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Neustart

Volksbühne Friedberg zeigt Schauspiel mit Tiefgang

  • vonGeorgia Lori
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Nach langer Corona-Pause präsentiert die Volksbühne Friedberg zum Neustart "Der Trafikant" nach dem Bestseller von Robert Seethaler.

Friedberg(geo). Er behält trotz Corona den Überblick: Bernd Baier, der Vorsitzende der Volksbühne. Im 60. Jahr der Volksbühne in Friedberg mit 220 Mitgliedern und im 120. Jahr deutschlandweit spricht Baier von sechs Theaterveranstaltungen jährlich. Nachdem die Volksbühne im Januar noch gespielt hat, gab es nach mehreren Monaten Pause nun die Fortsetzung mit "Der Trafikant" nach dem Bestseller von Robert Seethaler.

Aktuell sei die Theaterlandschaft sehr schwierig. Die Stücke bei der Volksbühne würden nachgeholt. Zurzeit sei es so, dass nur die Abonnenten profitierten. Von 220 Abonnenten kamen aufgrund der Abstandsregelung 160 in den Genuss "Der Trafikant" zu sehen. Das Stück sei schon vor neun Monaten geplant gewesen, sagt Baier. Es gebe eine Angebotsvielfalt von verschiedenen Theateragenturen. Die Kulturszene in Friedberg finde aktuell im Kleinformat statt. Auch der freie Verkauf falle weg und sei nicht nachzuholen. Die Finanzierung erfolge zu einem Drittel durch die Stadt, was 5000 Euro pro Abend entspreche, über die Abonnenten und den freien Verkauf. Von den Abonnenten sei niemand abgesprungen, sagt Baier. Unter strenger Einhaltung der Corona-Regeln waren die meisten Abonnenten froh darüber, dass der Spielbetrieb wieder starten konnte.

Berührt verfolgten sie die Geschichte des 17-jährigen Franz Huchel (Enrico Riethmüller) der im Jahr 1937 sein Heimatdorf im Salzkammergut verlässt, um in Wien als Lehrling in einem Tabakladen, im österreichischen Volksmund als Trafik bezeichnet, zu arbeiten. Über seiner ersten Liebe zu einer jungen Varietétänzerin (Stella Withenius), seiner Bekanntschaft mit dem Stammkunden Sigmund Freud (Sören Ergang) und den Herausforderungen der Pubertät schwebt der Schrecken des Nationalsozialismus. Am 1. April 1938 begannen die Transporte in das Konzentrationslager Dachau. Mit viel Feingefühl inszeniert, wird der historische Kontext zum indirekten Appell an die heutige Zeit.

Bewegende Inszenierung

Monika Passmann-Ganz aus Friedberg hat die Vorstellung sehr gut gefallen. "Mein Großvater war Jude. Die Familie ist umgekommen", sagt sie. Susanne Steinhauer aus Bad Nauheim ist der Volksbühne seit Jahren treu. "Die Inszenierung war sehr bewegend. Thematisch hat man das Gefühl, es wiederholt sich so einiges", sagt sie.

Theresa Plaz aus Bad Nauheim beschreibt die Inszenierung als sehr zurückhaltend. Dennoch sei die Geschichte rübergekommen. Die langjährige Abonnentin war begeistert und freut sich, dass nun wieder Inszenierungen stattfinden können. Isolde und Arno Huber aus Wölfersheim beschreiben das Schauspiel als eines mit Tiefgang, das zum Nachdenken anregt. "Es ist gewöhnungsbedürftig mit der Abstandsregelung in der Stadthalle, doch ich hoffe, dass es weitergeht und keine Ausnahme bleiben wird", sagt Isolde Huber. Das Bühnenbild fand sie treffend für das Stück. Die bühnentechnische Einbeziehung der Trafik in Bezug auf die anderen Szenen sei mit wenig Bühnenpersonal gut umgesetzt worden.

Im Jahr 2021 soll es bei der Volksbühne Friedberg neue Formate geben, um auch junges Publikum anzusprechen. Die Volksbühne möchte an Schulen gehen, Theaterstücke von der Landesbühne mit theaterpädagogischen Projekten einkaufen. Auch Busreisen zum Stadttheater Gießen oder nach Marburg und Wiesbaden sind angedacht.

Der Ursprung der Volksbühnen-Bewegung liegt in Berlin. 1890 wurde dort die Freie Volksbühne gegründet, um überwiegend Arbeitern Theaterbesuche zu ermöglichen und das bis dahin vom Bürgertum gehaltene Bildungsmonopol zu durchbrechen. Die Friedberger Volksbühne bietet ihren Mitgliedern in Friedberg bestes Theater. Statt nach Frankfurt oder Gießen fahren zu müssen, erleben die Zuschauer dort exzellente Aufführungen mit namhaften Schauspielern.

Das nächste Schauspiel wird am Montag, 12. Oktober, um 20 Uhr in der Stadthalle Friedberg mit "Lehman Brothers", Aufstieg und Fall einer Dynastie von Stefano Massini gegeben. geo

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