Düstere Zeiten für Schausteller: Nico Heine hofft, bald wieder sein Schlumpf-Kettenkarussell aufbauen zu dürfen.
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Düstere Zeiten für Schausteller: Nico Heine hofft, bald wieder sein Schlumpf-Kettenkarussell aufbauen zu dürfen.

Pleiten drohen

Taumeln statt Taumler: Wetterauer Schausteller in der Krise

  • vonHarald Schuchardt
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Nach und nach wird der Corona-Lockdown gelockert. Geschäftsinhaber und Gastronomen freuen sich über den Neustart. Doch bei den Schaustellern ist ein Ende der Zwangspause nicht in Sicht.

Alexander Köhler hat gerade seinen 50. Geburtstag gefeiert. »Seit meiner Geburt bin ich das erste Jahr nur zu Hause«, sagt er. In vierter Generation betreibt der Spross einer Ober-Florstädter Schaustellerfamilie die »Vergnügungsbetriebe Köhler« mit zwei Kinderkarussells, einer Schießhalle und dem Karussell-Café. Die stehen alle samt Fuhrpark im Industriegebiet von Ober-Mockstadt, wo Köhler vor zwei Jahren eine große Halle errichtet hat. Nach dem Barbarossa-Markt in Gelnhausen Mitte März - der ersten von normalerweise jährlich gut 30 Veranstaltungen für Köhler - war schlagartig Schluss.

»Schlimm ist, dass wir nicht wissen, wann es weitergeht,« sagt Köhler. Monatliche Fixkosten von 7000 Euro, wie Versicherungen, Steuern und Kreditzahlungen, müsse er begleichen. Die Soforthilfe sei längst aufgebraucht, die beiden festangestellten Mitarbeiter erhielten Kurzarbeitergeld. Der Schausteller selbst will Arbeitslosengeld II als Grundsicherung beantragen. Das Verzwickte daran: Schausteller haben kein Berufsverbot, können aber wegen des Veranstaltungsverbots ihren Beruf nicht ausüben. Köhler: »Ich frage mich schon, wann es wieder losgeht und ob es sich mit Auflagen dann rechnet.«

Wetterauer Schausteller in der Krise: Hygienekonzepte müssen von Stadt und Kreis abgesegnet werden 

Das sieht auch Peter Roie so, der wie Köhler im Schaustellerverband Rhein/Main tätig ist. Roie stammt aus einer Frankfurter Schausteller-Dynastie. Seit 23 Jahren befinden sich Lager und Büro in Altenstadt, wo er mit Ehefrau Bettina seit elf Jahren auch wohnt. Im Schaustellergewerbe tätig sind auch die Kinder Peter Roie jr. (32) und die Zwillinge Tim und Lea (26). Derzeit stehen Disco-Express, Taumler, Weindorf und der Fuhrpark mit 40 Fahrzeugen still. Auf seinem Betriebsgelände baut Roie gerade den Disco-Express für die fällige TÜV-Abnahme auf, die auch für die hier aufgebauten Karusselle befreundeter Schausteller ansteht.

Roie hat Hygienekonzepte erarbeitet, die er in Corona-Zeiten für umsetzbar hält. Nach Ostern wollte er Fahrgeschäfte und Verkaufsstände auf seinem Betriebsgelände aufbauen. »Bürgermeister und Stadt fanden es gut. Der Kreis hat es abgelehnt, warum weiß ich nicht«, sagt Roie. Sein Konzept für ein Autokino im Main-Kinzig-Kreis wurde dagegen umgesetzt. »Dafür haben die Messe Wächtersbach und ich lange gekämpft.« Seine fünf Festangestellten sind dennoch in Kurzarbeit. »Der Betrieb steht still, die Kosten laufen weiter«, sagt Roie. Dennoch müssten die Fahrgeschäfte gewartet werden. »Da geht schnell mal was kaputt.«

»Alle momentanen Auflagen sind kontraproduktiv«, sagt der Schausteller. Er hoffe, dass der Rettungsschirm wirke, denn »sonst wird es bald zwei Drittel der Schaustellerbetriebe nicht mehr geben.«

Wetterauer Schausteller in der Krise: Auswirkungen der Pandemie treffen sie hart 

Zu kämpfen hat derzeit auch Nico Heine. Der Reichelsheimer betreibt ein Veranstaltungsmanagment und ist auf Tagesveranstaltungen in der Region vertreten. Ein 70 Jahre alter Süßwaren-Wagen, das Schlumpf-Kettenkarussell, der Imbiss »Worscht-Heine« sowie zwei Crêpes-Stände gehören zum Portfolio des 41-Jährigen, der erst im Januar seinen neuen Crêpes-Stand beim Hersteller abgeholt hat.

Seit Ende März steht Heine immer wieder vor Rewe-Märkten, um Crêpes zu verkaufen. »Das deckt zwar die Kosten kaum, aber Hauptsache, wir haben was zu tun«, sagt er. Mit seinem Imbiss ist Heine aktuell im Autokino in Düdelsheim vertreten. Ferner bietet er über Facebook einen Bestellservice für »Köhler-Küsse«, Popcorn, Mandeln und andere Süßwaren an. Donnerstags und freitags wird ausgeliefert. »Das läuft ganz gut«, freut sich Heine, den die Pandemieauswirkungen trotzdem »schon hart getroffen haben, denn die Kosten laufen ja weiter.« »Ich könnte dieses Jahr so noch überstehen.« Der Reichelsheimer hofft, dass es im September wieder losgeht und er sein Karussell aufstellen darf. Heine: »Ich möchte so gerne mal wieder in strahlende Kinderaugen schauen.«

Wetterauer Schausteller in der Krise: Was wird aus den Volksfesten im Herbst?

Der Herbstmarkt am dritten September-Wochenende in Friedberg, die Bad Nauheimer Kerb Anfang Oktober und der Kalte Markt in Ortenberg Ende Oktober ziehen alljährlich Zehntausende an. Bis zum 31. August besteht aktuell ein bundesweites Verbot für Großveranstaltungen. Ob alle drei Feste in diesem Jahr stattfinden können, steht noch nicht fest, wie Anfragen bei den drei Städten ergab. Nahezu einheitlich die Antworten: »Wir haben uns hier an die Verordnungen des Landes zu halten«, sagt Friedbergs Bürgermeister Dirk Antkowiak. Bad Nauheims Bürgermeister Klaus Kreß fügt hinzu: »Ich möchte die Entwicklung der Pandemie und eventuell neue Verordnungen abwarten.« In Ortenberg will die Stadtverordnetenversammlung am

16. Juni eine Grundsatzentscheidung treffen. »Das ist für Ortenberg ein so wichtiges Thema, dass wir dies nicht im Magistrat entscheiden wollten«, sagt Bürgermeisterin Ulrike Pfeiffer-Pantring, die sich aber wenig optimistisch zeigt. »Bei bis zu 80 000 Besuchern in der Spitze und der momentanen Lage ist es schwierig - es sei denn, es geschieht ein kleines Wunder.«

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