Stricken: Omas Künste sind wieder gefragt

Friedberg (ini). "Ach, ich habe noch viele selbst gestrickte Socken von meiner Oma. Aber 50 bis 60 Paare von mir liegen auch im Schrank", lacht Stephanie van der Linden. Stricken, das ist bei der 43-Jährigen mehr als ein Hobby. In der Belletristik würde man van der Linden als Bestsellerautorin bezeichnen. Ihre neun Bücher sind in mehreren Auflagen erschienen, wurden in mehrere Sprachen übersetzt.

Das neueste Buch der Naturwissenschaftlerin ist im November im US-Verlag "Interweave Press" erschienen. Mittlerweile gibt es Verhandlungen für eine deutsche Lizenzausgabe von "Op-Art-Socks". "Ja, darauf bin ich sehr stolz", sagt die Strickerin, die ihr Hobby längst zum Beruf gemacht hat und zeigt auf das neueste Druckerzeugnis mit 19 bunten Sockenmodellen. Denn dass ausländische Autoren im "Land der unbegrenzten Möglichkeiten" für Erstausgaben angefragt werden, ist selten.

Op-Art ist eine Kunstrichtung aus den 1960er-Jahren, in der abstrakte Muster und geometrische Formen beim Betrachter überraschende Effekte und Sinnestäuschungen auslösen. "Ich wusste sofort, das war etwas für die USA", sagt van der Linden, die am liebsten mehrfarbige Muster strickt und vor vielen, gleichzeitig verwendeten Knäueln Wolle unterschiedlicher Farben keine Angst hat. Wer diese Socken stricken will, braucht ein wenig Erfahrung im Handarbeiten. Aber: Handarbeiten sind wieder "in".

Während in den 1970er- und 80er Jahren überall Frauen und Männer mit Wolle und Nadeln zu sehen waren, ließ der Boom im folgenden Jahrzehnt nach. Stricken, Sticken, Häkeln, Nähen – das stand im Ruf, altmodisch zu sein, hatte einen "Oma-Touch". Seit Beginn des neuen Jahrtausends hat sich das langsam geändert, nicht zuletzt dank des Internets.

"Das Stricken habe ich mir von meiner Oma abgeschaut", berichtet van der Linden. Die Mutter dreier Töchter hat nach der Geburt ihres ersten Kindes mit eigenen Entwürfen für Babykleidung wieder damit angefangen. "Seit 2005 bin ich in verschiedenen Internetforen. Zwei Jahre lang habe ich alle zwei Monate ein Sockenmuster entworfen. Meine Entwürfe wurden bald von mehr als 3000 Menschen aus aller Welt gestrickt und intensiv besprochen. Allein das Mail-Aufkommen war enorm, denn vor der Social-Media-Ära lief das alles über Mailing-Listen", erinnert sich van der Linden. Aus diesen Erfahrungen entstand die Idee, ein Kompendium zum Sockenstricken zu verfassen. Neben Büchern schreibt die Bauingenieurin und Chemikerin auch Einzelanleitungen zum Stricken im Internet und entwirft Muster für namhafte Garnhersteller.

Auch als die Familie vor vier Jahren nach Friedberg zog, zeigten sich die positiven Wirkungen der Internetpräsens. "Ich kannte schon einige Strickerinnen aus Friedberg, als wir hier herzogen", sagt van der Linden. Der Wetterauer Stricktreff trifft sich regelmäßig. Die Termine sind auf ravelry.com zu finden, ein soziales Netzwerk für Garnkünstler mit weltweit drei Millionen Mitgliedern. Jeden zweiten Freitag im Monat um 19 Uhr findet der offene Spinntreff in der Augustinerschule statt, der auch bei jungen Leuten auf großes Interesse stößt.

Von häuslicher Pflicht zum Luxus

Was ist heute anders als noch vor zehn Jahren in Sachen Handarbeit? "Die Motivation, das Strickzeug in die Hand zu nehmen, hat sich in den letzten Jahrzehnten sehr gewandelt. Das Stricken ist heute keine Notwendigkeit mehr, die zu den häuslichen Pflichten zählt. Es ist im Gegenteil fast ein wenig zum Luxus geworden, sich die Zeit, ein besonderes Garn und edle Holznadeln zu gönnen", sagt van der Linden. "Es ist sicher auch die Lust an Individualität, die die Menschen heute kreativ werden lässt. Der kreative Prozess von der Idee über die Materialauswahl und das Herstellen bis hin zum fertigen Werk nimmt die volle Aufmerksamkeit in Anspruch.

Es fordert sowohl logisch-ab-straktes Denken als auch ästhetisches Empfinden und Intuition. Viele können damit gut vom Alltag abschalten und entspannen."

Insgesamt seien Strickerinnen heute viel anspruchsvoller geworden und besser informiert, dank des Internets. Die Leute seien bereit, viel Geld für Wolle und Material auszugeben. So mussten sich auch die Wollhersteller umstellen und den Trends folgen, um konkurrenzfähig zu bleiben. "Im Trend liegen hochwertige reine Wolle, Seide und Leinen; Baumwolle und Viskose weniger", weiß die Fachfrau. Nicht nur Stricken erlebt einen Boom, auch andere alte Handarbeitstechniken wie Weben, Spinnen oder Sticken werden von immer mehr Menschen erlernt. Und in der eigenen Familie? "Die beiden älteren Töchter sind auch mit dem Strick-Virus infiziert. Nur die Jüngste hat damit nichts am Hut", lacht die Strickmuster-Designerin.

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