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Beim Kontakt mit den Gifthärchen des Eichenprozessionsspinners drohen allergische Reaktionen. Haut, Augen und Atemwege können betroffen sein. Deshalb gilt: Vorsicht bei Spaziergängen in Eichenwäldern. ARCHIVFOTO: HAUSMANNS

Schädling hat in der Wetterau Bäume befallen

Vorsicht vor dem Prozessionsspinner: Eichen sollst du weichen!

  • Jürgen Wagner
    VonJürgen Wagner
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Wenn die Raupen des Eichenprozessionsspinners im Juni aus den Baumkronen der Eichen fallen,müssen sich Menschen vorsehen. Oft hilft nur der Hautarzt. Dort herrscht derzeit Hochbetrieb.

Eichenprozessionsspinner tragen feine, weiße Härchen mit Widerhaken, die gefährlich für Menschen sind. In ihnen steckt ein Gift, das bei Berührung starken Juckreiz ausläst. Dann hilft nur der Gang zum Hautarzt. Die beiden Dermatologen Dr. Volker Weiss und Stefan Ameri haben am Montag »40 bis 50 Patienten notfallmäßig« versorgt, wie Weiss berichtet. »In 30 Jahren hatten wir noch nie so viele Patienten auf einmal.«

Hautärzte verschreiben in solchen Fällen eine cortisonhaltige Creme. »Bei drei, vier kleinen Stellen an der Haut ist das wenig schmerzhaft. Wenn der Juckreiz aber quälend wird, muss man zum Arzt«, sagt Weiss. Die Cremes hätten eine antibakterielle Wirkung. Das ist wichtig, wenn man vorher an der Stelle gekratz hat. Die Wunde könnte sich entzünden. Was viele nicht wissen: Man muss nicht einmal unter einer Eiche durchgelaufen sein, um mit dem Eichenprozessionsspinner in Berührung zu kommen. Weiss: »Die Härchen fliegen weit durch die Luft und auch durchs Fenster.«

Nächster Quälgeist ist im Anmarsch

Nicht alles, was juckt, lässt sich aber wohl auf den Eichenprozessionsspinner zurückführen. Wie mehrere Leser, vor allem aus Ober-Mörlen, berichten, sorgt derzeit auch die Grasmilbe für Ungemach. Zurück zum Eichenprozessionsspinner: Der Kontakt mit den Gifthärchen ruft allergische Reaktionen wie Hautexzeme oder Reizungen der Augen und Atemwege hervor. Wie Eckhard Richter von Hessen-Forst berichtet, gibt es im Bad Nauheimer Stadtwald zahlreiche Nester oder Prozessionen des Eichenprozessionsspinners. Die Population stieg in den beiden letzten Jahren stark an, in diesem Jahr noch einmal deutlicher als in den Vorjahren.

Am häufigsten tritt der Eichenprozessionsspinner an sonnigen Waldrändern auf. Besonders stark befallene Bereiche wurden vor Wochen mit dem Häutungshemmer Bacillus thuringensis besprüht. Er soll verhindern, dass die Larven schlüpfen. Den gesamten Wald zu behandeln, sei jedoch nicht möglich, teilt die Stadtverwaltung mit.

Nicht verwechseln mit Gespinstmotte

An Stellen, an denen sich Menschen dauerhaft aufhalten, wurden die Nester von einer Spezialfirma abgesaugt. Das geschieht meist in geringer Höhe. Viele Nester befinden sich aber auch in zehn bis 30 Metern Höhe in den Baumkronen und können nicht entfernt werden. Parkbänke an Stellen mit besonders intensivem Befall wurden abgebaut. An den Eingängen zum Wald wurden Warnschilder aufgestellt. Ein direkter Kontakt zu den Larven soll unbedingt vermieden werden, erläutert Bürgermeister Klaus Kreß.

Das Rathaus warnt aber vor Panik. Es gibt auch Personen, die kaum allergische Reaktionen auf den Kontakt der Brennhaare zeigten. Oder bei der vorgefundenen Raupe handele es sich gar nicht um den Eichenprozessionsspinner. Die Verwechslungsgefahr mit der Gespinstmotte sei groß.

Dabei unterscheiden sich die beiden Falter deutlich: Der Eichenprozessionsspinner hat eine gräulich-schwarze Färbung und ist vollständig behaart; man erkennt ihn in Eichen an den weißen Nestern. Anders als die Gespinstmotte hülle ein Eichenprozessionsspinner dabei nicht den kompletten Baum mit einem Gespinst ein.

Von der Gespinstmotte gehe keine Gefahr aus. Sie sei unbehaart und gelb mit schwarzen Punkten. Eckhard Richter: »Auch wenn bei starkem Befall Bäume und Sträucher kahlgefressen werden, besteht kein Grund zur Sorge. Es sind keine Gegenmaßnahmen erforderlich. Die betroffenen Pflanzen treiben nach dem so genannten Kahlfraß wieder aus.« Von einer Bekämpfung mit Gift sehen man ab. Die Motten und ihre Raupen seien »Bestandteil eines funktionierenden Ökosystems und daher erhaltungswürdig.«

Friedberg: 380 Eichen mit Bio-Mittel behandelt

Auch in Friedberg wird der Eichenprozessionsspinner seit einigen Jahren systematisch bekämpft. Wie Rolf Walther vom Amt für Stadtentwicklung mitteilt, betreibt die Stadt eine »vollflächige« Prophylaxe der rund 400 städtischen Eichen. Dabei kommt ein Bakterium namens Bacillus thuringiensis (BT) zum Einsatz. »Die damit erreichten, mittlerweile sehr guten, also äußerst geringen Befallsvorkommen werden an den städtischen Bäumen nach Meldung oder Sichtung abgesperrt und von einem Fachunternehmen aufwendig ›abgesaugt‹«, das heißt entfernt und entsorgt.« In diesem Jahr seien 380 über das gesamte Stadtgebiet verteilte Bäume behandelt worden. »Hot-Spots« waren das Ossenheimer Wäldchen, der Grüne Weg vor dem vormaligen Volksbank-Gebäude und die Frankfurter Straße gegenüber der Kaserne.

Wie Walther erläutert, handelt es sich bei dem BT-Präparat um ein Bakterium, das Toxine produziert, die zur biologischen Schädlingsbekämpfung in Land- und Forstwirtschaft sowie in der Bekämpfung von krankheitsübertragenden Stechmücken eingesetzt wird. Eine »Alternative« zu »Chemie-Keulen« (die hierzulande aber nicht eingesetzt werden) dienten Nistkästen für Meisen, heißt es. Meisen fressen die Larven der Eichenprozessionsspinner. Ja, sagt Walther, dies könne die Zahl der Raupen dezimieren. Das aktuelle Problem löst man damit aber nicht. Wie in Bad Nauheim, so gibt es auch in Friedberg viele Bürger, die dem Rathaus Meldungen über Eichenprozessionsspinner machen, die sich dann aber nur als Gespinnstmotten erweisen.

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