Liquidation wird aufgehoben

Volksbühne: Ein neuer "Intendant" ist gefunden

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Die Volksbühne Friedberg muss nicht sterben. Stadtrat Bernd Baier (Linke) will die Vereinsführung übernehmen. Das gab der amtierende Vorsitzende Michael Keller vor der jüngsten Aufführung bekannt.

Seit letzten Dezember befindet sich der Friedberger Volksbühnenverein in der Liquidation. Nachdem kein Nachfolger für den Vorsitzenden Alt-Bürgermeister Michael Keller gefunden worden war, strich der alte Vorstand die Segel. Aus und vorbei. Aber es gab ein Hintertürchen. Finde sich noch jemand, der die Vereinsführung übernehme, werde die Liquidation rückgängig gemacht, hatte Keller im Februar gesagt. Jetzt ist der Nachfolger gefunden, die Planung für die nächste Spielzeit kann bald beginnen.

Im Mai oder im Juni, der Termin muss noch abgestimmt werden, soll eine Mitgliederversammlung einberufen werden. Erster Punkt auf der Tagesordnung: Die Liquidation wird gestoppt. Zweiter Punkt: Vorstandswahl. Bernd Baier tritt an. Vor anderthalb Jahren war er Kandidat der Linken bei der Bürgermeisterwahl. "Werde ich diesmal gewählt, nenne ich mich Intendant", scherzte Baier. Die Organisation von Kulturveranstaltungen ist ihm nicht fremd. Der Bilanzbuchhalter war in leitender Position bei der Alten Oper Frankfurt beschäftigt, ist Gründungsmitglied des Theaters Altes Hallenbad.

Dort lernte Baier Marc Rohde kennen. Der Bankkaufmann, zuletzt als Teamleiter bei der Deutschen Börse beschäftigt, ist Theatermensch durch und durch, stand als Statist mit Axel Prahl auf der Bühne, spielt Geige, arbeitet im Nebenjob für ein österreichisches Opernmagazin und war sechs Jahre lang Geschäftsführer der "Theater Altes Hallenbad gGmbH". Er kennt sich aus mit Programmgestaltung, Künstlerbetreuung, Ticketing, Budgetplanung und Sponsorenakquise. Rohde soll als Nachfolger von Susanne Keller die Geschäftsführung der Volksbühne übernehmen. Zwar zieht er mit seiner Frau demnächst von Friedberg zurück in seine Heimatstadt Flensburg. "Wir haben aber noch ein Appartement in Frankfurt, ich werde regelmäßig vor Ort sein." Dritte im Bunde für den neuen Vorstand ist Michaela van Blericq, die seit vielen Jahren in Friedberg ehrenamtlich aktiv ist. Die Verhandlungen seien "zäh" gewesen, sagte Baier. "Jetzt schauen wir nach vorne."

Eine wahre Geschichte

Das letzte Theaterstück der laufenden Saison wagte den Blick zurück. "Oskar Schindlers Liste" erzählt die bekannte Geschichte eines Industriellen, der in Polen Geschäfte machen will und dabei vielen hundert jüdischen Männern, Frauen und Kindern das Leben rettet. Steven Spielberg hat das auf eine wahre Geschichte zurückgehende Buch 1994 fürs Kino verfilmt. Das Theaterstück von Florian Battermann geht eigene Wege. So agiert an der Seite des smarten Unternehmers, Lebemanns und Frauenhelden Oskar Schindler (ausdrucksstark: Stefan Bockelmann) der umtriebige Werksleiter Abraham Bankier (Dimitri Tellis), der im Film nicht vorkam. Die Ehefrau Emilie Schindler (Astrid Krenz-Straßburger) erhält – wie im wahren Leben – eine größere Rolle, war sie doch maßgeblich daran beteiligt, die Emaille-Fabrik ihres Gatten von Polen nach Tschechien umzusiedeln. 781 Männer und 297 Frauen, die auf Schindlers Liste standen, wurden vor dem Tod in Auschwitz gerettet.

Das zwölfköpfige Ensemble der Landesbühne Rheinland-Pfalz agierte überzeugend, das Spiel war ergreifend, am Ende gab es Standing Ovations. Man wolle dem Publikum keine Moral mit auf den Weg geben, sondern eine Geschichte erzählen, hatte Ensemblemitglied Andreas Werth vor Beginn des Stücks erklärt. Jeder Zuschauer könne daraus mit der Kraft der Fantasie seine eigene Geschichte herauslesen.

Dass dies gelang und die Spannung über zwei Stunden lang anhielt, war nicht nur den hervorragenden Schauspielern zu verdanken, sondern auch der Inszenierung mit expressionistischer Musik, passender Kulisse (die überdimensionale Version einer von Schindlers Namens-Listen) und gekonnten Lichteffekten. Der Brutalität der Nazi-Schergen begegnen Schindler und seine jüdischen Arbeiter mit Herzlichkeit und Nächstenliebe. Ein bewegendes Stück, mit gutem Ausgang. Es geht weiter, im wahren Leben wie auf der (Volks-)Bühne. (Foto: pv)

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Vorhang auf!

Auch wenn die Verhandlungen des alten Vorstands mit dem designierten neuen zäh waren – es ist geschafft. Der Volksbühnenverein kann weiterbestehen. Eine gute Nachricht für die Kreisstadt Friedberg. Alles andere wäre, wie es die Schauspielerin Marion Kracht neulich ausdrückte, "skandalös" gewesen. Theatervorstellungen professioneller Bühnen haben ihren ganz eigenen Reiz, funktionieren völlig anders als Kinofilme oder TV-Serien auf Streaming-Portalen. Am Dienstag war die Stadthalle leider nur zu zwei Dritteln gefüllt. Obwohl sämtliche Schulen angeschrieben wurde, besuchte nicht eine einzige Oberstufenklasse die Aufführung. Soll die Volksbühne weiter existieren, müssen auch die Zuschauer mitziehen. Auf den neuen Vorstand kommt von daher viel Arbeit zu, vor allem in Sachen Werbung und Öffentlichkeitsarbeit. (jw)

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