Da schenkt er freudig ein Fähnchen: "Für mich ist es in Friedberg nach sehr langer Zeit mal wieder ein echter Auftritt. Ich habe meine letzte Show vor Publikum am 8. März im SoHo Playhouse in Manhattan gespielt", sagt Vince Ebert. FOTO: FRANK EIDEL
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Da schenkt er freudig ein Fähnchen: "Für mich ist es in Friedberg nach sehr langer Zeit mal wieder ein echter Auftritt. Ich habe meine letzte Show vor Publikum am 8. März im SoHo Playhouse in Manhattan gespielt", sagt Vince Ebert. FOTO: FRANK EIDEL

Zurück aus USA

Vince Ebert: Lieber Broadway statt Jakobsweg

  • Sabine Bornemann
    vonSabine Bornemann
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Kabarettist Vince Ebert kommt er zurück in die Wetterau und zeigt in Friedberg sein neues Programm "Make Science great again!". Dafür lebte er ein Jahr in den USA und recherchierte. Der Corona-Lockdown traf ihn mitten in New York.

Herr Ebert, Sie waren ein Jahr sozusagen auf "Forschungsreise" in den USA. Dann kam Corona. Wie haben Sie die Corona-Situation dort erlebt?

Das war schon sehr beklemmend. Meine Frau und ich haben ja mitten in Manhattan gelebt und als New York Ende März in den Lockdown ging, verwandelte sich die City von einem auf den anderen Tag buchstäblich in eine Geisterstadt. Der Times Square sah plötzlich so aus wie Rosbach an einem verkaufsoffenen Sonntag. (lacht). Zum Glück haben wir es vor dem ganzen Chaos dann doch noch geschafft, einen Flug zurück nach Europa zu bekommen.

Was hat Sie daran gereizt, ein Jahr in einem anderen Land zu leben?

Ich stehe seit 1998 auf der Bühne. Nach so langer Zeit auf Tour habe ich eine neue Inspiration und eine neue Herausforderung gebraucht. Und wo ist die Herausforderung als Comedian größer als in New York? Im Mekka der Stand-up Comedy? Ich wollte mit meinen inzwischen 50 Jahren also nicht runterfahren, sondern noch mal beschleunigen. Broadway statt Jakobsweg sozusagen.

Also inkognito in der Großstadt?

Die Tatsache, dass mich in New York niemand auf der Straße erkannt hat, habe ich schon sehr genossen - die ersten zwei Wochen. In der dritten Woche habe ich mich dabei ertappt, wie ich an einer deutschen Touristengruppe sehr, sehr auffällig vorbeigegangen bin. Und tatsächlich hat auf einmal jemand gerufen: "Hey, den kenn‹ ich! Das ist doch Kurt Krömer."!

Einiges in den USA bedient Klischees. Worüber haben Sie sich am meisten gewundert?

Über die amerikanische "Ingenieurskunst". Wieso schafft es diese Nation, auf den Mond zu fliegen, aber ist gleichzeitig nicht fähig, eine simple Duschamatur herzustellen? In unserer New Yorker Wohnung musste man die Mikrowelle ausschalten, damit der Türsummer funktioniert hat. Heizungsthermostate heißen in den USA übrigens "Fenster", und beim Händewaschen kannst du wählen zwischen Verbrühen oder Schockfrosten.

Aus Ihren Beobachtungen ist Ihr neues Programm "Make Science great again" entstanden. In Anlehnung am Trumps Slogan "Make America great again. Was ist das Großartige an Wissenschaft?

In den letzten 300 Jahren hat die Wissenschaft unglaublich viel herausgefunden. Wir wissen inzwischen, dass das Universum expandiert, dass alles um uns herum aus Atomen besteht und dass der Mensch die Hälfte seines Erbmaterials mit einer Banane gemeinsam hat. Was übrigens nicht bedeutet, dass man aus zwei Bananen einen Menschen machen kann. Auch, wenn man das bei manchen vermuten würde.

In der jetzigen Pandemie bekommt Wissenschaft einen wichtigen Stellenwert. Wie sehen Sie das?

Wissenschaft liefert eine Menge Erkenntnisse, aber sie macht keine Aussagen darüber, wie wir als Gesellschaft auf diese Erkenntnisse reagieren sollen. Was nicht heißt, sie zu ignorieren. Gerade weil bekannt war, dass sich das Virus exponentiell vermehrt, hätte man am Anfang die Zahl der Infizierten sofort halbieren können, wenn man sie durch zwei geteilt hätte.

Wie kann man besonders Schüler für Wissenschaft begeistern?

Indem man spannende Fragen stellt und unorthodoxe Beispiele bringt. Wussten Sie zum Beispiel, dass man aus der Urinspur eines Elefanten mithilfe eines mathematischen Verfahrens ganz präzise die Länge seines Penis errechnen kann? Wenn Sie also mal ein Date mit einer Mathematikerin haben, setzen Sie sich beim Pinkeln auf jeden Fall hin.

Sie sind ja selber studierter Physiker. Wieso sind Sie vom Labor auf die Bühne gegangen?

