal war er negativ, ja«, sagt sie. Enttäuschung und Frust schwingen in ihren Worten. »Vor fünf Monaten wäre er sicher anders ausgefallen. Und wer weiß, wie das Ergebnis beim nächsten Mal aussieht.«

Högat sorgt sich seit Beginn der Pandemie um ihren Sohn, denn er gehört - wie sie selbst und auch ihr Lebensgefährte - zur Risikogruppe. Mit jedem Tag wächst die Angst, die beiden Männer könnten sich mit dem Virus infizieren oder bereits infiziert haben. Genährt wird ihr Albtraum vom Arbeitgeber der beiden. Dieser habe, so sagt Högat, einen »grob fahrlässigen Umgang« mit der Corona-Pandemie. Sowohl der Sohn als auch der Lebensgefährte arbeiten bei einem Umzugsunternehmen. Nicht nur Teile der Belegschaft, sondern auch der Chef seien »Corona-Leugner«.

Corona Wetterau: »Corona ist nicht echt«, soll der Chef gesagt haben

Zusammengepfercht in Bussen, keine Desinfektion bei wechselnden Fahrern, auch ansonsten keine Abstandregelungen, keine Hygienemaßnahmen, keine Handschuhe, nicht einmal eine Mund-Nasen-Bedeckung - »dort herrschen unzumutbare Zustände«, schildert Högat. Das Schlimmste dabei sei die Zahl der verschiedenen Menschen, mit denen die Arbeiter tagtäglich in Kontakt kämen. »Und das sind nicht nur Privatleute. Dieses Unternehmen ist ein Virenfänger und -Verbreiter.«

Mehrmals sei der Geschäftsführer des Umzugsunternehmens auf die Situation aufmerksam gemacht worden. Nicht nur vom Lebensgefährten und dem Sohn Högats. Seine Reaktion sei »sehr lapidar« ausgefallen: »Corona ist nicht echt«, soll er gesagt haben und »für so einen Mist investiere ich kein Geld«. Bei der Wetterauerin liegen die Nerven inzwischen blank: »Wie soll man damit umgehen?«

Ein klärendes Gespräch und ein einsichtiger Chef wären der Familie lieber gewesen. Doch nach einem »äußerst fragwürdigen und risikoreichen Einsatz« vor einigen Monaten - die ganze Familie habe danach Symptome einer Corona-Infektion gehabt - sowie mehreren gescheiterten Kommunikationsversuchen sei der Geduldsfaden gerissen. »Zunächst haben wir uns alle für längere Zeit krankschreiben lassen«, sagt Högat, »die beiden Männer sind dann, aus Angst den Job zu verlieren, wieder arbeiten gegangen.«

Corona Wetterau: Wer kümmert sich? Anfragen drehten sich im Kreis«

Högat selbst hat durch die Corona-Krise ihren Job im Vertrieb verloren. »Der Laden musste schließen«, sagt sie. Seitdem hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, dafür zu sorgen, dass ihre beiden Männer unter besseren Bedingungen weiterarbeiten können. Dass dies nahezu einem Vollzeitjob gleichkommt, hätte sie nicht gedacht. Die Wetterauerin kann schwer in Worte fassen, wie enttäuscht sie ist. »Wir fühlen uns alleingelassen«, sagt sie, macht eine kurze Pause und lacht unvermittelt. »Es ist der reinste Irrwitz.«

Was Högat dann schildert, klingt wie eine Odyssee: Seit Ende März versuche sie regelmäßig Hilfestellung sowohl bei der Polizei als auch dem Wetteraukreis, dem Ordnungsamt sowie dem Gesundheitsamt zu bekommen. »Meine Anfragen drehten sich im Kreis«, sagt Högat. Mails, die dieser Zeitung vorliegen, bestätigen, wie die Wetterauerin von einer Behörde an die nächste verwiesen wurde.

Corona Wetterau: Arbeitsschutz oder allgemeiner Infektionsschutz?

Bei Corona-Verstößen jeglicher Art liegt nahe, sich an der Corona-Kontakt- und Betriebsbeschränkungsverordnung zu orientieren. Darin heißt es auch: »Für den Vollzug dieser Verordnung sind () neben den Gesundheitsämtern die örtlichen Ordnungsbehörden zuständig, wenn die Gesundheitsämter nicht rechtzeitig erreicht oder tätig werden können, um eine bestehende Gefahrensituation abwenden zu können.«

Bei dem in diesem Fall angefragten Ordnungsamt hieß es allerdings, Högat solle sich an das Gesundheitsamt wenden. Das Gesundheitsamt verwies jedoch - wie auch die Polizei - an den Wetteraukreis und dieser wiederum an das Amt für Arbeitsschutz in Frankfurt. Dort bezog man sich unter anderem wieder auf die Corona-Kontakt- und Betriebsbeschränkungsverordnung.

Corona Wetterau: Appell an Arbeitnehmer: »Wehrt euch!«

Jedoch: Bei coronabezogenen Beschwerden gebe es oftmals Überschneidungen zwischen dem Arbeitsschutz und dem allgemeinen Infektionsschutz, erklärte das Regierungspräsidium Darmstadt auf WZ-Anfrage. Es sei jedoch zuständig, wenn Arbeitnehmer von Verstößen gegen coronabezogene Schutzmaßnahmen betroffen sind. »Sollte es sich jedoch ausschließlich um Corona-Verstöße handeln, bei denen keine Beschäftigten betroffen sind, würde der Beschwerdeführer an das Gesundheitsamt und die Ordnungsbehörde verwiesen werden«, heißt es weiter.

Bis Högat an diese Information kam, habe es Monate gedauert. Sie könne sich vorstellen, dass die Behörden aktuell überlastet seien, doch sie habe kein Verständnis dafür, wie eine unbeliebte Spielkarte ständig anderen zugesteckt zu werden. »Ich hatte das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden«, sagt sie. Zum Zeitpunkt dieses Artikels ist eine Beschwerde an den Arbeitsschutz die letzte Option der Högats. »Meine Männer begeben sich täglich in Gefahr, das muss sich ändern«, sagt sie. Sie kann sich gut vorstellen, dass es mehreren Wetterauern so geht. Ihr Appell darum: »Arbeitnehmer, wehrt euch!«

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