Im Friedberger Stadtwald unterwegs: Die Vertreter der CDU, darunter Stadtverordnetenvorsteher Hendrik Hollender (r.) und Bürgermeister Dirk Antkowiak (7. v. r.) erfahren viele Fakten vom m Leiter des Forstamtes Weilrod, Jörg Deutschländer-Wolff (4. v. r.), und Revierleiterin Eva-Maria Kirchler (8. v. r.). FOTO: PM
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Im Friedberger Stadtwald unterwegs: Die Vertreter der CDU, darunter Stadtverordnetenvorsteher Hendrik Hollender (r.) und Bürgermeister Dirk Antkowiak (7. v. r.) erfahren viele Fakten vom m Leiter des Forstamtes Weilrod, Jörg Deutschländer-Wolff (4. v. r.), und Revierleiterin Eva-Maria Kirchler (8. v. r.). FOTO: PM

Das Leiden der Bäume

Stadtwald Friedberg: Wo Klimawandel sichtbar wird

  • vonred Redaktion
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Im Friedberger Stadtwald zeigen sich Auswirkungen des Klimawandels deutlich. CDU-Politiker haben sich vor Ort informiert - über das Leid des Waldes und was man dagegen tun kann.

Alle reden über den Klimawandel. Zu sehen ist er im heimischen Wald. Trockenheit und Borkenkäfer - mit diesen Problemen haben auch die Bäume im Friedberger Stadtwald zu kämpfen. Und auch wirtschaftliche Folgen gibt es. Die Vermarktung des Holzes ist schwieriger geworden. Vor diesem Hintergrund tauschte sich eine 14-köpfige Gruppe der Friedberger CDU unter der Führung von Bürgermeister Dirk Antkowiak und Stadtverordnetenvorsteher Hendrik Hollender mit dem neuen Leiter des Forstamtes Weilrod, Jörg Deutschländer-Wolff, und der neue Revierleiterin Eva-Maria Kirchler aus Rosbach über klimabedingte Veränderung des Waldes und naturnahe Forstwirtschaft aus.

Der Friedberger Stadtwald mit einer Betriebsfläche von 215 Hektar liegt in Höhenlagen von 414 Metern am Römerkastell Ockstädter Wald und bis zu 518 Metern am Steinkopf. Charakteristisch ist der Untergrund aus Taunusquarzit. Die Böden können nicht viel Wasser speichern. Die Niederschlagsmenge im Stadtwald ist durch die Lage im Regenschatten des östlichen Taunus relativ gering. Dies führt insgesamt zu einer nur mäßigen Wasserversorgung.

Großes Problem für die Fichten

Kirchler und Deutschländer-Wolff erläuterten, dass der Wald insbesondere seit 2017 jährlich erheblich durch Dürre und Stürme gelitten habe. Auch der Borkenkäferbefall der Fichten sei ein großes Problem. Hohe Temperaturen schadeten dem Baumbestand, nicht aber dem Borkenkäfer.

Deutschländer-Wolff prognostizierte, dass die Fichte in unseren Breiten in fünfzig Jahren keine Lebenschance mehr haben werde - bedingt durch die klimatischen Veränderungen. Mit ihren flachen Wurzeln könne sie sich nicht an die neuen Bedingungen anpassen.

Er führte weiter aus, dass ein Teil der Probleme auch der Dominanz der Fichten im Stadtwald - 36 Prozent der Fläche sind beziehungsweise waren mit Fichte bestockt - geschuldet sei, die vor allem zur Aufforstung nach dem Zweiten Weltkrieg angepflanzt worden seien.

Wie hoch die Schäden im Friedberger Wald sind, verdeutlichen folgende Zahlen: Pro Jahr können durchschnittlich etwa 600 Festmeter Fichte im Stadtwald nachhaltig eingeschlagen werden. Bedingt durch Stürme und Trockenheit mussten 2019 nun 2500 Festmeter und 2020 sogar über 7000 Festmeter, die der Borkenkäfer geschädigt hatte, eingeschlagen werden. Damit ist die Hälfte des Fichtenbestandes verloren gegangen.

Saatgut aus den Karpaten?

