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Circa 60 Menschen sind zu der Mahnwache gekommen.

Demonstration

„Bei uns ist ein Platz frei“: Solidarität mit leidenden Afghanen bei Mahnwache in Friedberg

  • VonHarald Schuchardt
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Etwa 60 Menschen sind am Samstag zu einer Kundgebung und einer Mahnwache auf den Elvis-Presley-Platz gekommen, um unter dem Motto »Afghanistan - Rettet die Menschen - Stoppt die Abschiebungen - Für die Freiheit, für das Leben« auf die dramatische Lage in Afghanistan hinzuweisen.

Friedberg – Zu der Veranstaltung hatte die Antifaschistische Bildungsinitiative (Antifa-BI) aufgerufen. Deren Sprecher Andreas Balser zeigte sich mit der Resonanz mehr als zufrieden. »Wir hatten mit 30 gerechnet, jetzt sind es doppelt so viele«, sagte Balser, der die Teilnehmer, darunter auch einige Geflüchtete aus Afghanistan, begrüßte.

In Wahlkampfzeiten sei auf Redner aus politischen Parteien verzichtet worden, erläuterte Balser. So eröffnete Isabel Serpa da Silva von der Antifa-BI die Kundgebung mit einer Analyse des 20-jährigen Einsatzes der Nato-Truppen in Afghanistan. »Es ging nie um das Wohl der Afghanen, es ging den USA darum, al-Qaida zu vernichten«, sagte die Politikwissenschaftlerin am Frankfurter Goethe-Institut. Der Bundesregierung warf sie politisches Versagen vor: »Die angeblichen Fortschritte in Afghanistan waren Illusion, und die Taliban wurden notorisch unterschätzt.« Wie alle Redner forderte sie eine sofortige Aufnahme aller ehemaligen Ortskräfte und der Zehntausenden Menschen, die sich für ein demokratisches und rechtsstaatliches Afghanistan eingesetzt haben und nun in akuter Lebensgefahr schweben. »Bei uns ist ein Platz frei«, sagte da Silva in Anspielung auf die Stuhl-Aktion des Internationalen Zentrums Friedberg (IZF). Dessen Vorsitzender Mehmet Turan erläuterte die von der Seebrücke übernommene Aktion, die dem IZF einen Shitstorm in sozialen Medien eingebracht hatte. Turan verlas Auszüge aus mehreren Berichten von Menschen, die sich derzeit am Flughafen Kabul befinden, und eine Anweisung der deutschen Botschaft, wie sich Deutsche und Ortskräfte in Afghanistan verhalten sollen.

Demo in Friedberg: „Bilder aus Afghanistan holen Erinnerungen zurück“

Schließlich appellierte Johannes Hartmann vom »Runden Tisch für Flüchtlinge Friedberg« an alle Bürger, den Menschen, die es von Afghanistan hierher geschafft haben, zu helfen. Zwei sehr persönliche spontane Redebeiträge ergänzten die drei geplanten Statements. Zunächst berichtete Rima Savazian über ihre Flucht vor 35 Jahren als 14-Jährige aus dem Iran - zusammen mit Mutter und Schwester. »Die Bilder aus Afghanistan, die ich heute sehe, holen bei mir Erinnerungen zurück«, sagte Savazian. »Niemand verlässt seine Heimat, seine Familie und seine Freunde freiwillig.«

Kaum glauben konnten die Zuhörer die Geschichte, die eine Friedbergerin und deren Tochter erzählten. Vor zwei Jahren hätten sie einen jungen Mann aus Afghanistan aufgenommen. Dieser habe als Ortskraft für die Bundeswehr gearbeitet und sei 2015 geflohen, nachdem die Taliban ihn massiv unter Druck gesetzt und gefordert hätten, er solle den »Ungläubigen« Gift ins Essen mischen. Bereits zwei Mal sei sein Asylantrag abgelehnt worden. Im letzten Ablehnungsbescheid stehe, dass die Taliban nicht überall in Afghanistan seien und auch Corona kein Grund für die Gewährung von Asyl sei. »Das steht da wirklich drin« betonte die Mutter, die aus Angst vor den Taliban ihren Namen nicht nennen wollte. Hartmann riet dazu, sofort einen Folgeantrag zu stellen, da sich die Situation in Afghanistan nun nachweislich geändert habe.(har)

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