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Von der Suche nach dem »Genug«

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Von: Gerhard Kollmer

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Andreas Arnold hat selber »ausgemistet« und sich gefragt, was er wirklich zum Leben braucht. Deshalb hat er bei »Kultur auf der Spur« Nützliches zu berichten. © Gerhard Kollmer

Friedberg (gk). Mit einer beeindruckenden Fülle von Beispielen wartete WZ-Kolumnist und Buchautor Andreas Arnold am Montagabend im Bibliothekszentrum Klosterbau auf, um seinen Vortrag über »Minimalismus im Alltag« im Rahmen der Vortragsreihe von »Kultur auf der Spur« so anschaulich wie möglich zu gestalten. Dies ist ihm zweifellos, wie der dankbare Schlussapplaus zeigte, gelungen.

Laut einer Umfrage soll jeder Deutsche etwa zehntausend Dinge besitzen - kaum vorstellbar. Selbst Arnold, seit Jahren um die Befreiung von unnötigem Haushaltsballast bemüht, nennt noch rund 1 400 Dinge sein eigen.

Ohne Kühlschrank und Fernseher

Hier nur wenige Beispiele für, wie der Referent es nennt, »materiellen Minimalismus«: Steht das Auto kaum noch genutzt in der Garage - weg damit! Liegen Dutzende von Hemden, Hosen und so weiter im Schrank - das meiste davon in den Kleidercontainer. Werden Kühl- und Eisschrank wirklich noch gebraucht? Nur dann, so Arnold, wenn sie aufgrund von unnötigen Großeinkäufen vollgestopft werden. Er und seine Lebensgefährtin seien deshalb dazu übergegangen, nur kleine, in ein bis zwei Tagen verzehrbare Nahrungsmittel zu kaufen - im »Unverpacktladen« zum Beispeil, denn Arnold hat keinen Kühlschrank mehr.

Der Raum der vergessenen Dinge

Im Keller - dem »Raum der vergessenen Dinge« - stapelt sich meist viel. Zu viel alter Plunder. Ab in den Sondermüll damit, rät Arnold. Auch vorm gut bestückten Bücherschrank macht der Referent nicht Halt. Die meisten »alten Schinken« können weg - zumal damit auch kostbarer Raum frei wird.

Arnolds interaktiver, kurzweiliger Vortrag (Zwischenfragen waren erlaubt) widmete sich im zweiten, interessantesten Teil dem »digitalen Minimalismus«. Benötigen wir wirklich noch die alten Schallplatten,VHS-Kassetten, CDs oder den verstaubten Fernseher auf dem Speicher? Nein! Damit der Konsum digitaler Medien, vor allem des Smartphones, nicht zur zweiten Natur wird, müsse bewusst, das heißt, sparsam mit ihnen umgegangen werden.

Andererseits können Dutzende von Fotoalben und andere Erinnerungsstücke problemlos nach Einscannen auf digitale Medien entsorgt werden. Dasselbe gelte für die berüchtigten Aktenordner und anderes Büromaterial. Kritische Zwischenfrage: Setzen solch digitale »Rationalisierungsfeldzüge« nicht zum einen das Vorhandensein entsprechender Medien und andererseits die - bei Älteren oft nicht vorhandenen - Kenntnisse zu deren Benutzung voraus? Und wie - so der Einwurf einer Hörerin - steht es um den immateriellen Wert gerade von Erinnerungsstücken wie beispielsweise kostbarem Tafelsilber, Kaffeeservice oder ähnliches? Solche und weitere Fragen aus dem Auditorium ließen deutlich werden, dass »Minimalismus« an nicht objektiv bestimmbare Grenzen - zum Beispiel alters- oder geschlechtsspezifischer Art - stößt. Selbst unbrauchbar gewordene, raumfordernde Gegenstände wie das kaputte Röhrenradio aus den 50er Jahren haben oft immateriellen Wert. Beispiele wie dieses zeigen auf, dass der minimalistische Imperativ »simplify your life« nur bedingt verallgemeinerbar ist.

Grenzen werden klar deutlich

Der dritte und letzte Teil von Arnolds erhellendem Vortrag war dem »immateriellen Minimalismus« gewidmet. Ist es nicht, so Arnold, pure Zeitverschwendung, mit Bekannten weiterhin Kontakt zu pflegen, wenn man daraus irgendwann keinerlei Nutzen für sich mehr ziehen kann? Solche Fragen stimmen nachdenklich. Sind sie nicht doch zu »rationalistisch«? Hat zum Beispiel Geselligkeit nicht auch einen »Mehrwert«, der über ein »ergiebiges Gespräch« hinausgeht? Wird das begrüßenswerte Einsparen von Zeit nicht irgendwann zum »Zeitdiktat«?

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