Um die Ausbreitung der "Spanischen Grippe" einzudämmen, wurde damals in Großbritannien Desinfektionsmittel versprüht.
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Um die Ausbreitung der »Spanischen Grippe« einzudämmen, wurde damals in Großbritannien Desinfektionsmittel versprüht.

Spanische Grippe

Ein tödliches Virus rast um die Welt

  • vonGerhard Kollmer
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Das Coronavirus beherrscht nicht nur das Leben in der Wetterau. Die Wetterauer Zeitung nimmt das zum Anlass und beleuchtet den historischen Hintergrund zur gegenwärtigen Pandemie.

Wetteraukreis - Das Coronavirus hat das kulturelle Leben nicht nur in der Wetterau, sondern in ganz Deutschland und weltweit zum Erliegen gebracht. Die Wetterauer Zeitung nimmt dies zum Anlass, in loser Artikelfolge den historischen Hintergrund der gegenwärtigen Pandemie zu beleuchten. Beginnen wollen wir mit einem Artikel über die »Spanische Grippe« der Jahre 1918/19.

Ein tödliches Virus rast um die Welt - die »Spanische Grippe« von 1918 hinterlässt eine tödliche Spur von nie gekanntem Ausmaß. Sie infiziert jeden dritten Erdbewohner - etwa 500 Millionen Menschen. In wenig mehr als einem Jahr fordert die »Spanische Grippe« mindestens 60 Millionen Todesopfer - so viel wie beide Weltkriege zusammen. Neueste Schätzungen gehen von noch höheren Zahlen aus. Etwa 2,5 Prozent der Infizierten fallen dem Virus zum Opfer.

Vielen Medizinhistorikern gilt diese Pandemie als schlimmste Seuchen-Katastrophe der Menschheitsgeschichte.

Gleiche Maßnahmen werden derzeit in der Corona-Krise ergriffen. In Italien ist ein Wohnhaus desinfiziert worden.

Erste Pressemeldungen kommen im Mai 1918 aus Spanien: Etwa acht Millionen Menschen - unter ihnen König Alfons XIII. - seien an einer sich seit einigen Wochen ausbreitenden Grippe erkrankt. In der Hauptstadt Madrid soll sich fast jeder dritte Einwohner infiziert haben. Büros, Geschäfte, Fabriken schließen. Straßenbahnen fahren nicht mehr. Die Nachrichtenagentur Reuters kabelt: »Der Krankheitsverlauf ist harmloser Natur. Todesfälle sind bisher kaum bekannt.«

Die Epidemie erhält den Namen »Spanische Grippe«. Dass sie seit März/April auch in zahlreichen anderen Ländern um sich greift, wird erst später bekannt.

Außer Spanien, der Schweiz, Holland und den skandinavischen Ländern befindet sich Europa seit fast vier Jahren im Krieg. Im Dezember 1917 treten die USA in den Krieg ein. Der Massenschlächterei sind bereits Millionen Soldaten und Zivilisten zum Opfer gefallen. Bis Kriegsende im November 1918 werden es nach seriösen Schätzungen elf bis zwölf Millionen Menschen sein, die diese »Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts« verschlungen hat.

In kriegführenden Ländern wie Frankreich, England, Deutschland, Russland herrscht strenge Pressezensur. Dortige Regierungen und hohe Militärs sind an objektiver Berichterstattung nicht interessiert. Sie wollen die Kriegsmüdigkeit der Bevölkerung nicht mit Negativmeldungen verstärken.

Spanische Grippe: Strenge Zensur der Presse

In Deutschland spricht die Presse verschleiernd vom »Blitzkatarrh«. In den USA kursiert der verharmlosende Ausdruck »three-day fever«. Französische Zeitungen geben der Grippe den Namen »eitrige Bronchitis«.

Die erste Grippewelle (Frühjahr/Sommer 1918):

Seit den Forschungen des australischen Medizin-Nobelpreisträgers Frank Macfarlane Burnet in den 70er Jahren weiß man, dass die »Spanische Grippe« gar nicht in Spanien, sondern in den Vereinigten Staaten ausgebrochen ist. Sie trägt ihren Namen also zu Unrecht. Im Camp Funston in Kansas werden über 50 000 Rekruten für ihren Einsatz auf dem europäischen Kriegsschauplatz trainiert. Hier meldet sich am 4. März 1918 ein Koch namens Albert Gitchell krank. Ihn plagen hohes Fieber und starke Gliederschmerzen. In den nächsten drei Wochen sind bereits über 1000 weitere Soldaten erkrankt. Auch in anderen Militärlagern tritt die Grippe auf.

Im März/April 1918 werden Zehntausende GIs nach Frankreich verschifft und gehen in französischen Atlantikhäfen wie Brest von Bord. Sie bringen das bisher noch harmlosen Virus nach Europa. Ganze Einheiten erkranken; Kampfhandlungen werden eingestellt.

In den ersten beiden Maiwochen meldet allein die englische Marine über 10 000 Krankheitsfälle. Französische und britische Kolonialeinheiten schleppen die »Spanische Grippe« in ihre Heimatländer in Nordafrika, Indien, Neuseeland, Australien ein. Weltweit sind Großstädte auf allen fünf Kontinenten betroffen. Aber auch entlegene Regionen in Zentralafrika oder im Pazifikraum werden nicht verschont. 

Gerhard Kollmer

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