Die Agentur für Arbeit in Friedberg hilft Menschen, die sich beruflich in einer anderen Branche neu orientieren möchten. Dabei müssen die Interessenten bestimmte Bedingungen erfüllen.
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Die Agentur für Arbeit in Friedberg hilft Menschen, die sich beruflich in einer anderen Branche neu orientieren möchten. Dabei müssen die Interessenten bestimmte Bedingungen erfüllen.

Arbeitsagentur unterstützt berufliche Neuorientierung

Von der Bäckereifachverkäuferin zur Erzieherin: Wetterauerin wagt beruflichen Neustart

  • Christoph Agel
    vonChristoph Agel
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Angelika Krautwurst, gelernte Bäckereifachverkäuferin will Erzieherin werden. Unterstützt wird sie von der Arbeitsagentur, die durch Corona eine erhöhte Bereitschaft zur beruflichen Neuorientierung feststellt.

Ich glaube dass die Bereitschaft der Leute, sich zu verändern, größer geworden ist«, sagt Sascha Heibel. Der Arbeitsvermittler und Weiterbildungsberater bei der Agentur für Arbeit in Friedberg berät derzeit viele Menschen, die wegen der Corona-Pandemie ihren Job verloren haben - oder Angst haben, ihn zu verlieren. Die Arbeitsagentur unterstützt bei der beruflichen Neuorientierung.

Wetterau: Berufliche Neuorientierung von Angelika Krautwurst könnte Menschen Mut machen

Auch Angelika Krautwurst aus Altenstadt orientiert sich neu. Mit Corona hat dieser Schritt zwar nichts zu tun, er zeigt aber, was möglich ist - und macht vielleicht Menschen Mut, die die Folgen der Pandemie zu spüren bekommen. Bis Ende 2019 arbeitete die heute 36-Jährige in einer Bad Nauheimer Bäckerei als Fachverkäuferin. 16 Jahre lang hatte sie den Beruf ausgeübt, bis das Geschäft geschlossen wurde. Die Altenstädterin schaute sich nach einem neuen Job in ihrer Branche um. »Da bin ich quasi auf dem Boden der Tatsachen angekommen«, stellt Krautwurst ernüchtert fest - und meint die Bedingungen, die mit einer neuen Anstellung als Bäckereifachverkäuferin einher gegangen wären. »Da kamen erschreckende Sachen zum Vorschein«, sagt die Altenstädterin und verweist auf Bezahlung, Arbeitszeiten, Urlaubstage.

Angesichts solcher Aussichten entschied sich Angelika Krautwurst dazu, eine neue Laufbahn einzuschlagen. Die Idee, Erzieherin zu werden, habe sie schon immer mit sich herumgetragen, sagt sie. Der Bedarf ist da - sogar vor der Haustür: »Hier in Altenstadt hängt ein Banner, dass Erzieherinnen gesucht werden.«

Krautwurst macht derzeit Nägel mit Köpfen. Nach den Sommerferien im vergangenen Jahr startete sie eine Umschulung an der Hanauer Eugen-Kaiser-Schule. Pandemiebedingt läuft derzeit alles von zu Hause aus. Die Schüler haben fast täglich eine Videokonferenz. Arbeitsaufträge bekommen sie zugeschickt. »Die Älteste bei uns in der Klasse ist 44«, sagt Krautwurst.

Wetterauerin wagt Neustart: Mit Unterstützung der Arbeitsagentur zur Erzieherin

Die Schulzeit umfasst zwei Jahre, es folgt ein Anerkennungsjahr in einer Einrichtung. Normalerweise dauert die Ausbildung zur Erzieherin fünf Jahre, aber Krautwurst bekommt ihre Ausbildung zur Bäckereifachverkäuferin angerechnet. Im April wird die Altenstädterin in den Job als Erzieherin reinschnuppern, dann nämlich beginnt sie ein sechswöchiges Praktikum in der Lindheimer Kita. Mit den Kindern gemeinsam kreativ sein, offen sein, »sehen, wie sich alles entwickelt« - das ist es, was die 36-Jährige an ihrem künftigen Job reizt.

