Reicht Stoßlüften gegen Aerosole aus? Laut einer THM-Studie ist das für den Luftaustausch in Klassenzimmern das Effektivste. Dem Kreiselternbeirat reicht das nicht aus. Er fordert den zusätzlichen Einsatz von technischem Gerät in den Schulräumen. SYMBOLFOTO: DPA
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Reicht Stoßlüften gegen Aerosole aus? Laut einer THM-Studie ist das für den Luftaustausch in Klassenzimmern das Effektivste. Dem Kreiselternbeirat reicht das nicht aus. Er fordert den zusätzlichen Einsatz von technischem Gerät in den Schulräumen. SYMBOLFOTO: DPA

Heftige Eltern-Kritik an THM-Studie

Stoßlüften, filtern oder beides in Kombination?

  • vonred Redaktion
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Laut einer THM-Studie ist das regelmäßige Stoßlüften effektiver, um Aersole aus den Klassenzimmern hinauszubefordern, als Luftfiltergeräte. Das ruft harsche Kritik beim Kreiselternbeirat hervor.

Den Schulbetrieb unbedingt aufrechterhalten, das hat sich die Politik im Rahmen der Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie auf die Agenda geschrieben. Bei der Umsetzung gehen die Meinungen in der Öffentlichkeit allerdings auseinander. Zum Beispiel: Stoßlüften, technisch entlüften oder beides in Klassenräumen?

Nach einer Studie der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM) ist Stoßlüften deutlich effektiver als der Einsatz von Luftfiltergeräten. Einem diesbezüglichen Artikel in unserer Mittwochausgabe widerspricht allerdings der Kreiselternbeirat heftig: Die Studie suggeriere, dass Luftfiltergeräte weder notwendig noch sinnvoll seien und eine Stoßlüftung ausreiche, schreibt der Beirat.

Kein Auftrag aus Wiesbaden

Recherchen bei der Pressestelle der THM, so der Beirat, hätten ergeben: "Die Studie ist im Auftrag der hessischen Landesregierung erstellt worden." Die stellvertretende Beiratsvorssitzende Carolina Schmelz meint dazu: "Der Zweck der Studie ist somit klar: Das Land Hessen will die Methode ›Augen zu und durch‹ zementieren und den Eltern Sand in die Augen streuen."

Dem widerspricht Prof. Hans-Martin Seipp deutlich, der zusammen mit Prof. Thomas Steffens von der THM besagte eigene Untersuchung in einem Klassenraum der Leibnizschule in Wiesbaden vorgenommen hatte (siehe nebenstehenden Artikel).

Kein Gegensatz, sondern Ergänzun

Doch zunächst zur Kritik des Kreiseltenbeirats: "Die Landesregierung baut rhetorisch einen Gegensatz auf, der überhaupt nicht existiert", sagt Beiratsmitglied Sandra Liebe-Brune. "Es geht nicht um Lüften oder Filtern!" Laut der Empfehlungen der Virologen und Epidemiologen seien Luftfiltergeräte eine sinnvolle Ergänzung des Lüftens.

Weiter heißt es in der Pressemitteilung: Die Konzentration von Aerosolen steige im Unterricht laufend an und gehe dann beim Lüften nahezu schlagartig nach unten. Dann steige sie wieder und erreiche direkt vor dem Lüften einen sehr hohen Wert, der ein hohes Ansteckungsrisiko mit sich bringt, so der Kreiselternbeirat.

Flache Konzentrationskurve

"Anders die Luftfiltergeräte: Diese sorgen dafür, dass die Aerosolkonzentration dauerhaft niedriger bleibt als ohne die Geräte. Sie wälzen die Luft kontinuierlich um. Die Konzentrationskurve bleibt flach.

Das Lüften befördert schließlich die restlichen Aerosole nach draußen und Sauerstoff hinein ins Klassenzimmer." Es komme nicht so sehr darauf an, ob die Geräte die Aerosole mit einer Effektivität von 99 Prozent oder 99,995 Prozent aus der Luft holen.

