Angst und Panikattacken können in allen erdenklichen Situationen und Formen auftreten - typische Symptome sind Atemnot und Schwindel, Entfremdungsgefühle.		SYMBOLFOTO: TEROVESALAINEN/ADOBE STOCK
+
Angst und Panikattacken können in allen erdenklichen Situationen und Formen auftreten - typische Symptome sind Atemnot und Schwindel, Entfremdungsgefühle. SYMBOLFOTO: TEROVESALAINEN/ADOBE STOCK

Seit zwei Jahren

Selbsthilfegruppe in Friedberg: Über die Angst reden

  • Sabrina Dämon
    vonSabrina Dämon
    schließen

Es hat viel Überwindung gekostet. Das sagen alle über ihren ersten Besuch in der Selbsthilfegruppe für Menschen mit Angststörungen. Zweimal im Monat treffen sie sich in Friedberg.

Aller Anfang ist schwer. Davon kann jeder in der Gruppe seine eigene Geschichte erzählen. Die, wie sie oder er zum ersten Mal zu den Treffen gekommen ist, wieso überhaupt, und warum seither immer wieder. Sieben Frauen und drei Männer sind da. Sie sitzen in einem großen Raum und sprechen. Über sich, ihre Angst, über die Panikattacken. Seit zwei Jahren gibt es die Friedberger Selbsthilfegruppe »Das gelbe Boot« für Menschen mit Angststörungen und sozialen Phobien. Manche der Teilnehmer sind von Anfang an dabei, manche sind im Laufe der Zeit dazugekommen. Agatha zum Beispiel (Namen geändert, die Red.). Sie ist vergangenen November das erste Mal zu einem Treffen gegangen. Über die Zeitung hat sie von der Gruppe erfahren, sprach mit ihrer Therapeutin darüber und ließ sich überzeugen, es sich einmal anzuschauen. »Als es so weit war, wollte ich nicht gehen. Doch ich habe mir gesagt: ›Erst ziehst du den einen Schuh an, dann den anderen, dann die Jacke und gehst los.‹« Heute, ein knappes Jahr später, sagt sie: »Die Gruppe hilft mir sehr, über meine Probleme zu sprechen. Ich bin sehr leidensfähig und dachte immer, ich muss damit alleine klarkommen.« Mit ihrer Familie spreche sie nicht über ihre Angststörung, »auf der Arbeit sowieso nicht - dort stellt sich jeder immer als der Tollste und Beste dar«.

Die anderen in der Gruppe wissen, was sie meint, wenn sie davon spricht, in einer scheinbar normalen Welt nicht normal zu sein. Doch bei den Treffen, sagt ein Teilnehmer, »merkst du, dass du nicht allein bist«.

Lisa-Marie hat die Selbsthilfegruppe vor zwei Jahren gegründet. Sie leitet zudem zwei weitere in Butzbach. Zu jedem Treffen bringt sie eine Sanduhr mit: Jeder hat zu Beginn fünf Minuten Zeit, um zu erzählen. Mal geht es um die vergangene Zeit, mal gibt jemand Tipps. Das ist ein wichtiger Aspekt der Selbsthilfegruppe, sagt Maria. Sie ist 68 Jahre alt, Rentnerin und von Anfang an dabei. »Ich habe oft Schuld- und Versagensgefühle.«

Angst vor Menschen

Doch innerhalb der Gruppe bekomme man ganz andere Informationen zum Umgang mit der eigenen Situation. »Um aus diesem Hamsterrad von Kliniken und Therapeuten herauszukommen.« Zum Beispiel geben sich die Teilnehmer gegenseitig Informationen über gute Psychotherapeuten. Weil: »Es kommt oft vor, dass man einem Therapeuten gegenübersitzt, der einen Burn-out hat und den Patienten ein beschissenes Gefühl gibt.« In der Gruppe ist das anders, sagt sie. »Sie gibt mir Stabilität und ein Zuhausegefühl.«

Der Umgang unter den Teilnehmern ist vertraut und offen. Alle sind vom ersten Moment an per Du und kennen sich nur beim Vornamen. Es kann über alles gesprochen werden. »Und bleibt in diesen vier Wänden«, sagt Lisa-Marie.

Die Gespräche sind oft emotional. Manchmal traurig, manchmal lachen aber auch alle gemeinsam. Zum Beispiel, als Maria erzählt, wie es ihr vor dem ersten Gruppenbesuch ging: »Die üblichen Angstattacken halt, die man in unserem Gewerbe so hat.«

So unterschiedlich die Gruppenteilnehmer auch sind, sind sie alle durch ihre Angststörung verbunden - bei manchen sind das konkrete Ängste, etwa vor dem Autofahren, bei anderen die Angst vor sozialen Situationen.

»Bei mir ist es eine übertriebene Schüchternheit und die Angst vor Menschen«, sagt Horst. Klaus, er sitzt neben ihm, kennt das. »Ich habe Probleme damit, wenn Leute mir zu nahe kommen.« Er habe schon mehrere Klinikaufenthalte hinter sich. Über das Internet ist er auf die Gruppe gestoßen, dachte, er schaut einfach mal vorbei. »Hier merkst du, es gibt auch andere, die Probleme haben und die gelöst werden können.«

Thomas setzt auf Offenheit

Die wenigsten in der Gruppe sprechen außerhalb dieses geschützten Raums offen über ihre Angst. Und wenn doch, erfahre man nicht selten Unverständnis, erzählt Anja. »Was hast du denn schon wieder? Hier ist doch nichts, wovor du Angst haben müsstest« - solche Sachen bekomme man zu hören.

Einer aus der Gruppe hingegen, Thomas, geht offen mit seiner Angst um. Seine Mitmenschen wissen davon und können dementsprechend damit umgehen, erzählt er. Er leide an Agoraphobie - generalisierte Angst, die in alltäglichen Situationen in Form einer Panikattacke auftreten kann. »Ich habe alles an Psychotherapie mitgemacht, was man mitmachen kann«, sagt er. »Mittlerweile ist die Angst und vor allem die Aufklärung darüber zu meinem Lebensinhalt geworden, weil ich eigentlich nicht einsehe, dass jemand Angst haben muss.« Und so spricht er mit unterschiedlichen Menschen darüber. Dadurch nehme er immer wieder wahr, dass es viele gebe, die Probleme mit Angst hätten - und die dankbar seien, wenn jemand offen darüber spreche. Überhaupt, sagt er: Hochsensibilität, die oft zu Angst oder Sozialphobien führe, »ist keine Schwäche. Es wird nur in unserer Gesellschaft als Schwäche angesehen.«

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare