Beim Hinnerbäcker in Steinfurth sammelt Filialleiterin Silvia Thaum die nicht mitgenommenen Kassenbons - hier die "Ausbeute" weniger Stunden an einem ruhigen Vormittag.	FOTOS: HAU
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Beim Hinnerbäcker in Steinfurth sammelt Filialleiterin Silvia Thaum die nicht mitgenommenen Kassenbons - hier die »Ausbeute« weniger Stunden an einem ruhigen Vormittag. FOTOS: HAU

Ein Jahr Bonpflicht

„Wahnsinn“ der Bonpflicht ärgert die Wetterauer

  • vonAnnette Hausmanns
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Vor einem Jahr war sie ein Aufreger: die Einführung der Kassenbon-Ausgabepflicht. Auch ein Jahr danach fragen Geschäftsleute und Kunden in der Wetterau nach deren Sinn.

Dienstagmittag beim Hinnerbäcker in Steinfurth. Filialleiterin Silvia Thaum bedient freundlich die Kundschaft, preist hier drei Brötchen und dort zwei Stückchen in die Kasse ein. Jedes Mal spuckt die elektronische Kasse brav einen Bon mit umfangreichen Infos aus. Dazu ist sie seit Beginn des Jahres 2020 gesetzlich verpflichtet. »Früher kamen wir mit einer Kassenrolle pro Woche aus, jetzt wechseln wir täglich«, berichtet Thaum. Und das, obwohl fast kein Kunde seinen Bon haben möchte. »Höchstens mal als Beleg, wenn jemand sein Stempelheft vergessen hat.«

Verständnis für die Kassenbon-Ausgabepflicht bringe niemand mit, hat die Filialleiterin im vergangenen Jahr erfahren. Auch sei kein Kunde verpflichtet, den Beleg mitzunehmen. »Sollen wir die Wand damit tapezieren?«, hätten Kunden gefragt oder vorgeschlagen, die gesammelten Werke dem Finanzamt vor die Tür zu stellen. Wie Svenja Brandis, Prokuristin bei Hinnerbäcker, erklärt, »nimmt der Kunde Kaffee, Kuchen, Brötchen oder Snack entgegen, zahlt - und die hochmoderne Kasse, mit allen Anforderungen der Bonpflicht vertraut, druckt automatisch den Beleg.«

Transparenz sei wichtig, unterstreicht Brandis. »Alle Kassenvorgänge werden bei uns manipulationssicher aufgezeichnet, jeder Tastendruck ist einsehbar, zurückverfolgbar und kontrollierbar. »Nur ein sehr kleiner Teil unserer Kunden möchte den Bon überhaupt haben.« Es obliege der Bäckerei, die Bons ordnungsgemäß zu entsorgen. Das gleiche Bild bot sich der WZ zwischen den Jahren in den Filialen anderer regionaler Bäckereien: Kein Kunde wollte einen ausgedruckten Bon haben oder entsorgte ihn umgehend.

Bonpflicht in der Wetterau: Unbesehen in den Müll

So oder so wandert der Löwenanteil der ausgedruckten Belege also unbesehen in den Müll. Gleichwohl sind alle Händler mit elektronischen Kassensystemen verpflichtet, ihren Kunden auch bei jedem noch so kleinen Kauf unaufgefordert einen Beleg auszuhändigen. Damit und mit der technischen Sicherheitsaufrüstung aller elektronischen Kassensysteme will die Bundesregierung Steuerbetrug durch möglicherweise manipulierte Ladenkassen eindämmen.

Ob die Einführung der Bonpflicht nötig war oder nicht, kann Bäcker Christian Mack aus Butzbach nicht beurteilen. Verglichen mit 2019 verbrauche er das Zehnfache an Papier für die Bons, zahle dafür 5000 statt 500 Euro. Sein Kassensystem sei auch vorher für eine ordnungsgemäße Abrechnung eingerichtet gewesen. Die vom Gesetz vorgeschriebene technische Sicherheitseinrichtung (TSE) sei bestellt und werde Stück für Stück umgesetzt. Auch an alternativen Lösungen wie dem QR-Code zum Einscannen arbeite er, erklärt Mack und hält die papierlose für eine gute Variante. Aber nicht jeder Kunde habe die Möglichkeit zum Einscannen. Daher müssten beide Möglichkeiten offengehalten werden.

