Uni online? Wegen der Corona-Maßnahmen werden zurzeit viele Veranstaltungen der THM digital angeboten. Foto: Nici Merz
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Uni online? Wegen der Corona-Maßnahmen werden zurzeit viele Veranstaltungen der THM digital angeboten. Foto: Nici Merz

Online-Angebote

Seminare, Kurse, Bankberatung: Großer digitaler Fortschritt

  • Sabrina Dämon
    vonSabrina Dämon
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Was vor einigen Monaten noch unmöglich erschien, gibt es nun immer häufiger: Seminare, Kurse oder Gottesdienste im Internet. Wetterauer erzählen von den Vor- und Nachteilen der digitalen "Zusammenkünfte".

Gottesdienst im Netz

Das Konzept Online-Gottesdienste hat in den vergangenen Wochen einige "Evolutionsschritte" hinter sich gebracht, erzählt Norbert Braun, der katholische Pfarrer von Rodheim und Wöllstadt. Schon kurz nachdem es keine öffentlichen Gottesdienste mehr gab, begann er mit Video-Aufzeichnungen. Am Anfang auf Youtube und dann - "einer der Evolutionsschritte" - auf einem eigenen Server. Zuerst war es schon ein komisches Gefühl, sagt er: mit dem Küster und dem Organisten in der leeren Kirche zu stehen. "Aber man weiß ja irgendwie, dass die Menschen vor ihrem PC sitzen und zuschauen."

Am Anfang - es musste ja schnell gehen - gehörte lediglich ein iPhone zur technischen Ausstattung. Inzwischen, erzählt Braun, ist u.a. ein professionelleres Mikrofon hinzugekommen.

Die Rückmeldung sei durchweg positiv: Einige hätten erzählt, sie haben zu Hause beim Schauen das Gesangbuch auf dem Schoß liegen, singen und beten mit dem Pfarrer auf dem Bildschirm. Der Vorteil an dem Online-Angebot einzelner Gemeinden sei auch, dass viele Menschen so "ihre" Kirche sehen können. Das sei viel schöner, als einen Gottesdienst anzuschauen, der im Fernseher aus einer anderen Stadt übertragen werde.

Inzwischen gibt es zwar wieder herkömmliche Gottesdienste. Dennoch gibt es das Online-Angebot weiterhin - zum Beispiel für die, die zur sogenannten Risikogruppe gehören und lieber noch nicht in den Gottesdienst gehen - aber "ihre" Kirche trotzdem sehen möchten.

Naturführer digital

Mit Beginn der Corona-Maßnahmen haben Frank Uwe Pfuhl und sein Team von der NABU-Umweltwerkstatt das gemacht, was sie jahrelang abgelehnt hatten. Sie haben die Leute vor den Bildschirm geholt. "Wir haben immer gesagt, Kinder und Erwachsene sollen raus in die Natur und nicht vor den Bildschirm."

Doch dieses Jahr ist einiges anders. Und weil die Umweltwerkstatt Wetterau ihr Programm nicht komplett einstellen wollte, es sich als Verein auch nicht leisten konnte, hat sich das Team mit der Technik auseinandergesetzt.

Sowohl Naturführerkurse und Vorträge als auch lockere Zusammenkünfte sind fortan online angeboten worden. "Das Angebot ist ziemlich gut angekommen", sagt Pfuhl. Vor allem, weil die Reichweite größer ist. In ganz Deutschland gebe es kaum etwas Vergleichbares wie den Naturführerkurs der Assenheimer Umweltwerkstatt. Bei Seminaren vor Ort seien hauptsächlich Teilnehmer aus der Wetterau und aus Nachbarkreisen gekommen. Nun habe sich das geändert: Bei den Online-Terminen seien bspw. Teilnehmer aus Hamburg und sogar aus Österreich dabei.

Das ist auch ein Grund, warum die Online-Angebote in Zukunft nicht ganz aufgegeben werden sollen. "Jetzt haben wir unsere Scheu vor der Technik verloren", sagt Pfuhl. "Ich habe für mich erkannt: Wir werden auch im Regelbetrieb weiter darauf zurückgreifen, um unsere Angebote großflächiger zu machen."

Sicher ist für Pfuhl aber auch: Online-Angebote ersetzen keine echten Zusammenkünfte. "Mir fehlt schon der direkte Kontakt. Es ist etwas anderes. Als Pädagoge will man ja auch auf die Teilnehmer eingehen, ihre Reaktion sehen."

Studieren am PC

80 Prozent der Lehrveranstaltungen an der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM) werden zurzeit digital angeboten - in virtuellen Seminarräumen, berichtet Prof. Katja Specht. Wie die Vizepräsidentin der THM erklärt, ist das Prinzip einfach: Lehrende und Studierende sitzen vor ihren Rechnern, starten das Programm, das Seminar beginnt.

Neben den herkömmlichen Funktionen von Video-Chats - also dass man sein Gegenüber auf dem Bildschirm sieht - bietet das Programm weitere Möglichkeiten: So können zum Beispiel Folien oder Lernvideos (z.B. von einem Versuchsaufbau) eingeblendet werden. Wer Fragen hat, kann sie im Chat stellen. "Auch die Arbeit in Kleingruppen ist zwischendrin in separaten digitalen Räumen möglich." Neben dem direkten Online-Kontakt gibt es noch eine Lern-Plattform im Internet, auf der Materialien hochgeladen werden.

