Prof. Karl Heinrich Schäfer ist in Wohnbach aufgewachsen, mit 18 aber weggezogen. Dennoch hat er in den Jahren danach noch in der Gegend gearbeitet - zum Beispiel in den Justizvollzugsanstalten in Rockenberg und Butzbach. FOTO: SDA
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Prof. Karl Heinrich Schäfer ist in Wohnbach aufgewachsen, mit 18 aber weggezogen. Dennoch hat er in den Jahren danach noch in der Gegend gearbeitet - zum Beispiel in den Justizvollzugsanstalten in Rockenberg und Butzbach. FOTO: SDA

Ehemaliger JVA-Leiter

Von Tischtennis in der JVA und "abhandengekommenen" Spielern

  • Sabrina Dämon
    vonSabrina Dämon
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Prof. Karl Heinrich Schäfer hat viele Jahre in hessischen Justizvollzugsanstalten gearbeitet - u.a. in Butzbach und Rockenberg. Dabei hat er einiges erlebt.

Mit den Jahren sammeln sich die Geschichten. Große, kleine. Traurige und fröhliche. Prof. Karl Heinrich Schäfer kann viele erzählen. Von seiner Kindheit in Wohnbach, von der Referendariatszeit in der JVA Rockenberg oder von den Wochen, in denen er aufgrund eines tragischen Vorfalls das Butzbacher Gefängnis leiten musste.

Die Stationen in seinem Lebenslauf sind über ganz Hessen und die Grenzen des Bundeslands verteilt: Richter am Landgericht Siegen, stellvertretender Abteilungsleiter im Hessischen Justizministerium, Direktor beim Hessischen Rechnungshof. Dort, in Wiesbaden, ist er letztlich geblieben, auch noch heute zu seinem 73. Geburtstag lebt er in der Nähe der hessischen Hauptstadt.

Dennoch: Seine Heimat, sagt er, ist Wohnbach. In dem Ort ist er als Sohn von Pfarrer Heinrich Schäfer aufgewachsen. Und sagt heute: "Meine Verbindung zu Wohnbach war die ganze Zeit da."

Aber nicht nur zu Wohnbach. Sein beruflicher Weg führte ihn schon früh nach Rockenberg. In Gießen und Heidelberg hatte er Rechtswissenschaften studiert, auf sein 1. Staatsexamen folgte das Gerichtsreferendariat. Seine Wahlstation war die JVA.

Zwei Dinge haben sich damals bestens ergänzt: 1973 beschloss der Tischtennis-Kreistag, die SG Marienschloss der JVA Rockenberg mit einer Mannschaft in der Kreisklasse teilnehmen zu lassen. Schäfer spielte zu dieser Zeit für den Gießener SV in der zweithöchsten deutschen Spielklasse.

So kam es, dass er auch nach seiner Zeit in der JVA als ehrenamtlicher Mitarbeiter die Tischtennisgruppe der Anstalt betreute. "Ich habe die Spieler mit meiner ›Ente‹ zu den bemerkenswerten Auswärtsspielen gefahren."

Bemerkenswert war auch ein Ereignis, das sich neben dem eigentlichen Sport abspielte: Ein Gefangener ("ausgerechnet unser Spitzenspieler") war "abhandengekommen", wie Schäfer es schmunzelnd erzählt. Allerdings nicht spurlos: Er hatte eine Nachricht an der Windschutzscheibe hinterlassen. Er müsse nach seiner schwangeren Freundin sehen, morgen werde er wieder in der Anstalt erscheinen. Das tat er tatsächlich. "Mir hat das damals sehr imponiert", erzählt Schäfer. "Der Gefangene wurde aber sanktioniert und war nicht mehr lockerungsberechtigt. Ich konnte die Disziplinarmaßnahme damals im Hinblick darauf, dass er sein Wort gehalten hatte, nicht verstehen und war sehr empört."

Doch es sind nicht nur diese im Nachhinein betrachtet amüsanten Ereignisse, die Schäfer durch seine Arbeit erlebt hat.

Als die Butzbacher JVA 1976 in die bundesweiten Schlagzeilen geriet, war Schäfer stellvertretender Anstaltsleiter. Am 2. Juni nahm ein Gefangener eine Schreibkraft als Geisel. Aus einem Wasserrohr hatte er sich zuvor eine Waffe gebastelt. Als Anstaltleiter Helmut Künkeler den Raum betrat, schoss der Gefangene. Der Anstaltsleiter erlag der Verletzung.

