Abdelkarim erzählt von Szenen, die er erlebt hat: Wenn im Zug sein Handy sich mit der deutschen Nationalhymne als Klingelton meldet, hört er Nachbarn tuscheln: "Das ist aber nicht sein Handy!". FOTO: EMH
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Abdelkarim erzählt von Szenen, die er erlebt hat: Wenn im Zug sein Handy sich mit der deutschen Nationalhymne als Klingelton meldet, hört er Nachbarn tuscheln: "Das ist aber nicht sein Handy!". FOTO: EMH

"Sie sprechen aber gut Deutsch"

  • vonred Redaktion
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Friedberg(emh). Auch im Corona-Jahr 2020 hat es der Wetteraukreis gemeinsam mit zahlreichen Veranstaltern geschafft, für die Interkulturellen Wochen wieder ein vielseitiges Programm mit 14 Veranstaltungen im September auf die Beine zu stellen. Dazu gehört der Auftritt des aus dem Fernsehen bekannten Comedian Abdelkarim am vergangenem Samstag im Alten Hallenbad. Er präsentierte sein neues Programm als Vorpremiere vor vollem Haus - was corona- und abstandsbedingt nur 70 der sonst zulässigen Kapazität von 150 Plätzen bedeutet, die der Wortkünstler bei seinem Auftritt an gleicher Stelle vor zwei Jahren mühelos füllte.

Abdelkarim, "der Marokkaner Deines Vertrauens", spann gleichermaßen irritierende und feinsinnige Geschichten. Von der Jugendkultur über das Leben in seiner Geburtsstadt Bielefeld und über sein heutiges Umfeld Duisburg. Das, wofür er in seinen Auftritten etwa bei der "heute Show" oder in seiner eigenen Reihe "StandUpMigranten" gefeiert wird, brachte er zur Freude des von Anfang an mitgehenden Publikums auch in Friedberg auf die Bühne: Aus dem Leben gegriffene Szenen, wie sie sich angesichts der Wahrung der "Scheiß political Correctnes" nur ein Kabarettist mit Migrationshintergrund leisten kann. In seinen Wortkaskaden trifft er weitverbreitete Vorbehalte gegen "Nicht-Weiße" und damit auch das Publikum, das sich gleichzeitig erkannt und amüsiert fühlt. Wenn er auf die Frage, wo er herkomme, Bielefeld sage, folge als nächstes: "Und woher kommst du eigentlich?"

Als er endlich in der Tiefgarage jemand findet, der ihm bei der Suche nach dem Parkautomat helfen könnte, sagt dieser zuerst: "Sie sprechen aber gut Deutsch." Und wenn im Zug sein Handy sich mit der Nationalhymne als Klingelton meldet, hört er Nachbarn tuscheln: "Das ist aber nicht sein Handy.". Regelmäßig werde er auf Englisch angesprochen, und das Schlagwort "Racial profiling" bietet ihm zahlreiche Vorlagen für hintergründige Sketche. Im Zug zum Flughafen etwa wurde er von einem weißen Paar gegrüßt mit dem Bekenntnis: "Wir fliegen auch nach Namibia." Und die häufigen Kontrollen der Zugkarte oder des Ausweises begründet ein Polizist mit "das ist praxiserprobt und erfahrungsgesättigt". Dem weißen Zugnachbar ist das peinlich, "aber sie waren freundlich", sagt Abdelkarim. Darauf der Nachbar: "Es gibt ja auch die Guten".

Er kann auch "kalauern"

Der Kabarettist grübelt darüber nach, ob es Rassismus gegen Weiße geben kann, und es gebe sogar Weiße, die sich schämen, weil sie weiß seien. Wann hat man sich genug geschämt? "Wenn man die Vergangenheit aufgearbeitet hat." Er kann aber auch Kalauern,: Wenn der türkische Kellner den ungeduldigen Gast beruhigt: "Essen kommt sofort, gleich da, dauert bisschen." Nach 90 Minuten zieht Abdelkarim Zemhoute unter Beifall des Publikums das Fazit des Abends: "Die Guten sind in der Mehrzahl."

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