Einer der Vorteile von digitalen Lehrveranstaltungen sei die Unabhängigkeit von Zeit und Ort. "Zudem werden Studierende mit digitalen Konzepten besser in ihren Lebenswirklichkeiten abgeholt."

Was allerdings in manchen Fällen ein Problem darstelle: "die teils ungenügende Infrastruktur bei den Studierenden".

Für die Erstsemester sei es insofern nachteilig, als sie weder die THM noch die anderen Studenten persönlich kennenlernten. Zumal die THM eine Hochschule mit Anwendungsbezug ist - etwa in Laboren oder Praktika. In Zukunft, unabhängig von den Corona-Maßnahmen, soll es zwar weiterhin Online-Angebote geben, doch "gilt es, kluge Konzepte als Mix aus Online- und Präsenzangeboten" zu entwickeln. "Die THM ist und bleibt eine Präsenz-Hochschule."

Bankberatung online

Neu ist das Angebot der Online-Bankberatung nicht. Doch die Nachfrage ist in den vergangenen Wochen gestiegen, sagt Dennis Vollmer. Vor den Corona-Maßnahmen, sagt der Pressesprecher der Volksbank Mittelhessen, wurde das Angebot hauptsächlich von Kunden in Anspruch genommen, die nicht im Geschäftsgebiet wohnen. Das habe sich geändert. "Online-Beratung wird deutlich mehr genutzt. Und viele haben zum ersten Mal Online-Banking ausprobiert."

Im Prinzip unterscheide sich die Online-Beratung kaum von einer herkömmlichen - sei es zur Baufinanzierung oder sei es zum Thema Geldanlage. Per Videochat sei es möglich, sein Gegenüber zu sehen und auf dem eigenen Bildschirm Unterlagen anzuschauen. Denn der Bankberater kann Verträge oder Schaubilder mit dem Gesprächspartner auf dem Bildschirm teilen.

Dennoch, sagt Vollmer: Filialen, in denen der persönliche Kontakt möglich ist, wird es immer geben. "Nach wie vor schätzen viele Menschen das Gespräch von Angesicht zu Angesicht."

VHS-Kurs von zu Hause

Die Wetterau ist groß: Wer zum Beispiel in Gedern wohnt, hat einen weiten Weg nach Friedberg. Die meisten überlegen es sich dann zwei Mal, ob sie wirklich einen VHS-Kurs besuchen wollen. Beispiel Sprachkurse. Demnächst beginnt ein Dänisch-Kurs bei der Volkshochschule, sagt Leiter Daniel Schütz. Das Neue daran: Der Sprachkurs wird ein reiner Online-Kurs sein. Ein Angebot, das es so in den vergangenen Jahren noch nicht gegeben hat.

Webinare gebe es zwar schon seit einiger Zeit - allerdings deutschlandweit. Wenn bspw. die VHS in Stuttgart ein Webinar oder einen Online-Vortrag angeboten hatte, war es für die Wetterauer manchmal möglich, daran teilzunehmen. Nun, mit den Corona-Maßnahmen, hat die VHS Wetterau eigene Kurse im Angebot. Neben Sprachkursen zum Beispiel auch einen zur Progressiven Muskelentspannung. Zudem seien im vergangenen Semester laufende Kurse mit den Corona-Maßnahmen schnell umgestellt worden. Gerade in den Sprachkursen hätten sich die Teilnehmer via Skype "getroffen".

Was bei den Online-Angeboten eine Herausforderung sei: Jeder Teilnehmer muss die Rahmenbedingungen selbst organisieren. Das fängt mit der Technik an (Reicht die Internetverbindung? Funktioniert das Programm?). Und das geht weiter mit der Umgebung: Normalerweise kommen die Teilnehmer an den Kursort. Wer also einen Präsenz-Kurs zur Progressiven Muskelentspannung gebucht hatte, hatte gleichzeitig einen von der VHS organisierten ruhigen Raum zur Verfügung. "Zu Hause muss ich schauen: Sind die Kinder aus dem Haus? Hört der Mann nicht gerade laut Musik? Mäht der Nachbar keinen Rasen?"

Doch selbst wenn die meisten Kurse wieder normal angeboten werden können: Schütz will die VHS in jedem Fall digital voranbringen. So soll es künftig im Internet Lernplattformen geben, auf denen Zusatzmaterialien hochgeladen werden. Eine Yoga-Lehrerin habe bspw. angekündigt, Entspannungsübungen einzusprechen und den Teilnehmern digital zur Verfügung zu stellen.

Musizieren mit Kamera

Für ein paar Wochen geht es, auf längere Sicht ist Online-Unterricht aber keine Alternative - so lautet das Fazit von Ulrich Nagel, dem Leiter der Bad Nauheimer Musikschule. Ab Mitte März hatte die Musikschule für sieben Wochen Online-Unterricht angeboten. "Der Instrumentalunterricht wurde von unseren Kollegium recht rasch auf Videoplattformen umgestellt, zum Teil wurde auch über Telefon unterrichtet." Doch, sagte er: "Ersetzen kann das digitale Unterrichten den direkten Kontakt in keiner Weise. Das Bewusstsein für den Wert des analogen Musizierens und Unterrichtens dürfte bei allen Beteiligten in den letzten Wochen gewachsen sein."

Was jedoch für die Zukunft bleibe: Durch die Corona-Maßnahmen sei die Auseinandersetzung mit digitalen Medien beschleunigt worden. "Die Möglichkeit, einzelne Stunden Instrumentalunterricht digital zu geben, ist sinnvoll, wenn ein Besuch in der Musikschule mal nicht möglich sein sollte."

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