koe_AHA_1622_030321_4c_1
+
koe_AHA_1622_030321_4c_1

Verheißungsvoller Saisonauftakt

  • vonGerhard Kollmer
    schließen

Friedberg (gk). Samstagabend im großen, spärlich illuminierten Saal des Alten Hallenbads: Nur sieben Personen genießen das Privileg, dem aus Alzey stammenden Bariton Timon Führ und seinem pianistischen Begleiter Christian Strauß bei ihrem gut einstündigen Cross-over-Programm mit Liedern von Haydn, Schumann, Schubert, Fauré sowie Arien und Songs aus Oper, Operette, Musical und Film lauschen zu dürfen.

Dieser höchst gelungene Auftritt war erfolgreicher Beginn der diesjährigen Saison im Theater Altes Hallenbad. Er ist derzeit auf Youtube unter dem Stichwort »Aha Friedberg« zu sehen.

Kulturschaffende sind noch da

Auch wenn nichts dem unmittelbaren Erlebnis gerade musikalischer Darbietungen gleichkommt, so setzt der virtuelle Auftakt doch ein deutliches Zeichen: Wir sind noch da, stehen in den Startlöchern, um - nach überwundener Pandemie - unser neues, abwechslungsreiches Programm aus Musik, Theater, Kabarett einer interessierten Öffentlichkeit zu präsentieren.

Nach der Begrüßung durch Mezzosopranistin Cornelia Haslbauer stimmt Timon Führ (in Friedberg bekannt aus seinem Auftritt in der »Fledermaus« im Herbst 2019) eines von Joseph Haydns, während seines anderthalbjährigen London-Aufenthalts 1791/92 entstandenen, zwölf englischen Liedern an: »O tuneful voice«. Mit diesem fast romantischen, für Haydn ganz untypischen Lied im »Volkston« demonstriert der hochgewachsene Bariton seinen realen und virtuellen Hörern (nach Auskunft des Tontechnikers waren es immerhin 167, die sich das Erlebnis am Bildschirm nicht entgehen lassen wollten) die Geschmeidigkeit und Bandbreite seiner sonoren, raumfüllenden Stimme.

Unmittelbar auf Haydn folgt der Operettenklassiker »Ich küsse Ihre Hand, Madame«. Timon Führ, selbst moderierend, wechselt mühelos die Genres, beeindruckt durch seine Fähigkeit zur Empathie und Anverwandlung. Nichts wirkt gekünstelt.

Ohne souveräne Begleitung wäre all dies kaum möglich: Christian Strauß am Piano besticht durch präzises, unaufdringliches Spiel - der ideale »Mann am Klavier«. In seiner herzerwärmenden Darbietung der berühmten »Träumerei« aus Robert Schumanns 1838 entstandenen »Kinderszenen« op. 15 bewegt er die Gemüter der wenigen Anwesenden (und sicher auch der Hörer am Bildschirm).

Was dann folgte, war unstreitig der Höhepunkt des unter dem Motto »Das Zwielicht« stehenden Abends - Timon Führs kraftvolle, mitreißende Interpretation des Aufschreis eines, seine verlorene Liebe betrauernden, Mannes in Franz Schuberts kongenialer Vertonung von Heinrich Heines Gedicht »Der Doppelgänger«, das in folgender Strophe ausklingt: »Doppelgänger, du bleicher Geselle, was äffst du nach mein Liebesleid? Das mich gequält an dieser Stelle so manche Nacht in alter Zeit«. Der in fahlem Mondlicht vor dem Haus der ehemaligen Geliebten verharrende Mann sieht seinen übergroßen Schatten an der Wand und ringt verzweifelt die Hände beim Gedanken an sein verlorenes Glück.

Wer dieses Lied aus Schuberts posthumem »Schwanengesang« D 957 einmal hören durfte, wird es so schnell nicht, vielleicht nie mehr, vergessen.

Auf dieses nicht zu toppende Highlight folgen - gleichsam zum Herunterfahren der Emotionen - zwei Songs aus dem James-Bond-Film »From Russia with love« und Andrew Lloyd Webbers Musical »Les Misérables« nach dem Roman von Victor Hugo.

Im 3. Aufzug von Richard Wagners 1845 uraufgeführter romantischer Oper »Tannhäuser« trauert der Sänger Wolfram v. Eschenbach um die in den Tod gehende Elisabeth, die vergeblich auf die Rückkehr Tannhäusers aus Rom gewartet hatte: Auch dieser sängerischen Herausforderung zeigt sich Führ, der das kurze, intensive Programm mit seinem Partner Christian Strauß in Brecht/Weils Evergreen »Mackie Messer« aus der »Dreigroschenoper« ausklingen lässt, voll gewachsen.

Rauschender Applaus »aus 14 Händen« war der »analoge« Dank für dieses hochkarätige musikalische Geschenk in dürftiger Zeit.

koe_AHA_1624_030321_4c_1
koe_AHA_1634_030321_4c_1

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare