Sie klettern an Regenrinnen hoch, heben Ziegel ab und schlüpfen ins Dach, beschädigen Dämmungen und richten sich eine "Toilette" ein: Für nicht wenige Hausbesitzer sind Waschbären zu einer echten Plage geworden.
+
Sie klettern an Regenrinnen hoch, heben Ziegel ab und schlüpfen ins Dach, beschädigen Dämmungen und richten sich eine »Toilette« ein: Für nicht wenige Hausbesitzer sind Waschbären zu einer echten Plage geworden.

Bedrohung

Waschbärplage in der Wetterau: Jagd auf einen »niedlichen« Zerstörer

Waschbären gelten als Spitzbuben mit hohem Zerstörungspotenzial. Die aus den USA stammenden Allesfresser bedrohen auch im Wetteraukreis heimische Arten. Deshalb werden sie bejagt.

Er wird »possierlich« und »niedlich« genannt, doch die Bewohner in Bruchenbrücken und anderen Orten der Wetterau bringen dem »Procyon lotor«, wie der Waschbär wissenschaftlich bezeichnet wird, wenig Sympathie entgegen. Da ihm natürliche Feinde fehlen, verbreitet sich der aus Nordamerika stammende Kleinbär rasant. Er gefährdet einheimische Boden- und Wiesenbrüter, Hasen und Feldhamster und kann - ist er erst auf einem Dachboden eingezogen - an Häusern beträchtlichen Schaden anrichten.

Bruchenbrücken ist ein Waschbär-Hotspot im Wetter-aukreis. Um die 100 Tiere, neun Prozent der Wetterauer Gesamtmenge, habe der örtliche Jagdpächter zu seinem Erstaunen binnen zwölf Monaten gefangen, berichtet Stadtverordnetenvorsteher Hendrik Hollender. Ein Vereinsheim und Privathäuser im Ort hatten Waschbären als »Untermieter«. »Diese Tiere sind unglaublich geschickt. Wenn ich nicht ein Video gesehen hätte, wie ein Waschbär übers Regenrohr aufs Dach klettert, dort Dachziegel anhebt und darunter durchschlüpft, hätte ich es nicht geglaubt«, berichtet der CDU-Politiker.

Schäden an Dachdämmungen oder durch Urin und Kot der Tiere lassen sich nur mit erheblichem Aufwand wieder beseitigen. Hollender fordert deshalb ein »Waschbärmanagement« für Friedberg.

Waschbärplage in der Wetterau: 1,3 Millionen Tiere in Deutschland

Als Allesfresser verspeisen Waschbären auch pflanzliche Kost. Zu knapp zwei Dritteln ernähren sie sich aber von Weichtieren wie Schnecken oder von Wirbeltieren wie Vögeln, Hasen, Kiebitzen, Rebhühnern und Fasanen - und deren Nachwuchs. Experten schätzen, dass in Deutschland 1,3 Millionen Waschbären jährlich 260 Millionen Wirbeltiere fressen. »Ein Problem ist die hohe Dichte«, erläutert Dr. Tim Mattern von der Unteren Naturschutzbehörde.

Das Bingenheimer Ried ist ein Schutzgebiet für Bodenbrüter wie Bekassine, Kiebitz und eine besondere Rarität, den Großen Brachvogel. Nicht nur hier, auch in anderen Teilen Deutschlands haben Naturschützer die Erfahrung gemacht, dass ein großes Raubtieraufkommen die Vorzüge selbst optimaler Lebensbe- dingungen zunichtemachen kann. Fünf Hektar des Gebiets sind jetzt von einem 1,80 Meter hohen Zaun geschützt, der nicht untergraben werden kann. »Allein vom Kiebitz haben wir 70 Brutpaare, ein Riesenerfolg«, freut sich Mattern.

Durch einen Zaun schützen lassen sich aber nur Tiere, deren Brut- und Lebensraum sich begrenzen lässt. Für den Schutz von Hasen, Feldhamstern oder der Europäischen Sumpfschildkröte, die bei Nidda wieder ausgesiedelt wurde, müssen andere Lösungen gefunden werden - wie die Jagd.

Dr. Nadine Stöveken, beim Landesjagdverband Hessen zuständig für Naturschutz und Wildbiologie, beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema und vermisst eine klare Haltung der Landespolitik. Umstritten ist nach ihren Worten vor allem die »Fangjagd«, deren Verbot in Wiesbaden immer wieder diskutiert wird. »Waschbären sind fast ausschließlich nachtaktiv, deshalb halten wir die Jagd mit Lebendfallen für ein geeignetes Mittel«, erläutert Stöveken.

Waschbärplage in der Wetterau: Über 1000 Tiere im Jagdjahr gefangen

Im Jagdjahr 2019/2020 wurden in der Wetterau in mehreren Hundert Lebendfallen 1138 Waschbären gefangen und anschließend vom Jagdpächter erschossen; nur wenig mehr (1159) wurden außerhalb der vom 1. März bis 31. Juli geltenden Schonzeit auf offener Fläche erlegt, 200 weitere fielen Verkehrsunfällen zum Opfer.

Vom Land wünschen sich die Jäger hinsichtlich des Aufstellens der etwa 1000 Euro teuren Lebendfallen, die täglich kontrolliert werden, vor allem Planungssicherheit durch den erklärten Verzicht auf ein Verbot. »Bundesweit werden viele Artenschutzprogramme von der Fangjagd begleitet, damit sie erfolgreich sind, siehe Bingenheimer Ried. Im Grunde ist die Fangjagd im Interesse aller Naturschützer, denen es darum geht, bedrohte einheimische Arten zu retten«, argumentiert Stöveken.

Hausbesitzer, die keine Waschbären auf ihr Grundstück locken wollen, sollten nichts Essbares liegen lassen, Fallobst ebenso wenig wie Lebensmittelabfälle auf dem Kompost oder Katzenfutter. Hat sich ein Waschbär eingenistet, hilft der Jagdpächter.

Waschbärplage in der Wetterau: Einwanderer aus Nordamerika

Ursprünglich aus Nordamerika stammend, kam der 40 bis 70 Zentimeter große, 3,5 bis 9 Kilogramm schwere Waschbär Anfang des 20. Jahrhunderts zunächst als Bewohner von Zoos und Tierparks nach Europa. Aus Gehegen entkommene oder bewusst ausgesetzte Tiere fühlten sich in den deutschen Laub- und Mischwäldern wohl, vermehrten sich. In Hessen verbreiteten sich Waschbären in den letzten 60 Jahren von Kassel aus in südwestlicher Richtung. Die Wildbiologin Dr. Nadine Stöveken hat die Zahl der landesweit jährlich erlegten, gefangenen oder tot aufgefundenen Tiere für ein Schaubild in Fünfjahreszeiträumen zusammengefasst. Für den Wetteraukreis hat sich diese »Strecke« seit 2006 vervierfacht. »Dass wir daraus auf eine ähnlich starke Vergrößerung der Population schließen dürfen, wurde wissenschaftlich nachgewiesen«, betont sie.

Auch der Kreis Gießen hat mit immer mehr Waschbären zu kämpfen. Sie werden auch hier inzwischen zu einem Problem.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare