Wenn der Abend nicht enden will und einen die Einsamkeit überkommt, greift mancher zum "Teufel Alkohol". Wer Suchtprobleme hat, sollte sich Hilfe suchen. Selbsthilfegruppen sind ein erster Anlaufpunkt.		FOTO: NICI MERZ
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Wenn der Abend nicht enden will und einen die Einsamkeit überkommt, greift mancher zum »Teufel Alkohol«. Wer Suchtprobleme hat, sollte sich Hilfe suchen. Selbsthilfegruppen sind ein erster Anlaufpunkt. FOTO: NICI MERZ

Corona und der »Teufel Alkohol«

Selbsthilfegruppen behelfen sich mit Video-Konferenzen

  • Jürgen Wagner
    vonJürgen Wagner
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Corona verändert die Arbeit der Selbsthilfegruppen. Gerade für Alkoholiker ist der Lockdown eine gefährliche Zeit. Die verordnete Einsamkeit kann zu Rückfällen führen.

Wir mussten alle Termine absagen«, sagt Annette Obleser, die Koordinatorin beim Wetteraukreis für rund 160 Selbsthilfegruppen und Gesprächskreise. Die Selbsthilfe-Meile im August fiel aus, genauso wie Fortbildungen und die meisten Gruppentreffen. Niemand weiß, wann wieder öffentliche Veranstaltungen erlaubt sind. Obleser: »Das ist alles momentan schwierig.«

Immerhin konnte die Selbsthilfe-Kontaktstelle des Wetteraukreises zusammen mit der »BürgerAktive« Bad Vilbel eine neue Ausgabe der »Selbsthilfezeitung« herausgeben. Thema: Corona und die Folgen. Selbsthilfe lebe vom persönlichen Kontakt; es sei zu befürchten, »dass negative Folgen für die psychische Gesundheit unserer Gruppenmitglieder unausweichlich sind«, schreibt Eva Raboldt von der »BürgerAktive« im Editorial.

Nach dem Lockdown im Frühjahr seien wieder Gruppentreffen angeboten worden, sagt Obleser. Viele hätten sich aber nicht getraut. Die Suche nach großen Räumen war schwierig, der Kreis stellte seine Sitzungsräume zur Verfügung. Die Kontaktstelle informiere die Gruppen über alle neuen Verordnungen, sagt Obleser. Aber wie viele Gruppen werden nach Corona noch bestehen, wenn sich die Mitglieder teils über Monate nicht sehen und sprechen?

Eine der Selbsthilfegruppen, die sich trotz Lockdown weiter »trifft«, ist der Freundeskreis Bad Nauheim. »Wir haben bereits im April mit Video-Konferenzen begonnen«, erzählt der Gruppensprecher. »Das wird gut angenommen.« Zu den regulären Treffen kämen zwischen 15 und 20 Personen, bei Video-Konferenzen seien es zwischen 10 und 18. Keine schlechte Quote. Es habe etwas gedauert, bis alle technischen Klippen umschifft waren. Aber mittlerweile funktioniere das recht gut.

Trotzdem: Die persönlichen Treffen fehlten. »Da ist Vertrautheit gewachsen. Bei virtuellen Treffen fehlt das heimelige. Ansonsten ist das wie bei Videokonferenzen in der Firma: Der eine liest nebenher Zeitung, der anderen schaut die ›Tagesschau‹.« Immerhin: Man blicke sich beim Gespräch in die Augen. Das Land Hessen hat den Freundeskreis im Sommer mit IT-Equipment versorgt. Die Tablets erleichtern die Vorstandsarbeit.

Experten warnen vor Vereinsamung

Gerade Alkohol-Kranke laufen im Lockdown Gefahr, einen Rückfall zu erleben. Suchtexperten warnen vor Vereinsamung. Trockene Alkoholiker, die in Selbsthilfegruppen Halt finden, müssen sich nun alleine zurechtfinden. Ihnen drohen psychische Probleme, weil der Austausch auf Augenhöhe, der Rückhalt und die Geborgenheit in der Gruppe fehlen.

Im Bad Nauheimer Freundeskreis gebe es bislang keine Rückfälle, sagt der Sprecher. Die Gruppe ist aber im Landesverband Hessen organisiert und tauscht sich aus. »Da hören wir schon von Rückfällen.« Und dass i m Lockdown mehr getrunken werde, könne man sich auch denken.

Wie wappnet man sich dagegen? »Im Lockdown ist der Abend lang und wird immer länger, das kann gefährlich werden. Es hilft, ein Hobby zu intensivieren oder neu zu entdecken. Man kann auch in die Natur gehen und wandern. Aber nicht zur nächsten Kneipe.« Wie andere Selbsthilfegruppen hat auch der Freundeskreis ein Notfalltelefon eingerichtet. »Das wird genutzt, müsste unserer Erfahrung nach aber häufiger genutzt werden. Wir sind jederzeit ansprechbar.«

Viele Menschen sind sich der Gefahren, die von Alkohol oder anderen Rauschmitteln ausgehen, nicht im Klaren - oder wollen sich darüber keine Gedanken machen. Wie die »Anonymen Alkoholiker« aus München berichten, hat sich unter jungen Leuten ein neues Phänomen etabliert: Online-Partys. Statt in der Bar oder der Disco treffen sich die jungen Leute bei einer Videokonferenz. »Mir hat eine 19-Jährige erzählt, dass sie samstags früh um drei mit der Schnapsflasche vorm Computer sitzt, da haben sie sich die Kante gegeben«, berichtet ein AA-Mitglied. Eine traurige Begleiterscheinung des Lockdowns.

Kontaktadressen und Sucht-Chat

Informationen über die Arbeit der Selbsthilfegruppen in der Wetterau sowie alle Kontaktadressen findet man auf der Internetseite selbsthilfe.wetterau.de. Dort kann man sich auch die »Selbsthilfezeitung für die Wetterau« herunterladen. Unter dem Menüpunkt »Selbsthilfegruppen« sind von A wie »ADHS« bis derzeit V wie »Verlassene Eltern« alle Selbsthilfegruppen aufgelistet. Wer Probleme mit Alkohol oder Drogen hat, wird unter »S« wie Suchthilfe fündig. Der »Freundeskreis Bad Nauheim - Verein für Suchtkrankenhilfe« hat auch eine eigene Internetseite (https://freundeskreis-bad-nauheim.de). Die Gruppe kümmert sich um die Themen Alkohol, Medikamente, Drogen und Spielsucht, ist offen für Betroffene und Angehörige. Reguläre Treffs finden (außerhalb des Lockdowns) dienstags um 19 Uhr in Nieder-Mörlen statt. Infos gibt’s unter Tel. 0 60 34/6 79 96 16. Die Nummer des Soforthilfe-Telefons lautet 01 52/37 38 89 82. Auf der Internetseite des Freundeskreises wird auch der Sucht-Chat des Bundesverbandes der Suchtkrankenhilfe bereitgestellt.

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