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Manfred Clauss Professor

Vom Alten Testament bis zum Codex Justinianus

  • vonGerhard Kollmer
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Friedberg (gk). Zum vorerst letzten Mal musste sich Interessierte bei »Kultur auf der Spur« mit einem gestreamten Vortrag begnügen.

Dafür wurden sie mit einem informativen, zitatreichen Vortrag des Althistorikers, Prof. Dr. mult. Manfred Clauss belohnt. Thema des 50-minütigen Referats: »Die Genese des neuzeitlichen Rechts in Europa.«

Anhand von Beispielen aus dem Alten Testament, dem Stadtrecht der antiken kretischen Stadt Gortyn und des Römischen Rechts vom Zwölf-Tafel-Gesetz aus dem fünften vorchristlichen bis zum Kodex des oströmischen Kaisers Justinian aus dem sechsten Jahrhundert skizzierte Prof. Clauss die Evolution von Rechtsdenken und -praxis.

»Eine der wichtigsten Aufgaben jeder Gemeinschaft ist es, Ordnungen des Zusammenlebens zu entwickeln. Dafür bedarf es auf der einen Seite bestimmter Grundsätze und auf der anderen Garantien dafür, dass diese auch eingehalten werden«, erklärte Prof. Clauss.

Fundamental nicht nur für das alte Israel, sondern für die gesamte jüdisch-christliche Rechtsgeschichte sind die Zehn Gebote, der »Dekalog« - in Gestalt von »persönlichen« Verboten (»Du sollst nicht töten«, etc.). Da der Dekalog keine Strafandrohungen für das Übertreten der Verbote enthält, sind die Zehn Gebote jedoch eher Lebensregeln als Rechtssätze.

Bevor es zur Entstehung von Staaten mit alleinigem »Gewaltmonopol« kommt, ist die Großfamilie beziehungsweise Sippe wichtigste Rechtsinstanz.

Blutrache zum Schutz des Lebens

Die Institution der Blutrache ist in frühen Gesellschaften ein legitimes Mittel, den Schutz des Lebens der eigenen Familie zu gewährleisten. Wird der Angehörige einer Sippe getötet, so steht ihren Mitgliedern das Recht zu, dafür Vergeltung zu üben - wenn der Täter nicht greifbar ist, dann an seinen Sippenmitgliedern.

Der Begriff »Rache« klingt in modernen Ohren nach rechtloser Willkür - ebenso wie das sogenannte Vergeltungs- beziehungsweise »Talionsprinzip« (Auge um Auge, Zahn um Zahn, Kopf um Kopf). Dies trifft für vorstaatliche Gesellschaften ohne kodifiziertes Recht jedoch nicht zu.

Das sogenannte »Stadtrecht« der antiken kretischen Stadt Gortyn gilt als ältester Gesetzestext Europas. Anhand der Strafandrohung für Vergewaltigungen zeigte der Referent auf, dass das archaisch-antike Rechtsdenken den Grundsatz »Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich« noch nicht kannte. So wird im Stadtrecht von Gortyn die Vergewaltigung einer Vollbürgerin mit 1200 Obolen, die einer Sklavin jedoch nur mit einem Obol geahndet.

Das Stadtrecht von Gortyn kennt bereits den Eid als Beglaubigung einer Zeugenaussage. Wird der Zeuge des Meineids überführt, trifft ihn die Strafe der Götter.

Das römische Recht als »Mutter des europäischen Rechts« (Prof. Clauss) - wie es im »Codex Theodosianus« und »Codex Justinianus« niedergelegt ist - zeichnet sich durch Systematik und logische Struktur aus. Vom Zwölf-Tafel-Gesetz bis zu diesen berühmten Gesetzessammlungen ist es jedoch ein weiter Weg. Wichtig zu wissen ist, sagte Prof. Clauss, dass das Römische Recht viele Jahrhunderte lang reines Privatrecht war. Es gab keine staatlichen Strafverfolgungsbehörden im modernen Sinn. Dies gilt auch für Gewaltverbrechen wie Mord, Totschlag, Vergewaltigung, et cetera.

In der Kaiserzeit seit Augustus kommt es zu einer Ausdifferenzierung des Strafprozessrechts. Grundsätze wie »in dubio pro reo«, »audiatur et altera pars«, »nulla poena sine lege« und viele andere gelten bis zum heutigen Tag.

Der besprochene Vortrag ist weiterhin auf der Homepage des Friedberger Vereins auf www.kultur-auf-der-spur.de zu sehen. FOTO: GK

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