»Rockenbäcker« Fabio Wettlaufer sieht die Bonpflicht kritisch. Dieser Papiertiger helfe keinem, ist der Bäcker aus Rockenberg überzeugt. Die durch die EU-Hintertür beschlossenen Vorgaben stellten so hohe Anforderungen, dass der bürokratische und finanzielle Aufwand, vor allem durch die Kassenumrüstung, manch kleinen Betrieb an den Rand seiner Existenz führe. Erst recht in Kombination mit den Einnahmeeinbußen wegen Corona.

Bonpflicht in der Wetterau: Teure Umrüstung der Technik

Bemühungen des Zentralverbands des Bäckerhandwerks um sinnvolle Ausnahmeregeln hätten bisher nicht gefruchtet, bedauert Wettlaufer. Zwar sei die Frist zur Umrüstung der Kassensysteme auf Ende März verlängert worden. Auch dürften nun mit Zustimmung des Kunden elektronische Belege in Form von QR-Codes, Download-Link, per Mail oder über ein Kundenkonto ausgestellt werden. Technische Ausstattung, Sachverstand und praktische Umsetzung stünden aber in den Sternen.

Rund 40 000 bis 50 000 Euro kalkuliert Wettlaufer für die Kassenumrüstung in seinem Familienbetrieb mit derzeit acht Filialen. Jüngere Kassen könnten mit TSE aufgerüstet werden. Seine Kassen zählten aber mit ihren fünf Lenzen zu den älteren Modellen und müssten ausgetauscht werden. Was Wettlaufer besonders fuchst: »Der Bäcker wird unter Generalverdacht gestellt.« Dabei rette der ausgedruckte Bon gar nichts. Alle Informationen würden ohnehin in der Kasse gespeichert. Nicht zuletzt sei das Ganze ein ökologischer Wahnsinn. Statt sich um Bürokratie- und Papiertiger kümmern zu müssen, konzentriere er sich lieber auf das Wesentliche: auf das Handwerk in der Backstube und das gute Brot.

Bonpflicht in der Wetterau: Kassenumrüstung

Laut Gesetz zur Bonausgabepflicht sollten eigentlich bis zum 1. Oktober 2020 alle Registrierkassen mit einer technischen Sicherheitseinrichtung ausgestattet sein. Vereinbart wurde eine Nichtbeanstandungsregelung bis zu diesem Zeitpunkt. Lieferprobleme und Corona-Auswirkungen sorgten u. a. in Hessen für eine Fristverlängerung bis Ende März. Dann dürfen Finanzämter die Buchhaltung als fehlerhaft beanstanden und die zu zahlende Steuerlast ggf. schätzen.

Die Alternative von elektronischen Bons funktioniert so, dass dem Kunden auf einem an die Kasse angeschlossenen Display ein QR-Code für seinen Bon angezeigt wird, den er mit seinem Handy einscannen kann. Dem für Bons verwendeten Thermopapier wird nachgesagt, gesundheitsschädlich zu sein. Es muss im Hausmüll entsorgt werden.

Bonpflicht in der Wetterau:: Ausnahmen

Die Vorgabe, dass Kassensysteme sicher vor Manipulation sind, ist in Paragraph 146 ff. der Abgabenverordnung (AO) geregelt. Demnach »können die Finanzbehörden bei Verkauf von Waren an eine Vielzahl von nicht bekannten Personen gemäß Paragraph 148 AO aus Zumutbarkeitsgründen nach pflichtgemäßem Ermessen von einer Belegausgabepflicht befreien. Die erteilte Befreiung kann jederzeit widerrufen werden«. Anträge können an das örtliche Finanzamt gestellt werden.

Obwohl der Gesetzgeber diese Härteklausel vorgesehen hat, werde sie derzeit praktisch nicht angewandt, wendet der Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks ein. Er gibt an, sich weiter für sinnvolle Ausnahmeregelungen von der Belegausgabepflicht starkzumachen, um vor allem kleine Betriebe zu schützen. In Frankreich etwa gilt ab 2022 eine Bagatellgrenze: Dort gilt dann für Beträge unter 30 Euro keine Bonpflicht mehr.

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