Teil der lebendigen Kunst- und Literaturszene

Friedberg. Wenn es um die Kunst des 20. Jahrhunderts geht, gehört er zu den einflussreichen Persönlichkeiten, die ihr den Weg als Wissenschaftler, Ausstellungsmacher und Leiter bedeutender Museen und Akademien geebnet haben. Er war und ist Begleiter und Freund von herausragenden Künstlern und Literaten - und er war Friedberger. Die Rede ist von Prof. Wieland Schmied, der nach vielen Jahren wieder in die Stadt kommt, in der er prägende Jahre seiner Kindheit verbrachte. Schmied liest am Mittwoch, 2. September, im Rahmen der Reihe "Friedberg lässt lesen" im Bibliothekszentrum Klosterbau aus seinen vor kurzem erschienen Erinnerungen "Lust am Widerspruch".

Friedberg. Wenn es um die Kunst des 20. Jahrhunderts geht, gehört er zu den einflussreichen Persönlichkeiten, die ihr den Weg als Wissenschaftler, Ausstellungsmacher und Leiter bedeutender Museen und Akademien geebnet haben. Er war und ist Begleiter und Freund von herausragenden Künstlern und Literaten - und er war Friedberger. Die Rede ist von Prof. Wieland Schmied, der nach vielen Jahren wieder in die Stadt kommt, in der er prägende Jahre seiner Kindheit verbrachte. Schmied liest am Mittwoch, 2. September, im Rahmen der Reihe "Friedberg lässt lesen" im Bibliothekszentrum Klosterbau aus seinen vor kurzem erschienen Erinnerungen "Lust am Widerspruch".

Man kann die Biografie von Wieland Schmied an beliebiger Stelle aufschlagen, stets ist man mitten in der lebendigsten Szene von Kunst und Literatur in Europa, in den Vereinigten Staaten oder Süd- und Mittelamerika.

Giorgio de Chirico, Marcel Duchamp, Francis Bacon, David Hockney, Andy Warhol, Saul Steinberg, Alberto Giacometti, Victor Vasarely, Josef Beuys (es ist dies ungeordnet eine minimale Auswahl) begegnet man mittelbar in ihren Werken in bedeutenden Museen, Samuel Beckett, Thomas Bernhard, Elias Canetti, Ingeborg Bachmann, Paul Celan in ihren Büchern - Schmied hat sie alle persönlich gekannt, mehr noch: Er war mit einigen von ihnen befreundet, hat mit ihnen zusammengearbeitet oder über sie geschrieben. Eine kaum zu überblickende Zahl von Ausstellungen und eine umfangreiche Liste von Büchern, dazu nicht zu zählende einzelne Beiträge sind das Ergebnis dieser produktiven Beziehungen.

Augenzeuge der Gewalt gegen die Juden

Lenkt dies den Blick des Lesers der Biografie in die Weite der Kulturwelt, so begegnet er zugleich der Nähe einer Alltagswelt, die lebensprägend war. Es ist Friedberg, wo Wieland Schmied von 1935 bis 1939 vier Jahre seiner Kindheit verlebte.

Der Vater, Philosophieprofessor, war 1934 nach einem würdigenden Vortrag über Siegmund Freud als Hochschullehrer politisch nicht mehr tragbar, machte dann, schon über 50 Jahre alt, bei seinen ehemaligen Professorenkollegen noch ein Examen für das gymnasiale Lehramt und wurde schließlich Studienassessor am Aufbaugymnasium, dem heutigen Burggymnasium. Die Familie lebte zunächst kurze Zeit in Bad Nauheim und dann in Friedberg. Hier wird Wieland Schmieds Bruder Wolfdietrich geboren, der bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2007 Professor für Philosophie an der Universität Kassel war. Wieland Schmied besuchte in Friedberg die Volksschule, und er wird im November 1938 zum Zeugen der Gewalt gegen die jüdischen Bürger der Stadt. "Dieses Erlebnis, das ich im Alter von neun Jahren hatte, hat mich mein Leben lang begleitet."

Die Familie zieht 1939 von Friedberg nach Wien, und hier kommt Schmied nach dem Abitur in das höchst lebendige Kulturleben dieser Stadt in der Nachkriegszeit. Nach seiner Promotion ist er unter anderem als Verlagslektor und dann als Kunstkritiker bei der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" tätig. Von 1963 bis 1973 leitet er die Kestnergesellschaft in Hannover und ist hier Initiator vieler herausragender Ausstellungen, so zu den Werken von de Chirico, René Magritte, Max Ernst, Marcel Duchamp, Victor Vasarely, Roy Lichtenstein, Horst Janssen, David Hockney und vielen anderen nicht weniger bekannten Künstlern. Ab 1973 arbeitet er als Hauptkustos an der Nationalgalerie in Berlin. 1977 ist er verantwortlich für die Ausstellung von Handzeichnungen innerhalb der "documenta VI" - eine bis heute in Umfang und Qualität unübertroffene Präsentation zeitgenössischer Zeichnung. Von 1978 bis 1986 ist Schmied Direktor des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) in Berlin. Während dieser Zeit, ab 1980, übernimmt er in der Nachfolge von Oskar Kokoschka und Emilio Vedova zugleich die Leitung der Internationalen Sommerakademie in Salzburg (bis 1999).

Von 1986 bis zu seiner Emeritierung 1994 lehrt Schmied als Professor für Kunstgeschichte an der Kunstakademie in München, deren Rektor er zugleich von 1988 bis 1993 ist. Zugleich ist er ab 1988 Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, der er von 1995 bis 2004 als Präsident vorsteht.

Ein wirklich volles Leben, in dem erstaunlicherweise neben der Schreibarbeit zur Kunst noch Zeit bleibt für die von Lyrik. Ein Leben, das weit in die Welt geführt und gewirkt hat, ein Leben, das seine Wurzeln aber im überschaubaren Raum hat: "So ist meine erste Erinnerung mit dem Bild eines großen Gartens verbunden, der eigentlich ein Park war. Dieser Garten lag in Friedberg in Hessen, und seine genaue Adresse lautete: Ockstädter Straße 6. Ich war sechs Jahre alt, und damals hat mein Leben begonnen."

Von diesem Leben zu hören, macht neugierig. Beginn der von der Buchhandlung Bindernagel und der Ovag initiierten Lesung am 2. September ist um 20 Uhr. Peter Schubert

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