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Was Flüchtlingshilfe in der Wetterau konkret heißt

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Von: Christoph Agel

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Betten sind natürlich wichtig, wenn es um Unterbringung und Versorgung geflüchteter Menschen geht. Doch wo soll das Bett stehen? Städte und Gemeinden müssen sich um Unterkünfte kümmern - und beispielsweise auch um Kita-Plätze. SYMBOLFOTO: IMAGO © Red

Bei der Solidarität mit Menschen aus der Ukraine greifen Mitgefühl und praktische Fragen ineinander. Auch Wetterauer Städte und Gemeinden stehen vor Herausforderungen.

Der Wetteraukreis hat in Nidda eine Sammelunterkunft für bis zu 1000 aus der Ukraine geflüchtete Menschen eingerichtet. Das reicht nicht aus, auch die Städte und Gemeinden sind gefragt. Die Zahl der Geflüchteten, die ihnen vom Kreis pro Woche zugewiesen werden, hängt von der jeweiligen Einwohnerzahl ab. Die Aufnahme ist mit großen Herausforderungen verbunden - und mit einer enormen Hilfsbereitschaft.

In Reichelsheim sind noch keine vom Kreis zugewiesenen Ukraine-Flüchtlinge angekommen, teilt Bürgermeistern Lena Herget-Umsonst mit. Ab der nächsten oder der übernächsten Woche werden es - nach aktuellem Stand - wöchentlich vier Menschen sein. Allerdings sind derzeit bereits drei Frauen und drei Kinder - im Alter von sechs bis zehn Jahren - aus der Ukraine beim Ordnungsamt gemeldet. Sie sind durch private Kontakte hierher gekommen. Reichelsheimer Bürger fragten, wie sie privat helfen könnten, vonseiten der Stadt kümmere sich Sabine Tinz um die Flüchtlingsunterbringung, der Runde Tisch sei reaktiviert, es gebe in der Kommune ein gutes Netz aus ehrenamtlichen Helfern, lobt Herget-Umsonst.

Was Wohnangebote angehe, so seien Reichelsheim, Beienheim und Weckesheim aufgrund der guten Anbindung an den ÖPNV besonders geeignet. »Aber wir nehmen alle Angebote an.« Die Alte Schule in Reichelsheim, bereits vor einigen Jahren als Flüchtlingsunterkunft genutzt, gehört dem Wetteraukreis. Sie wird nicht erneut als Flüchtlingsunterkunft eingeplant, sondern weiterhin als Corona-Testzentrum zur Verfügung stehen, erläutert Herget-Umsonst. In Beienheim soll ein Container direkt vor der Kita aktiviert werden, um dort Kindern aus der Ukraine einen Raum der Begegnung zu bieten. Es gehe darum, Menschen mit entsprechenden Sprachkenntnissen zu finden, die sich um diese Kinder kümmern möchten.

In Friedberg wurden nach Angaben der Ersten Stadträtin Marion Götz seit Ende Februar 49 ukrainische Staatsbürger angemeldet, zudem eine Usbekin, die aus der Ukraine geflüchtet sei. In der Halle am Seebach habe man laut Wetteraukreis bis zur Schließung der Anlaufstelle am 12. März 312 Personen erfasst. Weil der Kreis in Nidda die Notunterkunft eingerichtet hat, wird die Halle am Seebach aktuell zwar nicht genutzt, sie muss aber bis auf Weiteres bereitgehalten werden.

Laut Prognose des Kreises vom Donnerstag bekommt Friedberg ab nächster Woche wöchentlich etwa sechs ukrainische Flüchtlinge zugewiesen. »Darüber hinaus erfolgt eine Aufnahme von Flüchtlingen durch das Regierungspräsidium Gießen in der Erstaufnahmeeinrichtung des Landes Hessen und den Wetteraukreis in Liegenschaften unter seiner Verantwortung«, erklärt die Erste Stadträtin. Da Friedberg ebenso wie Büdingen und Nidda durch die Erstaufnahmeeinrichtung des Landes bereits besonders gefordert sei, werde dies bei der Zuweisung berücksichtigt, indem nur ein Drittel der Einwohnerzahl bei der Berechnung zugrunde gelegt werde.

Die Stadtverwaltung liste derzeit alle Möglichkeiten der Unterbringung auf und versehe sie mit Prioritäten. Erste Maßnahmen seien eingeleitet, »sodass im Fall der Zuweisung durch den Wetteraukreis in den nächsten Wochen und Monaten die Unterbringung gewährleistet ist«, sagt Götz. Es gebe auch Angebote der privaten Aufnahme von Flüchtlingen. Das Engagement der Friedberger für die Ukrainer sei in jeglicher Form - Unterbringung, Spenden, Ehrenamt - hoch.

