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Beim Astor-Trio fungiert die Gitarre als lebendige Mitte. Alle drei Musiker agieren auf Augenhöhe (v. l.): Alexander Prushinsky, Tobias Kassung und Stanislaw Anischew.

Wenn Bach auf Piazzolla »trifft«

  • VonGerhard Kollmer
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Friedberg (gk). Hätte er - Johann Sebastian Bach - Gefallen gefunden an dem Konzert, das am Samstagabend im Alten Hallenbad das zahlreich erschienene Publikum zu wiederholten Ovationen und minutenlangem Schlussapplaus hinriss? Hätte er, einer der kühnsten Revolutionäre der Musikgeschichte, zumindest nicht gleich nach kurzem Vernehmen der ersten Akkorde eines anderen Großen der Musik - des 1992 verstorbenen Tango-Revolutionärs Astor Piazzolla, dessen 100.

Geburtstags in diesem Jahr gedacht wird - entsetzt Reißaus genommen?

Wir wissen es nicht. Zumindest lächelt der alte Bach »in effigie« freundlich in die Runde, als das 2006 vom Gitarristen Tobias Kassung ins Leben gerufene Astor-Trio den ersten Satz seiner Sonate h-Moll, BWV 1014 (arrangiert von Kassung) anstimmt. Die beiden anderen Trio-Mitglieder sind Alexander Prushinsky an der Violine und der Kontrabassist Stanislaw Anischenko.

Auch - oder vielleicht gerade - in dieser ungewöhnlichen Besetzung wird die Bach-Sonate zum eindrucksvollen Hörerlebnis. Im einleitenden Adagio brilliert die Violine mit schwierigen Doppelgriffen, während im abschließenden Allegro der majestätische Kontrabass zeigt, was in ihm steckt. Die Gitarre fungiert als lebendige Mitte. Alle drei Musiker agieren auf Augenhöhe.

Wir besteigen nun die Zeitmaschine und reisen - über zehn Generationen hinweg - von Köthen in Anhalt, wo der junge Bach als Kapellmeister wirkte, ins Buenos Aires der Jahre um 1900.

Jetzt erklingen die ersten drei Teile von Piazzollas legendärer »Histoire du tango« für Flöte und Gitarre aus dem Jahr 1986. In diesem an barocke Suiten angelehnten Meisterwerk aus dem Geist des von ihm in den 1950er Jahren kreierten »tango nuevo« wird die Geschichte des Tangos seit Ende des 19. Jahrhunderts »erzählt«. Bei der kongenialen Interpretation durch das Astor- Trio erweist sich jeder der drei Musiker als Virtuose seines Instruments. Bogenschläge auf der Violine, schrille Tonfolgen in hoher Lage, rasend schnelle Läufe - einschl. des Kontrabasses, Glissandi, Synkopen, jähe Brüche, ständige Rhythmuswechsel: All diese Herausforderungen werden gleichsam spielerisch gemeistert - ohne dabei die Emotionalität dieser Musik unter so viel spieltechnischer Brillanz zu »begraben«.

Die Weisen des »tango nuevo« sind nicht harmonisch im herkömmlichen Sinn, sind keine gefälligen tanzbaren Rhythmen. Es ist eine avancierte Musik, die sich in Piazzollas Spätwerk (zu dem auch die »Histoire du tango« zählt) am Rande der Tonalität bewegt, in der Härte und sehnsuchtsvolle Melancholie immer wieder abrupt ineinander übergehen. Wie sich der Tango von der ausgelassenen Tanzmusik der Hafenkneipen um 1900 über die eher gefällige »Kaffeehausmusik« der 30er Jahre zum »tango nuevo« der 50er Jahre entwickelt: Dies in der kongenialen Interpretation des Astor-Trios hautnah miterleben zu dürfen, wird mit frenetischem Applaus vor der Pause belohnt.

Auf das Adagio aus Bachs E-Dur-Sonate BWV 1016 mit wunderbaren Kantilenen der Violine folgt - fast unmerklich - eine Eigenkomposition Tobias Kassungs: Seine erste »Buenos Aires Fantasie«, op. 13 als Hommage an den argentinischen Meister. In diesem von leiser Melancholie geprägten Stück beeindruckt der Kontrabass mit kurzen virtuosen Einlagen.

Abschiedsgruß an den Vater

»Adios Nonnino«: Piazzollas Abschiedsgruß an den liebevoll »Großväterchen« genannten Vater aus dem Jahr 1959 löst durch seine eigentümliche, kaum in Worte zu fassende Tonfolge Betroffenheit und Begeisterung zugleich aus. Dem Astor-Trio gelingt mit dessen Vortrag das umjubelte Highlight eines an eindrucksvollen Interpretationen reichen Abends. Rauschender Applaus.

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