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Herr Müller fühlt sich vom Wetteraukreis im Stich gelassen. Er hätte sich schnelle Hilfe erhofft, damit seine Kinder nicht allein sein müssen. Gescheitert ist sein Ansinnen an der fehlenden Kostenübernahme. (Symbolfoto: Klingelhöfer)

Beutreuungsproblem

Ein verzweifelter Wetterauer Vater und sein Kampf um die Betreuung seiner Kinder

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Die heile Welt kann schnell zusammenbrechen. Wenn ein Elternteil gesundheitlich nicht mehr in der Lage ist, sich um die Kinder zu kümmern, und der andere arbeiten muss. Ein Fall aus der Wetterau.

Der Mann, der anonym bleiben möchte, sitzt am Küchentisch. In einer Wohnung in der Wetterau. Seine Frau ist auch da, es ist Abend. Eigentlich haben sich die beiden getrennt, sie hat psychische Probleme, kümmert sich aber gerade mit um die beiden neun- und zwölfjährigen Kinder. Ansonsten konnte der Ehemann in letzter Zeit nicht auf seine Frau zählen. Sucht und weitere psychische Probleme plagen sie. Neulich war sie drei Tage lang verschwunden, einfach so. Der Mann geht 40 Stunden pro Woche arbeiten. Zwischendurch hat er seine Stunden reduziert. Weil das Geld knapp wurde, steigerte er sie wieder. "Meine Firma ist mir da wirklich entgegen gekommen", sagt der Mann, den wir fortan Herrn Müller nennen.

Es ist die Zwickmühle, die ihn fertig macht, der Wunsch, die Notwendigkeit, seine Kinder möglichst nicht alleine zu lassen, und der finanzielle Druck andererseits. Es habe Wochen gegeben, in denen er von Montag bis Freitag insgesamt 13 Stunden geschlafen habe, sagt Müller. Seine Kinder waren immer wieder mutterseelenallein. Sie haben geweint, klammern jetzt sehr.

Müller brauchte eine Zeit lang täglich von 14 bis 18 Uhr Betreuung für die Kinder. In den Schulen gebe es keine Betreuung, die diesen Zeitraum abdecke, sagt er. Private Betreuung, etwa durch Großeltern? Fehlanzeige. Also wandte sich Müller an den Wetteraukreis und an das Mütter- und Familienzentrum (Müfaz) in Bad Nauheim. Das Müfaz erstellte eine Kostenvoranschlag. Vier Stunden á 25 Euro am Tag plus Fahrtkosten, machen etwa 4640 Euro im Monat.

Das Problem mit den Kosten

Wer trägt die Kosten? Was sagt zum Beispiel die Krankenkasse? Seine Frau wollte sich nicht untersuchen lassen, psychische Probleme sind etwas anderes als ein gebrochener Knöchel. Folglich schrieb die Krankenkasse an Herrn Müller: "Es muss ein konkreter Krankheitsfall vorliegen, damit wir die Kostenübernahme einer Haushaltshilfe prüfen können. In Ihrem Fall liegt kein konkreter Krankheitsfall Ihrer Ehefrau vor, so dass der Anspruch auf Kostenübernahme einer Haushaltshilfe nicht gegeben ist."

Und was sagt das Müfaz? Chantal Francisco de Sousa äußert sich gegenüber der WZ wie folgt: Für ihre Einrichtung seien Notmütter im Einsatz, nicht aber Tagesmütter. Der Unterschied wird noch relevant werden. Zum Fall Müller sagt sie: "Das war ein Antrag, der zu uns total gepasst hätte. Es wäre alles kein Problem gewesen." Der Wetteraukreis hat ein Problem gesehen. Der WZ liegt eine Korrespondenz zwischen Müller und der Familienförderung vor. Darin wird Müllers Frust angesichts der Ablehnung einer Kostenübernahme deutlich: "Ich kann jetzt entweder meine Kinder jeden Tag für mehrere Stunden im Stich lassen, oder ich schmeiße meinen Job hin und liege dem Staat auf der Tasche. Anscheinend bin ich zu ehrlich oder behandle meine Kinder nicht schlecht genug. Sorry, das sollte Ironie sein."

Die Fachstelle Familienförderung hat Herrn Müller Beratung angeboten, eine Lösung für sein Problem hat sie nicht gehabt. Sie könne in Form von Kindertagespflege unterstützen. "Wenn sich eine Tagespflegeperson finden lässt, die diese Aufgabe übernimmt, können Sie bei uns einen Antrag auf Kostenübernahme einreichen. Die Damen des Notmütterdienstes sind keine qualifizierten Tagespflegepersonen, weshalb die entstehenden Kosten von uns nicht übernommen werden können." Mit der eben noch angebotenen Bezahlung einer Tagespflegeperson ist es auch nicht weit her, denn leider habe sich "auch auf unser Einwirken hin" keine finden lassen, "die Ihre Anfrage bedienen könnte. Unterstützung in der von Ihnen gewünschten Form der Tagesmutter können wir Ihnen als Jugendamt deshalb nicht zukommen lassen…"

Dramatische Wende

Für Herrn Müller hat die Geschichte ein - zumindest vorläufiges - Ende. Ein ironisches und tragisches. Seine Frau sei wegen ihrer psychischen Probleme aus dem Fenster gesprungen, sagt er. Dabei habe sie sich einen Bänderriss zugezogen. Nun befinde sie sich in der Psychiatrie. Jetzt übernehme die Krankenkasse die Betreuungskosten für die Kinder, denn jetzt liege ein konkreter Krankheitsfall vor. Die Müllers arbeiten daran, sich wieder gemeinsam um die Kinder zu kümmern - ohne Nothilfe.

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