Erst mit dem Spaten, dann mit der Kelle: Die Archäologen der Firma Spau suchen akribisch nach Hinweisen auf die eine längst vergangene Zeit. Foto: nic
+
Erst mit dem Spaten, dann mit der Kelle: Die Archäologen der Firma Spau suchen akribisch nach Hinweisen auf die eine längst vergangene Zeit. Foto: nic

Archäologen

Seit Jahrhunderten verborgen

  • Sabrina Dämon
    vonSabrina Dämon
    schließen

Vor Jahrhunderten lebten Menschen auf der heute brachliegenden Fläche. Das meiste aus dieser Zeit ist verschwunden. Aber nicht alles. Es gibt Spuren - sie zu finden ist Aufgabe der Archäologen der Münzenberger Firma Spau.

Es ist viel Zeit vergangen. 2500 Jahre. Womöglich 3000. Genau kann es Christina Kessler-Balser noch nicht sagen. Doch in dem Moment, in dem sie die Tonscherbe aus dem Erdloch zieht, weiß sie: Es ist Jahrhunderte her, dass jemand vor ihr die Scherbe in der Hand gehalten hat. Vielleicht war es in der Eisenzeit, vielleicht in der Jungsteinzeit. Damals, glaubt die Archäologin, ist das Gefäß, von dem die Scherbe stammt, in eine Müllgrube geworfen worden. Und hat tausende Jahre unangetastet unter der Erde gelegen.

Bis heute. Die Archäologen der Münzenberger Firma Spau von Sascha Piffko sind gekommen. So wie die vergangenen Wochen schon. Tag für Tag arbeiten sie auf der brachliegenden Fläche. Zuerst - fürs Grobe - schaufelt der Bagger eine Schicht Erde beiseite. Später wird mit Spaten und Schaufel gegraben, zum Schluss auf Knien im Erdloch sitzend, mit Kelle in der Hand akribisch suchend.

Sieben Archäologen sind im Einsatz. Um 7 Uhr geht es los. An den Füßen tragen die Frauen und Männer Sicherheitsschuhe, in den Händen halten sie Spaten. Das Wetter ist wechselhaft. Mal bedeckt, mal Nieselregen. Die Erde ist dennoch trocken und hart.

Gegraben werden muss trotzdem. Es ist der erste von vielen Schritten, mit dem es gelingt, der Geschichte des Orts auf die Spur zu kommen: Was ist hier lange vor unserer Zeit geschehen? Wer hat hier gelebt? Wann? Und wie?

Das herauszufinden ist ein bisschen wie Detektivarbeit, sagt Christian Brandt. Er arbeitet seit einigen Jahren als Archäologe, hat Knochen und Scherben ausgegraben, Gräber und Brunnen freigelegt. »Das ist das Spannende an dem Beruf: Wir tragen dazu bei, ein Bild zu vervollständigen.«

Das kann mühselig sein, erfordert Geduld und ist auch mal enttäuschend. Dann, wenn man lange sucht, doch nur wenig findet. Dafür ist es umso schöner, wenn etwas zum Vorschein kommt - und sei es »nur« eine Verfärbung der Erde.

So eine wie in dem Loch, vor dem Thomas Hahn steht. Er ist der Grabungsleiter, koordiniert das Team und kümmert sich um den Ablauf. Eine Aufgabe, die heute ansteht: mit dem Spaten rechteckige Grabungsschnitte anfertigen und untersuchen.

Was eine Scherbe verrät

Jedes Loch, das die Archäologen graben, ist zwischen ein und zwei Meter lang, an die 70 Zentimeter breit und etwa 40 Zentimeter tief. Und, das ist das Besondere: Zusammen betrachtet bilden sie einen Umriss. Oder eher: einen Grundriss. Der eines Hauses. Etwa 2500 Jahre alt, vermutet der Grabungsleiter.

