Gerade zu den Stoßzeiten morgens oder nach der sechsten Stunde werden die Busse voll. Eine Maske muss getragen werden, ein Abstandsgebot gibt es nicht. Wäre auch gar nicht möglich, bemängelt etwa Kreisschulsprecher Rene Uhlig. 	SYMBOLFOTO: DPA
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Gerade zu den Stoßzeiten morgens oder nach der sechsten Stunde werden die Busse voll. Eine Maske muss getragen werden, ein Abstandsgebot gibt es nicht. Wäre auch gar nicht möglich, bemängelt etwa Kreisschulsprecher Rene Uhlig. SYMBOLFOTO: DPA

Schulbusse

Volle Schulbusse in Corona-Zeit: Der Frust wächst - „Wir riskieren jeden Tag unsere Gesundheit“

  • vonKatharina Gerung
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Überfüllte Schulbusse waren schon vor der Pandemie ein Problem, nun hat sich die Situation verschärft. »Wir riskieren jeden Tag unsere Gesundheit«, sagt Kreisschulsprecher Rene Uhlig.

Die Luft im Bus ist abgestanden. Die Haltegriffe sind von den vielen Händen, die sie berühren, ganz klebrig. »Ich stelle mir manchmal vor, wie draußen noch einer in die Hände niest und hier drin dann alles anfasst«, sagt Kreisschulsprecher Rene Uhlig und lacht - doch wirklich lustig findet er es nicht.

Der Abiturient fährt jeden Morgen von Echzell an die Augustinerschule nach Friedberg und wieder zurück. Drängt sich jeden Tag aufs Neue insgesamt gut 40 Minuten dicht an dicht zwischen andere Schüler. »Ich bin kein Experte, aber ich denke schon, dass das Ansteckungsrisiko dabei erhöht ist«, sagt Uhlig. »Der Bus ist nicht nur Schülertransportmittel, sondern auch Virenverbreiter.«

Die Bus-Situation in der Wetterau sei schon vor der Pandemie nicht optimal gewesen, sagt Uhlig. Überfüllt seien die Busse besonders zu den Stoßzeiten morgens vor Schulbeginn und nach der sechsten Stunde. »Auf kurzen Strecken sehe ich nicht das Problem«, sagt der 18-Jährige, »aber aus dem ländlichen Bereich in die Stadt gleicht die Fahrt eher einer Katastrophe.«

Vor allem Strecken von und nach Friedberg, Nidda und Büdingen seien »Brennpunkte«. »Die Situation hat sich mit Corona nun noch verschärft«, sagt Uhlig. »Traurigerweise scheint es auch nicht absehbar, dass es kurzfristig besser wird.«

»Muss es erst mehrere Fälle geben?«

Uhlig ist wie andere Schüler, für die er in seiner Funktion spricht, frustriert. Ende August hatte es einen Corona-Fall an seiner Schule gegeben, ein ganzer Jahrgang wurde daraufhin in Quarantäne geschickt. »Muss es erst mehrere Fälle geben? Muss es erst einen schlimmen Verlauf geben, damit sich etwas ändert?«, beschwert sich der 18-Jährige. Er hat das Gefühl, die Sorgen der Schüler würden nicht wirklich ernst genommen.

Das stößt nicht nur auf Enttäuschung, sondern auch auf Unverständnis. »In der Schule gibt es so viele Regeln, die uns vor einer Ansteckung schützen sollen, und im Bus wird alles wieder über den Haufen geworfen«, sagt er. »Da ist doch irgendwo ein Fehler im System.«

Die Eltern in der Wetterau schließen sich dieser Kritik an. »Die ersten Wochen nach Ferienbeginn sind brutal«, sagt Thomas Seeling vom Kreiselternbeirat. »Die Schüler werden in den Bussen regelrecht zusammengeknäult.« Derzeit gilt im öffentlichen Personenverkehr lediglich das Gebot zum Tragen einer Maske.

Seeling hat das Gefühl, dass sich die Politik genau darauf ausruhe - auch die hiesige. Trotz der beunruhigenden Bilder, die im Umlauf seien, habe es auf viele Vorschläge, wie etwa mehr Busse in den Stoßzeiten oder versetzte Schulzeiten, nur Ausflüchte gegeben. »Wir wollen und können dem Kreis als Schulträger nicht wirklich etwas vorwerfen, doch wir würden uns etwas mehr Enthusiasmus bei der Problemlösung wünschen«, sagt Seeling.

Entscheidung zwischen Gesundheit und Werten

Beim Wetteraukreis bezieht man sich indes auf das Gesundheitsamt. Dem seien keine Fälle bekannt, die auf überfüllte Busse zurückzuführen wären. Das Ansteckungsrisiko werde deshalb als gering eingestuft, akuter Handlungsbedarf bestehe nicht. Dennoch sei auch dem Kreis klar, dass die Busse überfüllt sind - man sei diesbezüglich »in Gesprächen«. Anfragen für die eventuelle Beschaffung weitere Buszulassungen seien gemacht worden.

Sowohl die Umsetzung der Forderung nach mehr Bussen als auch nach versetzten Schulzeiten sei »nicht ganz einfach«, heißt es auf Nachfrage. Erforderliche Voraussetzungen müssten zunächst geprüft und dann geschaffen werden.

»Wem der volle Bus nicht passt, der muss sich eben eine Alternative überlegen«, sagt Seeling, »so kommt es rüber.« Viele Eltern würden ihre Kinder inzwischen selbst in die Schule fahren. Auch Uhlig könnte mit dem Auto fahren. »Wenn das bald jeder Schüler so macht, ist das für das Klima natürlich katastrophal«, sagt der 18-Jährige.

Gerade die Generation, der Umweltschutz sehr am Herzen liegt, fühlt sich nun in eine Situation manövriert, in der sie zwischen Gesundheit und Werten entscheiden muss. »Ich würde ja mit dem Fahrrad fahren«, sagt der Schüler, »aber dafür brauche ich eine Stunde, und im Winter oder bei Regen ist das auch nicht so unproblematisch.«

Der Kreisschulsprecher und seine Kollegen arbeiten aktuell an einem Schreiben an Landrat Jan Weckler, um ihm das Problem der überfüllten Busse und die Sorge vor einer Ansteckung mit dem Corona-Virus aus Sicht der Schüler zu schildern. »Klar ist es nicht ganz einfach und sicher viel Arbeit, eine Lösung zu finden«, sagt Uhlig, »aber es besteht doch eine Dringlichkeit. Wir riskieren jeden Tag unsere Gesundheit. Die muss doch etwas zählen.«

Was sagt das RKI?

Wo lauert die größte Gefahr, sich mit dem Virus anzustecken? Dieser Frage geht das Robert Koch-Institut im Epidemiologischen Bulletin 38 nach. Laut der Gesundheitsbehörde ist demnach eine Ansteckung im Bus eher selten. Nur 0,1 Prozent der Fälle (konkret 66), bei denen sich die Ansteckung nachvollziehen ließ, fand dort statt. Die Übertragung in Privathaushalten (22 Prozent) und in Alten- und Pflegeheimen (24 Prozent) dagegen ist mit Abstand für die meisten Infektionen verantwortlich.

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