Das Bauhandwerk verzeichnet derzeit noch volle Auftragsbücher. Doch es gibt auch andere Handwerkszweige wie die Frisöre, die um ihre Existenz kämpfen.	FOTO: JWN
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Das Bauhandwerk verzeichnet derzeit noch volle Auftragsbücher. Doch es gibt auch andere Handwerkszweige wie die Frisöre, die um ihre Existenz kämpfen. FOTO: JWN

Selbst goldener Boden hält nicht ewig

  • vonJürgen W. Niehoff
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Wetteraukreis (jwn) Die Ausbreitung des Coronavirus hat zu massiven Einbrüchen der Wirtschaftstätigkeit geführt - auch die heimischen Handwerksbetriebe sind betroffen.

In der Wetterau gibt es derzeit 4063 Betriebe; von ihnen gehören 3409 dem Handwerk an. Zwar besagt ein altes Sprichwort, dass Handwerk goldenen Boden hat, doch scheint dieses Sprichwort nur auf normale Zeiten gemünzt zu sein. Denn die momentane Corona-Pandemie hat auch auf das Handwerk Auswirkungen. Und die sind nach Aussage des Zentralverbands des Deutschen Handwerks dramatisch. So sollen nach Ermittlungen des Verbands im Handwerk die Umsätze um durchschnittlich 53 Prozent zurückgegangen seien.

Sorge vor allem um kleinere Betriebe

Allerdings ist das Bild in den einzelnen Branchen recht unterschiedlich. So müssen Handwerksbetriebe aus den Bereichen Gesundheits-, Kfz- und persönliche Dienstleistungen die größten Umsatzeinbußen verkraften. Beispiel Frisörhandwerk: »Wenn wir nach Ostern die Geschäfte nicht wieder aufmachen dürfen, werden wohl viele vor allem kleinere Frisörgeschäfte die Kurve nicht mehr kriegen«, berichtet die Obermeisterin der Frisör-Innung, Doris Leidner aus Karben. Obwohl sie sich jetzt in kleineren Gruppen mit Rat und Tat gegenseitig helfen würden, stehe schon jetzt mancher Frisörladenbesitzer vor fast unlösbaren Problemen. Und das trotz Kurzarbeit und Soforthilfe durch den Bund. »Mut macht nur, dass viele Kunden anrufen und entweder zu Hause ihre Haare geschnitten haben wollen oder aber einen Termin nach der Wiedereröffnung vereinbaren wollen«, berichtet Leidner.

Derzeit noch am geringsten fällt die Betroffenheit in den Bauhauptgewerken aus. »Unsere Auftragsbücher sind in der Regel noch gut gefüllt. Das sollte für die nächsten drei Monate reichen«, sagt Werner Ulowetz, Vorsitzender der Kreishandwerkerschaft Wetterau und Inhaber eines Elektro-Betriebs mit zehn Mitarbeitern in Rockenberg. Aber auch er räumt ein, dass die Epidemie erhebliche Auswirkungen auf das Handwerk habe. »In den letzten Jahren waren wegen des enormen Zeitdrucks immer gleich mehrere Handwerkbetriebe zeitgleich auf der Baustelle. Das hat sich jetzt wegen des Abstandhaltens geändert. Jetzt arbeitet immer nur eine Firma auf der Baustelle«, erklärt Ulowetz.

Von schrumpfenden Auftragseingängen berichtet auch Alexander Repp, Inhaber des gleichnamigen Metallbaubetriebs in Echzell. Zudem habe sich die Zahlungsmoral der Kunden in den vergangenen Wochen spürbar verschlechtert. »Wer auf keine Rücklagen aus den letzten guten Jahren zugreifen kann, der wird Probleme bekommen - auch im Handwerk«, ist sich Repp sicher. Dazu beitragen würden die gestiegenen Preise für diverse Materialien und vor allem die spürbar zugenommenen Krankenstände unter der Belegschaft. »Kein Wunder, wenn die Ärzte prophylaktisch jeden am Telefon 14 Tage krankschreiben«, klagt Repp.

Trotz der Hilfe durch den Staat habe er als Innungsobermeister in letzter Zeit viele Inhaber von Handwerksbetrieben gesprochen, die Existenzängste eingeräumt und auch schon Kurzarbeit angemeldet hätten. »Wichtig ist, dass die beschlossenen Hilfen nun unbürokratisch und schnell umgesetzt werden«, fordert Repp von Bund und Land.

Ähnlich äußert sich der Obermeister der Dachdecker-Innung, Patrik Pfannmüller vom Niddataler Unternehmen Diefenbach. Auch er räumt Einschränkungen des Betriebsablaufs durch fehlende Mitarbeiter infolge der Kita- und Schulschließungen ein. Er habe angeordnet, dass in jedem seiner Fahrzeuge Desinfektionstücher vorhanden sind und die Mitarbeiter immer nur zu zweit in einem Auto auf die Baustelle fahren. Zu Auftragsstornierungen sei es seines Wissens im Dachdeckerhandwerk noch nicht gekommen. »Jedoch bitten die Kunden, bei denen wir ins Haus müssen, um etwas Aufschub.«

Insgesamt sind sich die Innungsobermeister aber einig, dass das Handwerk noch recht robust ist und deshalb länger durchhalten wird als manches Dienstleistungsunternehmen.

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