Im Gespräch mit Ursula Stock

Warum es schwer ist, in der Wetterauer Kulturlandschaft zu bestehen

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Aus Aufbrüchen sind große Errungenschaften entstanden – auch kulturell. Deshalb hat sich die Friedberger Reihe "Kultur auf der Spur" dieses Themas angenommen. Doch das ist nicht leicht.

In der neuen Reihe von "Kultur auf der Spur" geht es um Aufbrüche. Aufbrüche in neue Zeiten, die die Menschheit bewegt hat. Was ist für Sie der größte Aufbruch in der Geschichte?

Ursula Stock: Der größte Aufbruch in der Geschichte liegt nach meiner Meinung Jahrtausende zurück: Es ist der Beginn des Ackerbaus. Über 90 Prozent ihrer Geschichte waren die Menschen Wildbeuter, das heißt, sie nahmen zum Leben, was sie in der Natur vorfanden. Erst der Ackerbau ermöglicht eine Vorratswirtschaft, damit Sesshaftigkeit, Besitz, soziale Hierarchien, Städtebau und frühe Hochkulturen. Den Ackerbau haben übrigens die Frauen "erfunden". Während die Männer die Jagdtiere und den weiter entfernten Lebensraum erkundeten, sammelten die Frauen alles mögliche Essbare in der nahen Umgebung. Und während sich die Männer für eine große Jagdbeute lauthals auf die Schulter klopften, haben die Frauen unter der Hand die Basis aller späteren Kultur entdeckt.

Gibt es in Ihrem Leben auch eine Zeit des Aufbruchs oder des Neuanfangs, die Sie geprägt hat?

Stock: Ja, das war mein Studium. Ich habe nach dem Abitur erst zehn Jahre in einem ungeliebten Verwaltungsberuf gearbeitet. Als dann mein Mann mir das Studium ermöglichte, habe ich das im "reifen" Alter viel aufmerksamer und freudiger betrieben als die jungen Hüpfer, die frisch von der Schulbank in den Hörsaal sprangen. Das hat mein Leben gründlich verändert.

Referieren Sie selber deshalb über die Sorbonne in Paris und die Geschichte dieser Universität?

Stock: Genau darum habe ich das Thema Universität für meinen Vortrag gewählt. Nicht nur, weil es gut in die Reihe passt, sondern aus ganz persönlicher Neigung.

Haben Sie persönliche Erlebnisse in Sachen Sorbonne?

Stock: Nein, studiert habe ich "nur" in Frankfurt. Die Sorbonne ist aber die erste philosophisch-theologische Fakultät im europäischen Mittelalter gewesen. Hier verkündete man neue, wagemutige Ideen, die dann auch gleich zu Zank und Streit führten. Ist doch alles sehr typisch für die Uni.

Wie sind Sie auf das Thema für die aktuelle Saison gekommen?

Stock: Jedem Aufbruch folgt eine Wanderung, die sehr lange währen kann. Wir haben dieses Thema gewählt, weil wir gerne kulturelle Entwicklungen zeigen. Die sagen nicht nur viel über die Vergangenheit, sondern auch über unsere Gegenwart und lassen vielleicht sogar Vermutungen über die Zukunft zu. "So viel Anfang war noch nie", das hat uns gefallen, und wir haben nicht lange gezögert.

Wer konzipiert mit Ihnen "Kultur auf der Spur"?

Stock: "Wir", das ist der Vorstand, eine nette Runde, in der jedem etwas einfällt.

Es sind immer wieder "altbekannte" Referenten dabei, aus ganz Deutschland aber auch aus der Wetterau. Nach welchen Kriterien suchen Sie die Referenten aus?

Stock: O weh, da treffen Sie einen wunden Punkt. Ja, ich bin da nicht sehr einfallsreich und nehme immer wieder die vertrauten Referenten, von denen ich weiß, dass sie gut sind. Außerdem müssen wir teure Fahrtkosten und Übernachtungen wenn möglich vermeiden. Dieses Mal sind fast nur Friedberger dabei, aber vielleicht zieht ja auch der eine oder andere, gerade weil er wohlbekannt ist, die Leute in den Klosterbau.

Die kleine, feine Reihe muss sich gegen ein vielseitiges kulturelles Angebot in der Wetterau behaupten. Wie schaffen Sie es, immer wieder Besucher in das Bibiliothekszentrum zu locken?

Stock: Und da sind wir bei dem Thema, das nicht nur ein wunder Punkt, sondern eine offene Wunde ist: wo kriegen wir das Publikum her? Sie ahnen nicht, wie oft mir versichert wird, wie schön die Reihe sei, so interessant, aber kommen werden diese Bewunderer nicht, wie die schmerzliche Erfahrung lehrt. In Bad Nauheim sind die Vortragssäle viel besser gefüllt. Ich weiß nicht, warum. Und es verdrießt mich sehr.

Welches Themengebiet würden Sie gerne noch in der Reihe unterbringen?

Stock: Themen gäbe es noch so viele, dass wir schon erwägen, diese Reihe im kommenden Jahr fortzusetzen, natürlich nur, wenn das Publikum uns gnädig ist.

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