Ausbildungen und Branchen gibt es viele - nur werden es immer weniger Bewerber. Diesen Eindruck hat Kerstin Münster vom Wöllstädter Unternehmen etiscan. Die Anzahl der Bewerbungen hat in den vergangenen Jahren sukzessive abgenommen, sagt sie.
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Ausbildungen und Branchen gibt es viele - nur werden es immer weniger Bewerber. Diesen Eindruck hat Kerstin Münster vom Wöllstädter Unternehmen etiscan. Die Anzahl der Bewerbungen hat in den vergangenen Jahren sukzessive abgenommen, sagt sie.

Ausbildung 2020

Wegen Corona? Wöllstädter Unternehmen hat auffällig weniger Bewerber als sonst

  • Sabrina Dämon
    vonSabrina Dämon
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Haben die Corona-Maßnahmen Auswirkungen auf Berufsausbildungen? In der Statistik der Arbeitsagentur ist dies noch nicht sichtbar - das Wöllstädter Unternehmen etiscan spürt es aber an den Bewerbungen.

Immer mehr junge Leute wollen nach der Schule studieren. Das merken vor allem Ausbildungsbetriebe: zu wenige Bewerber, unbesetzte Stellen. In der Folge: Fachkräftemangel. Kerstin Münster kennt das Problem: »In den Anfangsjahren sind im Schnitt 80 bis 100 Bewerbungen im Jahr eingegangen«, sagt die Geschäftsführerin des Wöllstädter IT-Unternehmens etiscan. »Die vergangenen drei Jahre waren 30 bis 40.«

Die Anfangsjahre sind schon eine Weile her. 1996 gründete sie mit Hubertus Hofmann das Unternehmen. Seit vielen Jahren bilden sie in drei Berufen aus: IT-Fachinformatiker Systemintegration, IT-Fachinformatiker Anwendungsentwicklung sowie Kaufmann/-frau für Büromanagement.

Wöllstädter IT-Unternehmens etiscan: Vorstellen per Videokonferenz?

Einer, der noch mitten in der Ausbildung steckt, ist Gabriel Mastran. Vergangenes Jahr, nach dem Abitur, hat er mit der Ausbildung im Bereich Systemintegration angefangen. Und ist damit eher eine Ausnahme. »In meinem Freundeskreis haben sich die meisten für ein Studium entschieden«, erzählt er. Das habe auch daran gelegen, dass viele nicht wussten, was sie nach der Schule machen sollten. Für ihn sei ein Studium aber nicht infrage gekommen. »Ich wollte keine Zeit verschwenden, sondern lieber Geld verdienen.« Nun, nach einigen Monaten im Betrieb, sagt er: »Es war die richtige Entscheidung.«

Dieses Jahr sollte er eigentlich einen neuen Azubi-Kollegen bekommen. Doch, sagt Kerstin Münster: Daraus wird wohl nichts. Rund 20 Bewerbungen seien bisher eingegangen, »von denen ist die Hälfte unbrauchbar« - zu viele unentschuldigte Fehltage, unvollständige Unterlagen.

Dass ohnehin wenige Bewerbungen hereinkommen, ist Münster gewohnt (»In den vergangenen Jahren hat es sukzessive abgenommen«). Doch in diesem Jahr sei es besonders auffällig. Das liegt auch an der Situation, vermutet sie: »Ich habe das Gefühl, die Schulabgänger sind in einer Art Schockstarre. Dabei kann man sich doch auch in Corona-Zeiten bewerben. Auch wenn man die Vorstellungsgespräche online oder mit Mundschutz macht.«

Wöllstädter IT-Unternehmens etiscan: Zahlen ähnlich wie vergangenes Jahr

Was für viele potenzielle Bewerber zurzeit wegfällt: die persönliche Berufsberatung durch die Arbeitsagentur, schildert Dr. Tobias Meyer. Er ist Bereichsleiter der Arbeitsagentur Gießen (die auch für die Wetterau zuständig ist) und verantwortlich für die Berufsberatung. Normalerweise gehen die Berater in Schulen, bieten Veranstaltungen sowie Einzelgespräche an. Das falle nun weg. Allerdings nicht komplett: Ein Großteil davon habe bereits nach den Halbjahreszeugnissen stattgefunden, also vor den Corona-Maßnahmen. Und wer signalisiert habe, dass er eine Ausbildung machen möchte und bisher noch keinen Platz habe, werde nun telefonisch kontaktiert.

Gerade Mai und Juni seien in der Regel beratungsstarke Monate für die, die noch auf der Suche seien. »Da ist es schon schwierig, wenn man nicht persönlich an der Schule ist.« Dennoch, sagt Meyer: Viele der potenziellen Azubis kämen gut alleine zurecht.

Ausbildung in Zeiten von Corona: Situation für Bewerber weiterhin gut 

Zurzeit sei die Situation auch nicht anders als in den vergangenen Jahren: Laut April-Zahlen (die aktuellsten, die bei der Agentur ausgewertet vorliegen) gibt es zurzeit im Kreis insgesamt 1674 gemeldete Bewerber für eine Ausbildungsstelle (im Vorjahr waren es 1804). Davon seien bisher 750 »versorgt«, wie es in der Statistik heißt (April 2019: 791). Demgegenüber stehen 1374 gemeldete Stellen (2019: 1351). In den Zahlen macht sich die Situation durch Corona also noch nicht bemerkbar. »Aus Bewerber-Sicht hat sich das Verhältnis Bewerber/Ausbildungsstellen sogar verbessert.«

Laut Meyer sei die große Frage aber: Inwieweit wirken sich die Corona-Maßnahmen auf den Stellenmarkt aus? Werden freie Lehrstellen zurückgezogen, weil sich die Situation im Unternehmen verändert hat? »Momentan ist uns zwar noch nichts bekannt, aber wir müssen das beobachten«, sagt er.

Für Münster von etiscan stellt sich diese Frage nicht. Wirtschaftlich habe Corona keinen Einfluss auf das Unternehmen. »Wir bekommen viele Anfragen. Viele Unternehmen nutzen die Situation, um sich digital fit zu machen.« Gerade in der IT-Branche würden daher Fachkräfte gebraucht. Schwierig sei es bloß, sie zu finden. »Deswegen bilden wir aus. Um Fachpersonal zu finden und zu halten.«

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