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»Wann wird es ungemütlich?«

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Von: Gerhard Kollmer

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Architekt Gregor Brundke erklärt sehr anschaulich. © Gerhard Kollmer

Friedberg (gk). Nach drei Vorträgen über Minimalismus im Alltag, das Mönchtum als Beispiel einer minimalistischen, das heißt, aufs Wesentliche fokussierten Lebensform sowie über minimalistische Traditionen in der japanischen Kultur stellte sich am Montagabend der Kieler Architekt Gregor Brundke mit einem aufschlussreichen Referat über Minimalismus in der modernen Architektur dem im Bibliothekszentrum Klosterbau erschienenen Auditorium vor.

Aber woran erkennt man minimalistische Architektur; gibt es Kriterien für ihre verbindliche Definition? Wie klein darf beziehungsweise muss eine Behausung sein, um »minimalistisch« genannt werden zu können? Und geht es dabei nur um ihre Größe oder nicht auch um Stil und Funktion?

Brundke, skeptisch gegenüber reinen Theoriedebatten, stellte die sogenannte »vitruvianische Urhütte« als »Prototyp« minimalistischen Bauens an den Beginn seiner Ausführungen. Die Bezeichnung geht auf die »Sieben Bücher über Architektur« des antiken römischen Schriftstellers Vitruv zurück. Für ihn müssen menschenwürdige Wohnungen vor allem drei Kriterien entsprechen: »utilitas« (Nützlichkeit, Funktionalität), »firmitas« (äußere Stabilität) und »venustas« (Schönheit, stilvolles Interieur).

Das vom japanischen Stararchitekten Tadeo Ando 1976 in Osaka gebaute Reihenhaus im Stil des »Brutalismus« sowie Mies van der Rohes »Farnsworth home« im »Bauhaus«-Stil aus dem Jahr 1951 entsprechen den vitruvianischen Anforderungen - sowohl was ihre äußere Gestalt wie Inneneinrichtung betrifft - laut Brundke ganz offensichtlich nicht.

Weitere Beispiele für, auf ein erträgliches Mindestmaß reduzierte, minimalistische Unterkünfte sind das »Tiny House« ( vgl. WZ vom 14. Nov., S. 10 ) und der »Van«, das in den USA seit den 1930er Jahren zum Straßenbild gehörende »mobile home« bzw. das Wohnmobil.

Das innerhalb weniger Tage zu erbauende »tiny house« mit einer Grundfläche von etwa 20 qm und einem maximalen Gewicht von 3,5 Tonnen zeichnet sich durch Mobilität und hohe Funktionalität aus. Auf die sozialpolitische Dimension des Themas kam Brundke im zweiten Teil seines knapp einstündigen Referats. Laut Statistik stehen in unserem Land für jeden Bewohner durchschnittlich 47 qm Wohnfläche zur Verfügung. Für staatlich geförderte Sozialwohnungen gilt ein Mittelwert von etwa 30 qm. Bei Flüchtlingsunterkünften - z. B. in Container- oder Modulbauweise - reduziert sich die Fläche auf rund 10 Quadratmeter pro Person. Unterschreitet dieser Wert bereits die Grenze eines zumutbaren Mindestmaßes?

Weitere Beispiele Brundkes für architektonischen »Minimalismus« wiesen zunehmend exotisch-skurrile Züge auf: So zum Beispiel eine rund 70 Quadratmeter große, komfortabel eingerichtete Jurte für fünf Personen nach mongolischem Vorbild. Der - mittlerweile abgerissene - »Capsule Tower« von 1972 in Tokio bestand aus mobilen würfelförmigen Einheiten, die jedem Bewohner ca. 9 Quadratmeter Wohnfläche boten.

Alle genannten Bauten verfügen über Koch-, Bad- und WC-Bereich.

Für das abschließend genannte, einem aufgeblasenen Schlafsack ähnliche Gebilde mit einer »Wohnfläche« von ein bis zwei Quadratmetern gilt dies jedoch nicht mehr.

Auf den mit viel Beifall quittierten Vortrag folgte eine kurze Gesprächsrunde, in der es um folgende Fragen ging:

Welche Rolle muss der ästhetische Faktor beim minimalistischen Bauen spielen?

Ist eine rein funktionalistische Herangehensweise an das Problem der Mindestgröße zielführend? Wann schlägt noch zumutbarer Minimalismus in Menschenfeindlichkeit um? Wann verstößt er definitiv gegen die drei o. g. fundamentalen vitruvianischen Kriterien für menschenwürdiges Wohnen?

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