An den Stellen, an denen die Archäologen die Rechtecke ausgehoben haben, befanden sich einst die Stützpfosten des Hauses - damals aus Holz, und deswegen heute noch zu rekonstruieren. Von dem Holz ist zwar nichts mehr übrig, in der Erde jedoch haben sich Spuren erhalten. Dort, wo die Pfosten standen, ist die Farbe der Erde anders. Dunkler, eher grau als braun.

Was ein Laie kaum wahrnimmt, ist für die Archäologen eine besondere Entdeckung. Zwei Gebäude können sie bisher auf der Fläche nachweisen. Durch vergleichbare Befunde andernorts wissen sie, dass es sich um Wohnhäuser handelte. »Hier, wo ein Neubaugebiet entstehen soll, haben schon vor Tausenden Jahren Menschen gelebt.«

Wann genau, das hoffen die Archäologen anhand der Funde herauszufinden. Eine kleine Keramikscherbe, so unbedeutend sie auf den ersten Blick erscheinen mag, kann da viel verraten. Einmal durch die Beschaffenheit: Ton, der heißer gebrannt worden ist, ist fester, und in den Zeitabschnitten der Menschheitsgeschichte gab es verschiedene Brennmethoden. Gleiches gilt für die Art der Gestaltung: Römer zum Beispiel verzierten ihre Gefäße anders als Kelten.

Matthias Gutmann macht an diesem Tag einen Fund, der auf besondere Weise mit dem Macher verbunden ist. In einer Grube kommt ein halber Keramikteller zum Vorschein. Das Beeindruckende daran ist die Randverzierung: kleine Dellen, eine neben der anderen. »Fingerabdrücke«, erklärt Matthias Gutmann. Nachdem der Teller geformt worden war, hat der Macher mit seinen Fingerkuppen Löcher in den Rand gedrückt. Das Fragment, erklärt der Grabungsleiter, gehört zu einem sogenannten Backteller, der typisch ist für die Michelsberger Kultur (eine in Mitteleuropa ca. von 4400 bis 3500 v. Chr. verbreitete jungsteinzeitliche Kultur) - der Fund ist deutlich älter als andere, die das Team an diesem Tag macht.

All die Funde - Scherben, Pfeilspitzen, Tierknochen - kommen mit nach Münzenberg in die Werkstatt der Firma. Ebenso die Zeichnungen der ehemaligen Holzpfosten.

In der Werkstatt werden die Scherben gewaschen und genau untersucht. Auch das gehört zu der Arbeit eines Archäologen.

Welche Aufgabe die beste ist? »Es ist das ganze Paket Archäologie«, sagt Omran Almouzib. Das Abwechslungsreiche, die Suche, die Freude über den Fund.

»Jede Grabung hat ihr Highlight«, sagt Christian Brandt. Und jeder Archäologe seins. Christina Kessler-Balser (»ich mag am liebsten Knochenfunde«) erzählt von einer Grabung, bei der sie in einem hunderte Jahre alten Brunnen einen Ochsenschädel gefunden hat. Thomas Hahn - er interessiert sich besonders für die Römer - erzählt von einer Grabung in Bruchköbel, bei der das Team römische Brunnen entdeckt hat. »Im Grundwasserbereich waren teilweise noch die Brunnenkästen aus massiven Eichenbohlen vorhanden.«

Ein Ort - unzählige Geschichten

Doch egal, was sich nach ein paar Spatenstichen unter der Erde findet, für einen Archäologen ist es meistens ein einzigartiger Moment, sagt Christina Balser-Kessler. Wegen des Gedankens: »Ich bin die Erste nach Tausenden Jahren, die das sieht.«

Wer die Person war, die es zuvor gesehen hat? Darauf gibt es keine Antwort. Doch je länger die Archäologen suchen, desto näher kommen sie dieser Person, erfahren, wie sie gelebt haben könnte. An eben genau derselben Stelle, an der das Team heute mit Spaten, Schaufel und Kelle steht - um das Bild der Geschichte Stück für Stück zu vervollständigen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare