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Wie Kerstin Dutiné aus ihrem Berufsalltag weiß, legen Narzissmus-Opfer einen Leidensweg zurück. Sich zu lösen, sei nicht einfach, sagt die Heilpraktikerin für Psychotherapie.

Psychologie

Der falsche Charme der Narzissten: „Es ist ihnen egal, ob der Partner leidet“

  • vonPetra Ihm-Fahle
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Was für ein toller Typ! So denken mitunter Menschen, die sich vom Charme eines Narzissten blenden lassen. Das kann der Beginn eines leidvollen Wegs sein, wie drei Betroffene der WZ erzählen.

Als Sabine P. (Name geändert) ein dauerhaftes Engagement an einem kleinen Theater antrat, fand sie ihren neuen Chef außerordentlich nett. Bald aber spürte sie, dass er narzisstische Züge hatte. »Gerade im Theater trifft man Menschen, die häufig sehr um sich kreisen. Es ging ihm nicht ums Theater, um die Qualität, es ging nur um seine Person«, schildert die 44-Jährige, die im Kreis Gießen lebt. Der Chef habe den meisten Applaus gewollt, das Ensemble oft bei der Arbeit behindert und die Trinkgelder eingeheimst. »Nur das, was er sagte, war richtig. Er versuchte auch, die Leute gegeneinander auszuspielen«, erzählt sie weiter. Zu Menschen, die beruflich und emotional abhängiger von ihm waren als Sabine P., sei er illoyal gewesen. Irgendwann empfand sie die Situation als unerträglich und ging.

Mit Narzissmus-Opfern hat Kerstin Dutiné in ihrer Praxis in Bad Nauheim oft zu tun. Ein Narzisst hat laut der Heilpraktikerin für Psychotherapie gewisse Eigenschaften: »Er stellt sich gern in den Vordergrund, ist ein sehr guter Redner und beeindruckt dadurch.« Auf emotionalem Gebiet sei er manipulativ. »Der Narzisst dominiert und kontrolliert alles, weil er in seiner Unsicherheit nur so den Überblick behält«, erklärt die 52-Jährige. Auf Anhieb erkennbar seien Narzissten nicht. Auffällig sei allerdings, wenn jemand übermäßig glänzend wirke und über andere Menschen meistens schlecht rede. Auch Frauen können laut Dutiné narzisstisch sein.

Narzissten: Körperliche Gewalt und verbale Peitschenhiebe

Annette S. (Name geändert) war viele Jahre mit einem Mann verheiratet, den sie zunächst als charmant, später als narzisstisch erlebte. Schnell wollte er heiraten. »Zu Beginn waren wir eng miteinander verbunden, hatten oft die gleichen Gedanken«, erzählt die 54-Jährige aus der Wetterau. Die Ehe sei allerdings hart und freudlos gewesen. Es gab weder Gespräche noch Unternehmungen, er log, schlug das Kind und wohl auch den Hund, wenn sie nicht zu Hause war. Mit verbalen Peitschenhieben wertete er seine Frau ab, etwa, wenn sie vom Friseur kam. »Hat man dich überhaupt drangenommen?«, fragte er. Aber auch direkte Beleidigungen waren an der Tagesordnung. Nach außen machte er einen guten Eindruck, weshalb Außenstehende das Problem nur schwer nachvollziehen konnten. Er verließ sie für eine andere, mittlerweile lebt er nicht mehr. Noch heute steht Annette S. für seine Schulden gerade, die er hinter ihrem Rücken gemacht hat.

Zunächst sind Opfer eines Narzissten hingerissen von ihm, wie Kerstin Dutiné weiß: »Sie denken: ›Ach, was ist das für ein toller Typ‹.« Häufig wolle der Narzisst in einer Partnerschaft möglichst schnell viel Nähe. »Sie stellen eine Symbiose her, indem sie ihr Gegenüber immer wieder bestätigen.« Das gehe so lange, bis der Narzisst die betroffene Person ganz für sich hat. Meistens erkennt der Narzisst laut Dutiné eine Unsicherheit bei seinem Gegenüber, etwa Verlustängste. »Er meldet sich nicht, schreibt nicht zurück, stellt das Telefon aus und behauptet, es liege an der betroffenen Person. Oftmals manipuliert er sein Opfer und bekommt dadurch exakt die Beachtung, die er braucht.« Häufig seien Narzissten untreu, sie erniedrigten, um sich selbst zu erhöhen. »Es ist ihnen egal, ob der Partner leidet.«

Erfahrung mit Narzissten: Als sie sich trennte, machte er Terror

Sandra M. (Name geändert) zog sich zunächst zurück, als die Ex-Frau ihres neuen Freundes sie eindringlich vor ihm warnte. Sein Charisma und romantisches Werben überzeugten sie letztlich aber doch, weshalb sie einer Heirat rasch zustimmte. In der Ehe beachtete er sie bald nicht mehr, wurde lustlos, betrog sie und schlug in ihrer Abwesenheit das Kind. Als sie sich trennte, machte er Terror. Er verbreitete Tonaufnahmen im Bekanntenkreis, zeigte sie und ihren neuen Partner grundlos an und diffamierte sie bei ihrem Arbeitgeber. Den Kontakt zum gemeinsamen Kind brach er ab, da es sich nicht komplett auf seine Seite stellte. »Ich will ihn nie wieder sehen!«, betont die Friedbergerin. Was der richtige Weg sein kann, wie Dutiné konstatiert: »Wer den Fängen eines Narzissten entkommen will, sollte sich möglichst weit entfernen.«

Narzissmus: Drei Fragen an Kerstin Dutiné

Wodurch wird ein Mensch zum Narzissten?
Oftmals entwickelt sich Narzissmus in der Kindheit, wenn ein Elternteil Narzisst ist, aber auch bei starker Vernachlässigung oder Überbehütung. Eine narzisstische Persönlichkeitsstörung kann viele Gesichter haben. Es ist nicht immer leicht zu erkennen, für die Betroffenen fast immer zu spät.
Wird der Begriff nicht zu schnell verwendet?
Ein bisschen Narzisst sind wir alle, das Wort ist ein Modebegriff ohne fachliche Fundierung geworden. Narzissten sind für emotional bedürftige Menschen gefährlich. Je länger eine Verbindung mit einem Narzissten besteht, umso mehr zweifeln Betroffene an sich. Das Selbstbewusstsein schwindet - ein Teufelskreis. Aber auch der Narzisst leidet, da er selbst nur ein geringes Selbstwertgefühl hat und sich ständig erhöhen muss. Narzissmus ist nicht heilbar, es sei denn der eigene Leidensdruck wird so groß, dass er für sich selbst Handlungsbedarf erkennt.
Wie löst man sich von einem Narzissten?
Das ist ein langer Weg, den nicht jeder schafft - selbst mit psychologischer Unterstützung. Wird sich das Opfer seiner Situation bewusst, wird es für den Narzissten schwerer zu manipulieren. Besonders nach einer Trennung kann er sehr freundlich sein. Kann er sein Opfer nicht wieder für sich gewinnen, wird er sehr hässlich und übt vielfältig Psychodruck aus. Der Narzisst lässt sein Opfer nicht einfach los. Noch schwieriger wird es, wenn Kinder im Spiel sind und der Narzisst über diese immer wieder Macht und Manipulation ausübt. Ein klarer Schnitt, der unbedingt nötig wäre, ist so fast unmöglich.

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