Lautstärke nicht überbetonen

"Ist eine infizierte Person im Raum, liefert diese ja ständig Viren nach. Man kann also sowieso nur eine Reduzierung der Virenlast erreichen.

Wichtiger ist die Luftmenge, die das jeweilige Gerät filtern kann. Die Faustregel lautet: Das Sechsfache des Raumvolumens pro Stunde sollte umgewälzt werden können", meint Beiratsmitglied Volkmar Heitmann.

Der Aspekt der Lautstärke der Geräte ist laut Beirat wichtig, sollte aber auch nicht überbetont werden, berichteten die Eltern, für deren Schulen bereits Luftfilter in Eigenregie angeschafft wurden.

Längere Unterbrechung bei Kälte

Zur Frage der "thermischen Behaglichkeit" meint der Kreiselternbeirat: Laut der THM-Studie dauere es nach einer Lüftungszeit von drei bis fünf Minuten noch weitere vier bis sieben Minuten, bis die Raumtemperatur wieder ein Grad unter dem "Normalniveau" erreicht hat.

Gemessen wurde bei Außentemperaturen von sieben bis elf Grad. Eine thermische Behaglichkeit sei also insgesamt für mindestens zehn Minuten nicht gegeben. Und das alle 20 Minuten wieder. Werde es draußen richtig kalt, werde die Unterbrechung deutlich länger.

Mittelfristig Schulen umrüsten

Beiratsvorsitzender Thomas Seeling: "Es spricht also weiterhin alles dafür, dass sich auch die hessische Regierung und die hessischen Behörden einschließlich des Schulträgers an die dringenden Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts halten sollten: Teilung der Klassen und gute Luft in den Klassenräumen.

Hierzu trägt auch eine lufttechnische Ergänzung des Lüftens bei." Eine bessere Alternative zu den Luftfiltergeräten seien Zu- und Abluftanlagen mit Wärmetauschern. Mittelfristig sollten die Schulen entsprechend umgerüstet werden.

Keine Zielrichtung vorgegeben

Der Kreiselternbeirat spricht von einer Beauftragung der Technischen Hochschule Mittelhessen mit der Studie zur Entlüftung von Klassenzimmern durch die Landesregierung. Damit sei eine bestimmte Zielrichtung vorgegeben. Dem widerspricht der an der Studie beteiligte Prof. Hans-Martin Seipp energisch: "Das ist falsch!"

Richtig sei, dass er vom Sozialministerium gebeten worden sei, zu einer Studie von Joachim Curtius, Professor für Experimentelle Atmosphärenforschung an der Goethe-Universität Frankfurt, Stellung zu nehmen. Diese sehe er kritisch und habe deshalb eine eigene Studie zusammen mit Prof. Thomas Steffens durchgeführt.

Seipp: Stoßlüftung effektiver

Seipp weist nochmals auf den hohen Schallpegel von sogenannten Consumer-Geräten hin, der über dem zulässigen Grenzwert liege. Die von Curtius genannte Reduktion von 90 Prozent der Aerosole bedeute, dass zehn Prozent verblieben. Bei angenommenen 1000 Aerosolen pro Kubikmeter Luft wären das zehn.

Bei einer dreiminütigen Stoßlüftung reduziere sich der Anteil um 99,8 Prozent. Es verblieben demnach 0,2 Prozent, also zwei Partikel. "Stoßlüftung ist 50-mal wirksamer", unterstreicht Prof. Seipp.

Veröffentlichung in Fachzeitschrift

Auch die THM-Pressestelle erklärt, dass gegenüber dem Kreiselternbeiratsvertreter von einer Beauftragung durch die Landesregierung keine Rede gewesen sei. Die Gesamtergebnisse der Studie werden - wie im wissenschaftlichen Bereich üblich - im Februarheft der Fachzeitschrift "Gefahrstoffe - Reinhaltung der Luft" veröffentlicht.

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