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Der Montessori-Campus mit Kita und Grundschule (aber ohne Sekundarschule) steht zum Kauf. Zwei Bieter sind offenbar noch im Verfahren dabei, eine Entscheidung wurde vertagt. Aber läuft beim Verkauf alles in rechten Bahnen?

Schule und Kita nach Insolvenz vor Verkauf

Tauziehen um Millionen in Friedberg: Was ist der Montessori-Campus wert?

  • Jürgen Wagner
    VonJürgen Wagner
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Was wird aus dem Montessori-Campus in Friedberg? Am 31. August läuft der Mietvertrag ab, das Insolvenzverfahren läuft noch. Ein Vater behauptet, der Preis sei zu hoch angesetzt. Ein »Immobilienskandal«?

Friedberg – Die Eltern machen sich Sorgen. Müssen Kinderhaus und Grundschule schließen, würden, wie eine Mutter sagt, »150 Kinder - 75 aus der Grundschule, 80 aus der Kita - auf der Straße landen«. Die Stadt hat den Eltern Plätze in städtischen Kitas angeboten. Die Eltern argumentieren, die Kinder würden aus ihrem gewohnten Umfeld gerissen, außerdem könne man die Montessori-Pädagogik »nicht einfach austauschen«.

Die Eltern kritisieren auch, dass die Stadt sich am Bieterverfahren beteiligt. Bekäme sie den Zuschlag, würde sie dort eine Kita mit elf Gruppen einrichten und wäre auf einen Schlag alle Sorgen hinsichtlich der Kita-Betreuungsplätze los. Die Montessori-Kita in Friedberg wäre Geschichte, ebenso die Grundschule. Beide Institutionen müssten, wenn sie erhalten werden sollen, umziehen. Es gibt Überlegungen, ein Bürogebäude in Rosbach anzumieten. Konkrete Ergebnisse gibt es offenbar noch nicht. Die Montessori-Gemeinschaft hofft nun auf eine Verlängerung des Mietvertrags.

Die Entscheidung über den Verkauf des Grundstücks sollte längst gefallen sein. Sie wurde aber verschoben. Wie ein Sprecher der Frankfurter Anwaltskanzlei Brinkmann und Partner sagte, handele es sich »nur um ein teilöffentliches Verfahren«, Entscheidung würden im Vorfeld nicht kommuniziert.

Zweifel an Angaben im Gutachten zu Montessori-Campus in Friedberg

Aber verläuft das Insolvenzverfahren auch ordnungsgemäß? Ein Vater hat Zweifel. Er und ein Kompagnon beteiligten sich am Bieterverfahren. Sie wollten Geld aufnehmen, das Grundstück kaufen und an die Montessori-Schule vermieten. Vom Insolvenzverwalter Dr. Jan Markus Plathner erhielten sie ein Wertgutachten, der Verkehrswert wird darin auf 4,2 Millionen Euro festgelegt.

Der Vater ließ das Gutachten von einer Fachfirma prüfen. »Das Ergebnis fiel vernichtend aus.« Von vielen Fehlern ist die Rede, vor allem aber von einer nicht korrekten Berechnung. Es geht um den Bodenwert, der laut dem Experten der Fachfirma doppelt in die Wertermittlung einfließt: als Bodenwert und über die Kapitalisierung der Verzinsung dieses Werts. »Bei der Wertermittlung sollte ein normierter Verfahren durchgeführt werden«, sagt der Experte. Das sei nicht der Fall gewesen. »Allein die Korrektur dieses Fehlers senkt den Wert um 998 000 Euro«, behauptet der Vater. 4,2 Millionen oder gar einen noch höheren Betrag konnten er und sein Kompagnon nicht auftreiben. Sie stiegen aus.

Er habe den Insolvenzverwalter über den Fehler informiert, sagt der Vater. Als in einer Gläubigerversammlung dann von 3 bis 3,6 Millionen Euro die Rede war, fühlte er sich bestätigt. Als in der Immobilienanzeige dann aber 4,2 Millionen Euro verlangt wurden, habe ihn das überrascht. Ihm kam der Verdacht, dass da etwas nicht mit rechten Dingen vor sich geht.

