Sieben Poller: Die Sperrung ist den Anwohnern ein Dorn im Auge.
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Sieben Poller: Die Sperrung ist den Anwohnern ein Dorn im Auge.

Streit um Campus: Bürgerbeteiligung oder Show?

Friedberg (jw). Die »Bürgerbeteiligung« hat die »Synergieeffekte« des »Netzwerkknüpfens« als beliebteste Politikerphrase abgelöst. Alle wollen, dass die Bürger mitreden. Beispiel Campus Friedberg. Die Stadt hat die Anwohner gefragt, was sie davon halten. Kurz gesagt: Nichts. Trotzdem könnte der Campus zur Dauereinrichtung werden.

Seit April 2012 stoppen in der Wilhelm-Leuschner-Straße 15 rot-weiße Poller den Pkw-Verkehr. Zwischen Hauptgebäude mit elliptischem Hörsaal und dem Neubau am Bahnhof soll eine Begegnungsort für Studenten entstehen. Ein Campus eben, wie ihn jede ordentlich Hochschulstadt hat. Ein halbes Jahr sollte die Probephase dauern, jetzt, nach fast zweieinhalb Jahren, ist sie offenbar vorüber. Mitte Oktober hat das Stadtparlament das letzte Wort.

Anfang Juli hatte der Erste Stadtrat und Verkehrsdezernent Peter Ziebarth (CDU) die Anwohner ins Rathaus eingeladen. Anwesend waren auch Vertreter der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM) und Verkehrsplaner des Ingenieurbüros IMB Plan. Die stellten eine Studie vor, derzufolge die Studenten die Hauptverursacher des zunehmenden Verkehrs in den anliegenden Straßen sind. Im Edelspfad etwa ist das Verkehrsaufkommen von der Karlsbader Straße aus um 38 Prozent gestiegen, von der Saarstraße aus – und somit direkt vor der Adolf-Reichwein-Schule – sind es 40 Prozent mehr Autos.

Die einzige Möglichkeit, den Edelspfad zu entlasten, sahen die Planer darin, im südlichen Teil des Schützenrains die Fahrtrichtung zu drehen. Das aber, schreiben die Anwohner Isabell Rupperti, Michael Meiß und Ulrike Leyrer in einem Brief an die Stadt, habe nur zu sehr geringen Verbesserungen geführt sowie zu einer massiven Mehrbelastung von Teilen der Wilhelm-Leuschner- und der Kettelerstraße. Dennoch, so die Anwohner, sehe die Stadtverwaltung keine Einwände gegen eine dauerhafte Sperrung der Straße und die Einrichtung des THM-Campus.

»Das ist doch alles nur Show, wir werden verarscht«, sagt Isabell Rupperti. Die Anwohner schreiben, bei der Verkehrsuntersuchung sei sämtlicher Durchgangsverkehr, die Pendler und die Parkplatzsuchenden ignoriert worden. Die Planer hätten lediglich mit statistischen Methoden den Quell- und Zielverkehr von Anwohnern, Studenten und Schülern betrachtet. Der Anstieg des Verkehrsaufkommens müsste demnach noch viel höher sein. Nicht berücksichtigt worden sei auch, dass die Studentenzahlen in den letzten 15 Jahren von 1700 auf 5300 und damit um 210 Prozent gestiegen sind. Ein Vertreter der THM habe bei dem Gespräch gesagt, frühestens in drei bis fünf Jahren werde der Platz umgestaltet. »Uns stellt sich die Frage, warum schon jetzt die Wilhelm-Leuschner-Straße gesperrt werden muss.«

Für Rupperti steht fest: »Die Stadt will den Campus. Anwohner und Grundschüler zählen nicht.« Deshalb haben sie, Meiß und Leyrer noch einmal Unterschriften gegen das Vorhaben gesammelt. 76 sind es, alle wohnhaft in dem Viertel, Haus um Haus wurde abgeklappert. »Es haben noch mehr als beim ersten Mal unterschrieben. Alle sagen, es wird immer schlimmer.« Navigationsgeräte kennen die Absperrung nicht; jeden Morgen, wenn Schüler die Straße überquerten, fahre ein Auto nach dem anderen durch das Viertel, auf Parkplatzsuche. Rupperti: »Man versteht sein eigene Wort nicht. In der Wilhelm-Leuschner-Straße kommt eine schwerbehinderte Frau wegen der Absperrung nicht mehr an ihre Wohnung heran, eine andere Frau zieht weg, weil nachts auf dem Campus Partys gefeiert werden. Ansonsten ist der Platz ja leer. Die Absperrung ist sinnlos, die Studenten gehen woanders über die Straße. Ein Zebrastreifen würde es auch tun.«

»Ansonsten ist der Platz leer«

In ihrem Brief an die Stadt fordern die Anwohner, die Sperrung zurückzunehmen und den alten Zustand wieder herzustellen. Für eine Begegnungsstätte der Studenten gebe es anderswo Platz, etwa auf der Parkplatzfläche der THM in Höhe des Schützenrains. Die Anwohner erinnern an einen WZ-Bericht vom 26. April 2012. Ziebarth wird dort mit den Worten zitiert, wenn die Bevölkerung die Änderung annehme, könne man ein Entwidmungsverfahren des Straßenabschnitts einleiten. Das ist aber nicht der Fall, die Anwohner nehmen die Änderung nicht an.

Die Adolf-Reichwein-Schule (ARS) hat laut Schulleiterin Dorothee Hantschel keine Probleme mit der THM. »Wir haben nicht die gleichen Anfangszeiten. Der Unterricht beginnt kurz nach 8 Uhr, die Studenten kommen später.« Probleme mit den Verkehrsverhältnissen hat die ARS dennoch. Die Schule hat die Stadt gebeten, das Anwohnerparken in der Kettlerstraße zu ändern. Ab 10 Uhr dürfen dort andere Autos stehen, die Lehrer suchen aber zwei Stunden früher Parkplätze. Die Stadt lehnte eine Änderung ab.

Vorbild: Wiesenstraße in Gießen

Zurück in die Wilhelm-Leuschner-Straße. Deren Sperrung sei der erste Schritt, die beiden Areale der THM – das Stammgelände und der Neubau – räumlich zu integrieren, sagt THM-Pressesprecher Dr. Armin Eikenberg. Die Hochschule habe sich die Sperrung gewünscht. »Neben einer höheren Verkehrssicherheit für Fußgänger bietet der gesperrte Straßenabschnitt die Chance, einen Platz zu schaffen, auf dem sich Studenten und Anwohner gern aufhalten. Die Wiesenstraße in Gießen soll dabei Vorbild sein. Dort haben wir mit neuen Bäumen, hochwertigem Pflaster und vielen Sitzgelegenheiten seit kurzem einen großzügigen Campusplatz, der nicht nur für die Mitglieder der THM da ist.«

Auch Eikenberg weiß, dass der Verkehr um die Hochschule zugenommen hat. Hauptursache sei nicht die Straßensperrung, sondern die Verdreifachung der Studentenzahlen seit den Neunziger Jahren. »Diese Expansion ist politisch gewollt, und sie ist im Interesse der Stadt Friedberg. Unsere Studenten haben ein Semesterticket, mit dem sie kostenlos den öffentlichen Nahverkehr nutzen können – viele tun das, aber viele kommen eben auch mit dem Auto.

« Erster Stadtrat Peter Ziebarth befindet sich derzeit im Urlaub, Bürgermeister Michael Keller war gestern für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

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