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Schramm-Spehrer

Ungleicher Lohn

Warum Frauen weniger verdienen

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Wertschätzung von Arbeit geht drückt sich im Gehalt aus. Wenn es danach geht, wird die Leistung von Frauen weniger wertgeschätzt als die von Männern. Das belegen die Zahlen der Agentur für Arbeit.

Mit dem Gehalt ist das so eine Sache. Fast jeder Arbeitnehmer freut sich über eine Gehaltserhöhung. Aber die Forschung sagt, wichtig für die Zufriedenheit ist weniger das eigene Gehalt, sondern vielmehr der Vergleich zu den Bezugspersonen: dem Kollegen, dem Nachbarn, dem Kumpel. Ein US-Experiment ist zu einem erstaunlichen Ergebnis gekommen: Die Probanden hatten zwei Optionen. Ihnen wurde ein Jahresgehalt von 60 000 Dollar in Aussicht gestellt, während der Kollege für die gleiche Arbeit 50 000 Dollar erhalten sollte. Das zweite Angebot: Sie erhalten 80 000 Dollar, der Kollege allerdings 90 000 Dollar. Die Mehrheit der Befragten entschied sich für die erste Variante!

Wie auch immer: Die Bundesagentur für Arbeit Gießen hat die Durchschnittsgehälter ihres Zuständigkeitsbereichs aufgearbeitet: Wetteraukreis, Kreis Gießen, Vogelsbergkreis. Zentrale Erkenntnisse: Frauen verdienen deutlich weniger als Männer. Das hat verschiedene Gründe, sagt Johannes Paul, der Pressesprecher der Arbeitsagentur. Frauen wählten häufig Berufe, die weniger gut entlohnt würden, zum Beispiel in der Pflege. Dazu komme, dass Frauen weniger Interesse an Führungspositionen hätten als Männer: "Bei uns im Arbeitsamt sind 70 Prozent Frauen. In Führungspositionen sind sie verhältnismäßig weniger vertreten."

Männer bevorzugen Männer

Das liege aber nicht daran, dass weniger ausgewählt würden, sondern dass weniger Frauen das auch möchten, sagt Paul. Aber es gibt auch die Fälle, in denen Frauen den Job erst gar nicht angeboten bekommen. "Führungskräfte wählen tendenziell nach ihrem persönlichen Rollenbild andere Führungskräfte aus", sagt Paul. Männer wählen eher Männer aus. Das habe zur Folge, ergänzt Christine Schramm-Spehrer, die Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt, dass es Frauen an Vorbildern fehle - und damit auch an Mut, sich der Aufgabe zu stellen. Es liege aber auch daran, wie diese Stellen gelebt würden. "Vollzeit, 60-Stunden-Woche und die Bereitschaft zum Ortswechsel", beschreibt Schramm-Spehner häufige Anforderung an Führungskräfte. Immer noch ein Aspekt: Elternzeit. Die sei für die Entwicklungschancen nicht so gut, erläutert Paul. Es sei nicht einfach, an die Karriere anzuknüpfen.

Unabhängig davon gibt es Branchen und Berufe, bei denen Frauen für die gleiche Arbeit und in der gleichen Position weniger verdienen. "Führend" in diesem Ranking nach Schramm-Spehrer: Mediengestalter. Hier verdienten Frauen 35 Prozent weniger. Beim Bürokaufmann sind es 21, bei Chemikern 18 Prozent weniger. Das bedeute laut der Chancengleichheits-Expertin, dass der männliche Chemiker im Schnitt ein Bruttogehalt von 4800 Euro auf dem Lohnzettel stehen hat, während die Chemikerin unter 4000 Euro bleibt.

Menschen, die im Wetteraukreis wohnen, erhalten für ihre Arbeit im Durchschnitt 3538 Euro im Monat und damit mehr als die Arbeitnehmer im Kreis Gießen (3399) und im Vogelsbergkreis (3152). Hier profitieren die Wetterauer von den höheren Löhnen, die im Rhein-Main-Gebiet gezahlt werden. Die Wetterauer, die auch im Wetteraukreis arbeiten, verdienen im Schnitt 3237 Euro im Monat. Sie liegen damit vor den Arbeitnehmern im Vogelsbergkreis (3042), aber hinter den Gießenern (3334).

Signifikant ist der Unterschied der Monatsgehälter zwischen Mann und Frau. Männer verdienen im Schnitt 3373 Euro, Frauen 2937 Euro. Noch weiter geöffnet ist die Einkommensschere zwischen Deutschen und Ausländern. Deutsche im Wetteraukreis verdienen im Schnitt monatlich 3354 Euro, Ausländer 2406 Euro - was vornehmlich an der geringeren Qualifikation liegt.

Wetterauer Arbeitnehmer ohne Berufsabschluss verdienen im Schnitt 2409 Euro. Mit anerkanntem Berufsabschluss sind es 3207 Euro. Akademiker aus der Wetterau verdienen im Schnitt 4946 Euro.

Ältere Arbeitnehmer werden besser bezahlt als jüngere. Der Durchschnittsverdienst eines Wetterauers zwischen 15 und 24 Jahren liegt bei 2312 Euro. Die Gruppe 25 bis unter 55 Jahre bekommt 3248 Euro, während die Gruppe 55 bis unter 65 Jahre 3557 Euro verdient.

Seit zwei Jahren gibt es das Entgelttransparenzgesetz. Arbeitnehmer können ihre Bezahlung dadurch mit der ihrer Kollegen anderen Geschlechts vergleichen. Frauen können sich also nach dem Gehalt von Männern erkundigen, die eine ähnliche Arbeit machen. Genauso können Männer nach dem Gehalt von Frauen mit vergleichbaren Jobs fragen. Ein einfacher Brief oder eine E-Mail an Betriebsrat oder Arbeitgeber reicht aus. Nur größere Unternehmen mit mehr als 200 Mitarbeitern sind verpflichtet, Auskunft zu geben. Es gibt auch keinen Einblick in den einzelnen Lohnzettel - zum Vergleich wird eine Gruppe von mindestens sechs Mitarbeitern mit ähnlichen Aufgaben herangezogen. (dpa)

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