Zwei Tage später erschoss sich der Vollzugsdienstleiter in der Waffenkammer der Anstalt; er hatte sich für das Geschehene verantwortlich gefühlt. Karl Heinrich Schäfer war gerade 28 Jahre alt, als er die Grabrede hielt. Als Stellvertreter musste er infolge der Ereignisse kommissarisch die Leitung der Justizvollzugsanstalt übernehmen.

Gerne zu Besuch in der alten Heimat

1977 verließ Schäfer Butzbach und wurde Leiter der JVA Schwalmstadt. Nur kurz allerdings, denn bald verschlug es ihn nach Wiesbaden - zuerst ins Hessische Ministerium der Justiz, in dem er viele Jahre arbeitete, schließlich, 2002, an den Hessischen Rechnungshof.

Seit 2012 ist er pensioniert. Aufgaben hat er dennoch genug. Das zeigen die vielen Texte, die er schreibt. Kürzlich erst ist das Buch "Die Kirche im Dorf" erschienen, in dem er die Geschichte der Wohnbacher Kirche darstellt. Zudem hat er ein Buch über seinen Vater Heinrich Schäfer geschrieben, der in der Zeit der Nazi-Diktatur als "illegaler Jungtheologe" das Predigerseminar der regimekritischen Bekennenden Kirche besucht hatte.

Karl Heinrich Schäfers neuester Artikel ist kürzlich in dem Magazin "Forum Strafvollzug" erschienen. Er dreht sich um Sport in Justizvollzugsanstalten.

Zu berichten gibt es aus all den Jahren eben eine Menge. Ebenso wie Gründe, in die alte Heimat zu kommen. Zum Beispiel, um vor vollen Kirchenbänken sein Buch vorzustellen. In die Wetterau kommt er immer wieder gerne, sagt Karl Heinrich Schäfer. "Ich bin überzeugter und bekennender Oberhesse."

Durch seine Laufbahn und seine Stationen in hessischen Justizvollzugsanstalten war Prof. Karl Heinrich Schäfer stets mit den Gefangenenhilfsvereinen - den Fliedner-Vereinen - der jeweiligen Anstalten verbunden. Zwei Geschichten aus Rockenberg sind ihm dabei besonders in Erinnerung geblieben. Anfang der 80er machte ein Gefangener eine Ausbildung in Bad Nauheim. Die Anbindung war schlecht - zur Feierabendzeit fuhr kein Bus mehr nach Rockenberg. Der Fliedner-Verein Rockenberg entschied, der Anstalt ein Mofa zu schenken, damit der Auszubildende zur Arbeit fahren kann. "Man hatte allerdings nicht mit dem Eingreifen des hessischen Justizministeriums gerechnet. Von dort kam ein mehrseitiger Erlass mit Auflagen, damit die JVA das Mofa annehmen darf." Der Kommentar des damaligen Anstaltsleiters und Fliedner-Vereins-Vorsitzenden Prof. Alexander Böhm: "Wir wollten eigentlich nur ein Mofa schenken und kein Kernkraftwerk betreiben!"

Auch kurios ist die Geschichte, wie die JVA in Rockenberg zu ihrer wettkampfgerechten Sporthalle kam. 1970 ist eine neue Halle für die Anstalt geplant worden. "Der Bau war nicht unerheblich durch die politische Situation in den 70er Jahren und die damaligen Sicherheitsüberlegungen geprägt", erzählt Schäfer. Die Zuschauertribüne war nur von außen zugänglich, eine Verbindung zwischen Spielfeld, Umkleiden und Tribüne gab es nicht. Und laut Planung war es eine Halle, die keine Wettkampfmaße hatte. "Der Fliedner-Verein hielt den Bau einer nicht wettkampfgerechten Halle für einen Schildbürgerstreich" - und beschloss, zweckbestimmt 300 000 DM zur Verfügung zu stellen. Die Aktion erregte öffentliches Aufsehen und damit wohl auch Eindruck im Finanz- und Justizministerium. Letztlich wurde die Halle wettkampfgerecht gebaut - ohne das Geld des Vereins in Anspruch zu nehmen.

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