In Bad Nauheim sind nach Angaben des Ersten Stadtrats Peter Krank - Stand Donnerstag - 175 geflüchtete Menschen untergebracht: 104 Frauen, 26 Männer und 45 Kinder. Der Wetteraukreis habe der Stadt noch keine Flüchtlinge zugewiesen. Alle 175 seien privat in die Kurstadt gekommen, wohnten beispielsweise bei Verwandten, wenige auch im ehemaligen Sportheim. Zum Thema Sammelunterkünfte teilt Krank mit: »Wir befinden uns derzeit in der Planung und sind in Verhandlungen mit verschiedenen Eigentümern.« Geprüft werde aktuell auch, inwiefern die Stadt Menschen in von ihr angemieteten Wohnungen unterbringen könne. Krank lobt die Unterstützung seitens der Bad Nauheimer: »170 Personen von den bereits angekommenen Geflüchteten sind privat untergebracht.« Bleibt die Frage, wie die Kurstadt ukrainischen Kindern Kita-Plätze anbieten will. »Hierfür wird momentan ein Konzept erarbeitet.«

Wie die Quote zustande kommt

Die Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine, die der Wetteraukreis durch das Land Hessen zugewiesen bekommt, werden auf die 25 Städte und Gemeinden verteilt, informiert Petra Schnelzer, Pressesprecherin des Wetteraukreises. Die Größenordnung sei abhängig von der Zuweisung, die der Kreis erhalte. »Entsprechend wurden Quoten gebildet, die je nach Einwohnerzahl der Kommune zwischen 1 bis 13 Prozent der dem Landkreis zugewiesenen Personen liegt. Die Städte Friedberg, Nidda und Büdingen werden um zwei Drittel entlastet, da es dort durch die Erstaufnahmeeinrichtungen des Landes bereits eine größere Anzahl an Flüchtlingen gibt.« Den Kommunen obliege dann die Verantwortung für die Unterbringung. Diese könne in Privatwohnungen, eigens angemieteten Wohnungen oder auch in Sammelunterkünften erfolgen, erläutert Schnelzer. Vor diesem Hintergrund halte der Wetteraukreis auch die »Wohnungsbörse-Ukraine« aufrecht und stelle die eingehenden Angebote den Kommunen zur eigenverantwortlichen Vermittlung zur Verfügung. Alle Kommunen seien derzeit dabei, entsprechende Kapazitäten zu schaffen. Schnelzer weiter: »Grundsätzlich ist bekannt, dass es aktuell zu Lieferschwierigkeiten bei manchen Ausstattungsgegenständen wie beispielsweise Feldbetten kommen kann.«

Schon über 450 Angebote über die Wohnungsbörse

Über die Wohnungsbörse seien bislang rund 450 Angebote mit etwa 1150 Plätzen gemeldet worden. »Die Angebote reichen von der Matratze, über Zimmer bis zu Wohnungen oder ganzen Häusern zur dauerhaften Vermietung.« Im Einzelfall müsse jedoch vor Ort entschieden werden, ob die gemeldeten Angebote entsprechend geeignet seien.

Laut Regierungspräsidium (RP) Gießen sind in der Erstaufnahmeeinrichtung des Landes Hessen (EAEH) in Friedbergs ehemaliger Kaserne derzeit 293 geflüchtete Menschen untergebracht - aus der Ukraine und anderen Teilen der Welt. »Die EAEH macht keinen Unterschied zwischen Geflüchteten unterschiedlicher Nationalitäten. Wir kümmern uns um alle Personen und berücksichtigen im Rahmen der Vorgaben und unserer Möglichkeiten die Bedarfe der einzelnen Menschen. Dazu gehört auch die Betreuung und medizinische Versorgung in den einzelnen Standorten«, teilt Thorsten Haas, stellv. RP-Pressesprecher, mit. Derzeit befänden sich 5373 Menschen in der EAEH. Damit seien die Kapazitäten der Standorte fast erschöpft. »Aktuell werden die Menschen aus der Ukraine daher in neu errichtete Notunterkünfte der Landkreise Marburg-Biedenkopf, Wetteraukreis, Vogelsbergkreis und Hochtaunuskreis verlegt, dort untergebracht, versorgt und betreut.«

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