Wenn man Forschung betreibt, muss man sehr akribisch sein und einen extrem langen Atem haben. Das ist mir während meiner Diplomarbeit klar geworden. Titel: "Infrarot- und Raman-spektroskopische Untersuchungen an ferroelektrischen Betain-Mischkristallen" Das klingt jetzt erst mal einfacher als es ist. Aber es war definitiv ein Thema, bei dem der kleine Mann auf der Straße gesagt hat: "Wow, so hab ich das noch gar nicht gesehen."

Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Das war wirklich brutal. Ein ganzes Jahr lang habe ich bei gedimmtem Laserlicht in einem dunklen Kellerlabor gesessen und Kristallsysteme untersucht, über die weltweit gerade mal 20 Leute Bescheid wussten. Und zum Schluss kam heraus, dass irgendwie nix herauskam.

Mit Friedberg verbindet Sie sicher Ihre Auftritte im Café Kaktus bei "Brennpunkt Zwerchfell". Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?

Lustigerweise habe ich während der Zeit in New York extrem viel an die Kaktus-Shows von damals denken müssen. Die Stand-up Clubs in Manhattan sind ähnlich kuschelig wie das Café Kaktus. Die Leute sitzen an Tischen, sie essen und trinken während der Show, und es kommt häufig zu Interaktionen mit dem Publikum. Auch das rollende "R" der Wetterauer ist durchaus mit einer Fremdsprache vergleichbar.

Jetzt kommen Sie zurück in die Wetterau und zeigen dem Publikum die Vorpremiere ihres Programms im Rathauspark. Wie erleben Sie Auftritte unter den neuen Corona-Bedingungen?

Für mich ist es nach sehr, sehr langer Zeit mal wieder ein echter Auftritt. Ich habe tatsächlich meine letzte Show vor Publikum am 8. März im SoHo Playhouse in Manhattan gespielt. Glücklicherweise hatte ich in der "spielfreien Zeit" genug zu tun und habe mein neues Buch "Broadway statt Jakobsweg" fertiggeschrieben, aus dem ich in Friedberg auch live eine kleine Geschichte vorlesen werde.

Sind Sie ein bisschen nervös?

So gesehen bin ich ganz schön nervös. Aber man hat mir gesagt, Comedy ist wie Fahrradfahren. Man verlernt es nicht. Auch, wenn ich mit dem ein oder anderen neuen Gag vielleicht mal kurz ins Straucheln gerate.

Viele Künstler leiden sehr unter der derzeitigen Krise. Sollte Kultur von der Politik einen anderen Stellenwert und somit mehr Unterstützung bekommen?

Das ist eine sehr schwere Frage. Alles, was ich dazu sagen kann, ist: In New York habe ich gesehen, dass die Situation für Kulturschaffende schon in Vor-Corona-Zeiten extrem schwer war. Kaum ein Comedian, den ich dort kennengelernt habe, konnte von seinem Bühnenjob leben. Und trotzdem - oder vielleicht gerade deshalb - habe ich bei diesen Leuten eine Leidenschaft für ihren Beruf gespürt wie selten zuvor.

Was bedeutet das für die Kulturszene?

Ich will die Situation drüben nicht romantisieren. Aber sie hat mir auch gezeigt, dass Kultur nicht sterben wird, weil man wenig oder fast kein Geld damit verdient. Die Kulturszene wird sich sicherlich anders organisieren. Aber: Sie wird weiterleben. Denn Künstler finden immer einen Weg, ihre Kunst auf die Bühne zu bringen.

Lachen kann in der Krise helfen. Wird es auch Scherze über Masken und Hygieneregeln geben?

Ich habe das Programm ja in der Hochphase der Corona Pandemie geschrieben. Allerdings mit doppeltem Zeilenabstand. Das heißt: Das Friedberger Publikum ist auf jeden Fall safe!

Worum geht es sonst noch in Ihrem Programm?

Im Kern geht es um fundamentale Grundfragen, auf die wir im Lockdown alle zurückgeworfen wurden: Was ist wirklich wichtig im Leben? Haben wir die richtigen Prioritäten gesetzt? Mache ich mich strafbar, wenn ich mir selbst die Haare schneide? Und was kann die Wissenschaft zu all dem sagen?

Physiker auf der ausverkauften Bühne

Kabarettist Vince Ebert tritt bei "Sommer im Rathauspark - schwere Zeiten - leichte Unterhaltung" am Samstag, 29. August, mit der Vorpremiere seines neuen Programms "Make science great again!" auf. Einlass ist um 18.30 Uhr, Beginn um 19.30 Uhr. Die Veranstaltung ist bereits ausverkauft.

Vince Ebert wurde 1968 als Holger Ebert geboren. Er wuchs im unterfränkischen Amorbach auf. Weil er im Alter von 14 Jahren ein Fan von Vince Weber war, wurde er von seinen Klassenkameraden "Vince" genannt. Er studierte von 1988 bis 1994 Physik an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Das Studium schloss er 1994 als Diplom-Physiker ab. Von 1995 bis 1997 arbeitete Ebert bei einer Unternehmensberatung in Frankfurt und entdeckte dort wie er sagt, bei Powerpoint-Präsentationen sein kabarettistisches Talent. Entdeckt wurde er von Susanne Herbert, der Managerin von Eckart von Hirschhausen.

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