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Manche sind Ladenhüter, andere Verkaufsschlager: Erkältungsmedikamente bleiben im Regal liegen, Präparate zur Unterstützung des Immunsystems werden häufig angefragt.

Weniger Infektionskrankheiten

Wetterauer Apotheker bangen um ihre Umsätze: „Einige Arzneimittel kaum verkauft worden“

Hygienemaßnahmen wirken. Im Uniklinikum Gießen gab es in dieser Saison keinen einzigen Grippefall, und auch andere Infektionskrankheiten sind auf dem Rückzug. Die Folge: weniger kranke Menschen und große Verluste in den Wetterauer Apotheken.

Friedberg – Im Vergleich zum Vorjahr gibt es deutschlandweit einen Rückgang von Grippefällen um 99,72 Prozent. Auch andere Infektionskrankheiten wie die Magen-Darm-Grippe sind seit Ausbruch der Pandemie deutlich zurückgegangen - eine erfreuliche Folge von Hygienemaßnahmen und Abstandsregelungen. Doch was für die meisten Menschen mehr als positiv ist, bedeutet für die Pharmabranche eine große Umstellung.

»Es ist eine Tatsache, dass die Zahl der Infektionskrankheiten stark gesunken ist. Es ist gut, dass weniger Menschen krank werden. Das bringt natürlich auch einen volkswirtschaftlichen Vorteil«, sagt Bernd Ulrich. Der 67-jährige Apotheker für klinische Pharmazie leitet drei Apotheken, darunter die Liebig-Apotheke im Salihaus und die Engel-Apotheke in Friedberg. Die Hygienemaßnahmen zeigen seit dem ersten Lockdown Wirkung. »Der Absatz bei Medikamenten für Erkrankungen wie Erkältungen, Magen-Darm oder grippalen Infekten ist im letzten Jahr um bis zu 60 Prozent eingebrochen. Das ist ein Trend, der sich auch in diesem Jahr fortsetzt«, sagt Ulrich. Die ersten Auswirkungen seien im Sommer 2020 spürbar gewesen.

Wetterauer Apotheken bleiben teils auf saisonalen Medikamenten sitzen

»Die Sommergrippe ist praktisch ausgeblieben. Da die saisonalen Medikamente einige Monate vorher bestellt werden müssen, hätten wir auf diesen Ausfall nicht reagieren können«, sagt Ulrich. Vor allem auf dem Grippeimpfstoff seien einige Apotheken sitzen geblieben. »Der Impfstoff ist zögerlich ausgeliefert worden, und viele haben ihre Impfung nicht wahrgenommen«, sagt der 67-Jährige. »Einige Arzneimittel sind kaum verkauft worden.« Kein Grund, sie gleich auszumustern, meint Ulrich. »Sie verfallen ja nicht sofort. Die Medikamente, die wir lagern, haben eine Mindesthaltbarkeit von drei, vier Jahren.« Er achte deshalb darauf, diesen Bestand mit einzuplanen und weiterhin zu verkaufen.

Falls ein Medikament trotzdem nicht verkauft werden könne, gebe es die Möglichkeit, es an den Hersteller zurückzuschicken. »Das geht nur unter bestimmten Bedingungen, und der Hersteller muss die Medikamente dann größtenteils vernichten. Das ist ein großer Verlust«, sagt Ulrich. Er versuche daher über den Pharma-Großhandel zu retournieren - allerdings mit Abschlägen von bis zu 40 Prozent.

Wetterau: Gesundheitspräparate stärker nachgefragt

Um die Ware so zu bestellen, dass nicht zu viel übrig bleibt, müsse der Markt sensibel beobachtet werden. »Wir sind gesetzlich dazu verpflichtet, einen bestimmten Mindestvorrat an Medikamenten in der Apotheke zu haben«, sagt Ulrich. Eine gesetzliche Verpflichtung gebe es ebenfalls für die Versorgung von 8 bis 18 Uhr. »Damit müssen wir immer kalkulieren. In diesem Zeitraum muss alles verfügbar sein.« Damit das gelingt, würden Apotheken bis zu viermal täglich, auch nachts, durch den pharmazeutischen Großhandel beliefert. »So kann jedes in Deutschland verfügbare Medikament innerhalb von zwei Stunden beim Patienten sein«, sagt Ulrich. Engpässe spezieller Medikamente gebe es derzeit nicht, auch Desinfektionsmittel und Masken seien ausreichend vorhanden - anders als in 2020.

Während der Verkauf von bestimmten Medikamenten weiter schleppend läuft, wird die Nachfrage für andere Mittelchen dafür umso größer. »Immer mehr Menschen kommen mit der Frage zu uns: ›Was kann ich für meine Gesundheit tun?‹«, sagt Ulrich. Präparate zur Unterstützung des Immunsystems seien derzeit beliebt, zum Beispiel Vitamin D. »Diese Medikamente werden vermehrt angefragt. Da bedarf es einer seriösen Beratung, und die ist in Apotheken gewährleistet. Das Personal ist dafür ausgebildet.«

Wetterauer Apotheken: Trotz Konkurrenz ein Kollektiv

Obwohl Apotheken natürlich auch in Konkurrenz zueinander stünden, bildeten sie ein Kollektiv. »Den Apotheken obliegt die Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln - und nur den Apotheken. Das ist im Apothekengesetz festgehalten«, sagt Ulrich. »Wir haben einen staatlichen Auftrag und sind auf den funktionierenden Warenfluss über Hersteller und Großhandel angewiesen.« Aufgabe der Apotheken sei es, diesen Fluss zu gewährleisten. »Wir stehen für die Versorgung.«

Durch die Pandemie hat es im vergangenen Jahr mehrfach Lieferschwierigkeiten verschiedener Medikamente gegeben. »Das meiste wird in Indien produziert. Wir sind in Deutschland darauf angewiesen, dass die Lieferkette funktioniert - dass Rohstoffe und fertige Ware ankommen - und sind damit abhängig vom Produktionsland«, sagt Apotheker Bernd Ulrich. Diese Abhängigkeit komme unter anderem von einer Preispolitik der Krankenkassen, die den Herstellern ein knappes Budget vorgeben. »So erklärt sich die Verlagerung aus Kostengründen ins Ausland«, sagt Ulrich. Seiner Einschätzung nach würde es sieben bis acht Jahre dauern, die Produktion wichtiger Medikamente in den europäischen Raum zurückzuholen.

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