Deutschländer-Wolff erläuterte, dass die Standorttypenkarte, die Hessen als einziges Bundesland habe, eine sinnvolle Bewaldung ermögliche, weil mit ihr der Datenabgleich mit Klimamodellen möglich werde und günstige Prognosen zur Standortwahl verschiedener Baumarten getroffen werden könnten. Der Forstamtsleiter warnte im Hinblick auf die Trockenheit davor, lediglich die Fichte als Problemkind im Stadtwald zu sehen. Bei der Buche würden sich Trockenheit-Ausfälle erst zwei Jahre später zeigen; die wirkliche Schadensbilanz werde erst 2021 erfolgen. Besser sei es, zum Beispiel Buchen aus trocken-warmen Wuchsgebieten wie den Karpaten oder Südeuropa durch Saatgut einzubringen. Auf den abgeholzten Flächen dürfe sich auch "Vorwald" aus Birken, Erlen, Aspen und Ebereschen entwickeln, wo nach einigen Jahren Wirtschaftsbaumarten eingebracht werden könnten. Auf diese Weise seien die jungen Pflanzen beispielsweise vor zu hohen Temperaturen geschützt. Und der Rüsselkäfer als Wurzelschädling im Boden verschwinde.

In den kommenden Jahren sollen die Bestände dann nach und nach wieder aufgebaut werden. Nach Waldgesetz muss das innerhalb von sechs Jahren geschehen, zunächst soll aber ein bis zwei Jahre abgewartet werden, welche Baumarten sich von Natur aus einfinden. Kirchler wies auch auf die Zielkonflikte von Forst- und Jagdwirtschaft hin: Damit der Wald sich natürlich aus eigener Kraft regenerieren könne, sei eine konsequente Jagd zur Regulierung des wegen der milden Winter großen Bestands an Schalenwild Grundvoraussetzung, da dieses etwa Setzlinge und auskeimende Eicheln wegfresse.

Die Funktionen des Waldes

Die kommunale Waldbewirtschaftung erfolgt nachhaltig. Der Wald soll in diesem Zusammenhang drei Erfordernissen gerecht werden und die Nutz-, Schutz- und Erholungsfunktionen erfüllen. Die beiden Forstexperten: "Es müssen hierbei nicht nur betriebswirtschaftliche Gesichtspunkte betrachtet werden. Zunehmend wichtig werden die Themen Umwelt- und Klimaschutz. Nur wenn das ständig nachwachsende Holz geerntet und genutzt, also dem Wald entnommen wird, und dafür neue Bäume gepflanzt werden, kann auch zusätzliches Kohlendioxid gespeichert werden. Auch die Lebensraumfunktion des Waldes und die Erholungs- und Aufenthaltsfunktion für die Bürger gewinnen an Bedeutung. Gerade die Wichtigkeit dieser letzten Funktion ist in der aktuellen Corona-Situation sehr deutlich geworden." Zu beachten ist auch der Wasserschutz, denn die Hälfte der Stadtwaldfläche befindet sich im Wasserschutzgebiet, zusätzlich unterliegt die gesamte Fläche dem Heilquellenschutz. Durch kleine Eingriffe zur Verlangsamung der Wasserabflussgeschwindigkeit und die Schaffung von Sickerflächen im Wald kann ein Beitrag zur Minderung des Hochwasserrisikos bei häufigeren Starkregenereignissen geleistet werden. "Und durch die Neuanlage von Waldwiesen entsteht ein Lebensraum für Licht und Wärme liebende Tiere und Pflanzen. Sie sind daher von großer Bedeutung, vor allem für viele Tagfalter, Vögel, Käfer, Reptilien und Blütenpflanzen sowie Wildkatzen und Fledermäuse", erläutert Revierleiterin Kirchler.

Alle Faktoren müssen bei der weiteren Diskussion zur Umgestaltung des Friedberger Stadtwaldes berücksichtigt werden und münden beispielsweise in die Auswahl klimaresilienter Baumarten, die Notwendigkeit eines sich naturverjüngenden Waldes oder den kurz- und mittelfristigen Ausfall bisher gewohnter Baumarten wie der Fichte. Den Wald sich selbst zu überlassen, ist laut Deutschländer-Wolff unrealistisch, weil es viel zu lange dauere, dem Klimawandel zu begegnen.

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