Ein Spitzbub auf der Bühne

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Nachdem das beheizbare ehemalige Kesselhaus des Alten Hallenbades in der Haagstraße stets ausgebucht war, wenn Jo van Nelsen angekündigt war, lud die Kulturtaucher-AG des Hallenbadvereins mutig in die jetzt ebenfalls beheizte Schwimmhalle ein. Auch diese, wesentlich größere Spielstätte, war nach Saalöffnung im Nu von Gästen besetzt, die von dem Moderator, Sänger und Rezitator "von Gottes Gnaden" nicht genug bekommen können. Basis der "Lesung" war das erste, 1950 erschienene Buch "Sie und Er" des am 19. Februar vor 105 Jahren geborenen Friedberger Autors und Augustinerschul-Abiturienten Wolf Schmidt.

Nachdem das beheizbare ehemalige Kesselhaus des Alten Hallenbades in der Haagstraße stets ausgebucht war, wenn Jo van Nelsen angekündigt war, lud die Kulturtaucher-AG des Hallenbadvereins mutig in die jetzt ebenfalls beheizte Schwimmhalle ein. Auch diese, wesentlich größere Spielstätte, war nach Saalöffnung im Nu von Gästen besetzt, die von dem Moderator, Sänger und Rezitator "von Gottes Gnaden" nicht genug bekommen können. Basis der "Lesung" war das erste, 1950 erschienene Buch "Sie und Er" des am 19. Februar vor 105 Jahren geborenen Friedberger Autors und Augustinerschul-Abiturienten Wolf Schmidt.

Das entsprechende Lokalkolorit brachte auch sein Neffe, Andreas Mehling, der bei den Kulturtauchern mitarbeitet, mit einer launigen Begrüßung auf die Bühne. Das Hessisch der Figuren aus fünf Episoden aber entsprudelte in unnachahmlicher Art und Mimik dem Mund von Jo van Nelsen. Grandios markierte er in "Das Telefonat" Mamma Hesselbach, ihren Mann Karl und die Freundin am anderen Ende der Leitung in ihren verschiedenen Charakteren.

In "Das Bad" lernt man van Nelsen als knödelnden Badewannentenor und Walfangflottenkapitän kennen, der von Mamma zum Verlassen des Bades aufgefordert wird, aber "Du kannst nix Übermännliches von mir verlange!". Das Publikum, schon im Lachen geübt, steigert sich ein weiteres Mal. "Die Träume" belegen das fantasiereiche Bemühen des Autors, den Krieg zu vergessen und die Welt zu verbessern. Seine Frau stört ihn immer wieder in seinen Träumen, er liege jedoch auf der Couch zum Nachdenken. Man müsste etwas erfinden, um schwerelos im Spezialanzug durch die Luft zu reisen.

Panik bricht aus

"Der werdende Vater" hat es schwer mit der Geburt seines Sohnes. 43-mal ruft er in der Klinik an, "aber immer noch nix. Vielleicht wern’s ja Zwillinge, oder fünf Bube?". Herrlich, die van Nelsen ins Gesicht geschriebene Enttäuschung: "E’ Mädsche?! Naja, Hauptsach', ich hab’ mich gut gehalde und es glücklich überstanne." Tränen der Begeisterung leiten zu "Die Kündigung" über. Babba, Prokurist der Druckerei kommt nicht pünktlich zum Abendessen. Van Nelsens Mamma steigert sich zum Gaudium des Publikums in die wildesten Ahnungen von Krankheit, Kündigung und Tod; Sohn Willi nimmt es gelassener, "En Chef der net stört!".

Panik bricht jedoch aus, als ein Bote die Nachricht von einer morgigen Hausbesichtigung durch einen Makler bringt. Auch wenn es nicht ausgesprochen worden wäre, die großartige Mimik van Nelsens hätte ausgereicht, die dahinter stehende Dramatik zu vermitteln. Und Babba selbst, als er endlich kommt, gießt noch Öl ins Feuer mit dem Hinweis, er sei Prokurist und nur noch bis morgen 17 Uhr. Allerseitiges Aufatmen und frenetischer Beifall nach der spitzbübischen Auflösung des Gefühlschaos.

Mit noch viel mehr Personen "spielt" van Nelsen nach der Pause in "Das Dokument", einer Episode, die 1960 die Hesselbach-TV-Serie mit 51 Folgen eröffnete. Alle Mitarbeiter der Druckerei kommen zu Wort, weil ein wichtiger Auftragsbrief verschwunden ist, und alle mitsuchen müssen. Mühelos meistert van Nelsen die zahlreichen Charaktere und als der cholerische Babba immer wütender wird, brandet wiederholt Szenenbeifall auf. Nur seinem Instinkt sei es zu verdanken, dass er den Brief zum Glück in der falschen Jackentasche vergessen habe.

Der großartige Interpret kann nach zwei "Vorhängen" sicher sein, dass auch sein nächster Auftritt im alten Hallenbad (am 28. April) ein volles Haus finden wird.

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