Ein Friedberger Immobilienmakler, der namentlich nicht genannt werden will, weist die Bedenken zurück. »So ein Gutachten ist doch kein amtliches Dokument. Und die Stadt macht sowieo ihre ganz andere Rechnung auf.« Für die Stadt käme ein Kauf samt Um- und Anbau deutlich günstiger, als wenn sie andernorts neu bauen müsste.

Montessori-Campus in Friedberg: Der Markt bestimmt den Kaufpreis

Steckt im Gutachten nun ein Fehler oder nicht? Für den Insolvenzverwalter ist dies offenbar nicht von Belang. Wie der Sprecher der Kanzlei Brinkmann und Partner sagte, seien Gutachten nur ein Anhaltspunkt für den Käufer, der sich selbst ein Bild von der Immobilie machen könne. Dass das Gutachten nicht verkehrt liegen könne, zeige sich daran, dass die höchsten Bieter »mehr geboten haben als im Gutachten veranschlagt«. Der Preis sei abhängig vom Markt, das Bieterverfahren sei eben eine Art Bieterwettbewerb.

Der Insolvenzverwalter vertritt die Interessen der Gläubiger. Er ist angehalten, möglichst viel Geld zu generieren. Das weiß auch Bürgermeister Dirk Antkowiak (CDU). Die methodischen Fehler im Gutachten seien auch im Rathaus aufgefallen. Daher habe man ein eigenes Wertgutachten in Auftrag gegeben. Über exakte Zahlen schweigt sich Antkowiak aus. Nur soviel: Der Kaufpreis, den die Stadt geboten habe, sei wirtschaftlicher als der Neubau von Kita-Plätzen.

Montessori-Campus in Friedberg: Eltern und Stadt streiten um Immobilie

Die Stadt Friedberg wirbt mit Bildungsvielfalt. Die gehe aber verloren, müssten Kita und Grundschule der Montessori-Gemeinschaft schließen, sagen die Eltern. Sie kritisieren die Entscheidung der Stadt, in das Bieterverfahren eingestiegen zu sein. Die Familien hätten nun zwei Möglichkeiten: »Entweder ein überzeugendes Bildungskonzept aufgeben oder einen Standortwechsel in Kauf nehmen, der für viele aus unterschiedlichen Gründen nicht machbar ist.« Ein Kritikpunkt der Eltern lautet, man habe der Stadt mehrfach angeboten, mit einem Investor ein weiteres Gebäude auf dem Gelände zu errichten und damit weitere Kita-Plätze zu schaffen. Aus dem Rathaus hieß es dazu vor einigen Monaten, das sei baurechtlich nicht möglich. Die Eltern indes kritisieren, die Stadt habe auf dieses Angebot über ein halbes Jahr lang nicht reagiert. »Die Stadt verschiebt seit Monaten Gespräche, um die immer wieder von Eltern- und Verwaltungsseite gebeten wurde«, schreibt eine Mutter. »Briefe wurden nicht beantwortet, auf Kontaktanfragen nicht eingegangen.«

Erst nachdem Eltern und Kinder auf dem Elvis-Presley-Platz demonstrierten, sei es zum Gespräch gekommen. Dabei hätten die Rathaus-Vertreter »erneut dieselben ausweichenden Antworten gegeben und keinerlei Kompromisse gemacht«. Die Stadt steht auf dem Standpunkt, dass sie für die Pleite einer privaten Schule nicht verantwortlich gemacht werden kann. Da es laut Rathaus in den vergangenen Jahren immer wieder zu Problemen bei der Abrechnung von Kita-Gebühren kam, hat das Vertrauensverhältnis zur Leitung der Montessori-Gemeinschaft gelitten. Nach Informationen der WZ haben zwei Interessenten ein Angebot für die Immobilie im Gewerbegebiet West abgegeben. Beide Kaufangebote dürften zwischen 4 und 5 Millionen Euro liegen. Das Bieterverfahren wurde noch nicht abgeschlossen. Offenbar wartet der Insolvenzverwalter auf höhere Angebote.

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