Gerne möchte sie auch mal ein Praktikum mit Jugendlichen machen, denn eine Erzieherin kann sich auch um »Ältere« kümmern. Für was auch immer sie sich letztlich entscheiden wird - Sorgen darüber, nicht gebraucht zu werden, hat Angelika Krautwurst nicht. Denn eines sei ja klar, sagt sie: »Wir werden definitiv nicht durch Maschinen ersetzt.«

Und so gibt es einige Branchen, denen auch Arbeitsvermittler Sascha Heibel eine stabile Zukunft voraussagt. Mit dem zweiten Lockdown wollen demnach viele Menschen ihr Glück in der Alten- und Krankenpflege suchen. Relativ zukunftssicher seien auch folgende Bereiche: Berufskraftfahrer, Steuerberater, Buchhalter, Lebensmitteleinzelhandel, Pflegeberufe, Erziehung, Handwerk, Digitalisierung. Auch der Sektor, der Lebensmittel nach Hause liefere, expandiere, sagt Heibel. »Jede negative Auswirkung auf dem Arbeitsmarkt öffnet wieder Türen in neue Bereiche.«

Beruflicher Neustart: Wem die Arbeitsagentur beim Wechsel des Jobs hilft

Die Pandemie bewirkt, dass in Branchen wie der Gastronomie fast nichts zu tun ist, während man etwa in der Pflege nicht weiß, wo man anfangen soll. Natürlich gab es schon vor Corona einen Fachkräftemangel, doch das Virus lässt das Problem deutlicher zutage treten. Sascha Heibel kann davon ein Lied singen. Er ist Arbeitsvermittler und Weiterbildungsberater bei der Agentur für Arbeit in Friedberg und zuständig für Menschen aus dem gesamten Wetteraukreis, abgesehen vom Altkreis Büdingen. Wer sich beruflich neu orientieren, die Branche wechseln und auf Unterstützung der Arbeitsagentur bei der Umschulung zählen möchte, muss einige Bedingungen erfüllen. Zunächst einmal muss eine Arbeitslosigkeit vorliegen, keine Langzeitarbeitslosigkeit, denn in solchen Fällen ist das Jobcenter zuständig. Der Interessent muss ungelernt oder wieder ungelernt sein, also mindestens vier Jahre lang nicht im gelernten Job tätig gewesen sein. Erstmal gehe es darum, jemanden in der Branche unter zu bekommen, in der er mal gearbeitet habe, erläutert Heibel. Allerdings sei das aktuell in einigen Berufen schwierig - siehe Tourismusbranche. Andererseits fehlen Erzieher und Pflegekräfte.

Wer in einem Job unterkommen will, in dem an allen Ecken und Enden Personal fehlt, darf sich laut Heibel auch dann bei der Arbeitsagentur melden, wenn er oder sie sich in einem festen Arbeitsverhältnis befindet. Kündigen und umschulen ist also in solchen Fällen möglich. Wegen der Pandemie befinden sich viele Arbeitnehmer in Kurzarbeit. Diese Personen dürfen aber von der Agentur für Arbeit nicht finanziell gefördert werden, da es sich bei der Kurzarbeit um ein Instrument zur Vermeidung von Arbeitslosigkeit handelt, erläutert Heibel. »Die Leute sitzen aktuell in einer Leere und sind stark verunsichert bezüglich ihrer beruflichen Zukunft.« Allerdings befänden sie sich in einem ungekündigten Anstellungsverhältnis. »Aber dadurch, dass sich die Leute vermehrt bei uns melden, haben wir da einen hohen Beratungsbedarf.« Diese Beratung sei mittlerweile sein Kerngeschäft, sagt Heibel. Wenn die Agentur für Arbeit jemanden bei der Umschulung unterstützt, dann zahlt sie Lehrgangs- und Prüfungsgebühren, Fahrtkosten und anteilig Ausgaben für Kinderbetreuung.

Weitere Infos gibt es unter https://www.arbeitsagentur.de/karriere-und-weiterbildung. Eine Terminvereinbarung ist unter Tel. 08 00/4 55 55 00 möglich.

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