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»Sehnsuchtsland« Deutschland

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Von: Gerhard Kollmer

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Nur Worte sind die wahre Brücke zur Freiheit: Wie ein roter Faden ziehen sich melancholische, ironische und auch komische Passagen durch Lena Goreliks Buch »Wer wir sind«. © Gerhard Kollmer

Friedberg (gk). »›Ich‹ heißt auf Russisch ›Ya‹ - ein Buchstabe nur. Der letzte im Alphabet. So wurden wir auch groß und erzogen. Das hat dann jedes ›ich will, ich mag, ich muss, ich, ich, ich‹ mit einer Faust erschlagen. Die Ordnung der Buchstaben, die uns Kindern den Egoismus austrieb, in aller Seelenruhe.«

Mit diesen Zeilen beginnt Lena Goreliks autobiografischer Roman »Wer wir sind«. Als Elfjährige reist sie im Juni 1992 - nach dem Untergang der Sowjetunion - mit Eltern, Großmutter und ihrem älteren Bruder nach Deutschland aus.

Am Donnerstagabend las die in München lebende Autorin in der Stadthalle aus ihrem 2021 erschienenen Buch bei »Friedberg lässt lesen«. Gorelik ist Journalistin, Essayistin und Dramatikerin. Vier Abschnitte ihres Buches stellte sie den zahlreichen Hörern vor. Knapp die Hälfte des 300-seitigen Romans ist den St. Petersburger Jahren vor 1992 gewidmet, während der zweite Teil in der neuen »Heimat« spielt. Goreliks in nüchtern-unprätentiöser Sprache fernab von jedem Pathos geschriebene Migrationsgeschichte ihrer Familie ist zugleich eine faszinierende Reflexion über die beschwerliche »Reise« von der russischen in die deutsche Sprache. Wie ein roter Faden ziehen sich diese teils melancholischen, teils ironischen und auch komischen Passagen durch das Werk.

»Wir haben keine gemeinsame Muttersprache, meine Kinder und ich. Wenn sie weinen oder wenn sie schlafen, flüstere ich ihnen auf Russisch zu, streichelnde Worte. Es gibt mehr Platz für Zärtlichkeit in der russischen Sprache.« Im Deutschen, obwohl bereits nach wenigen Jahren perfekt beherrscht, wird sie - damit die Erfahrung ihrer Eltern wiederholend - nie ganz ankommen.

Den letzten Anstoß zur Ausreise aus der zerfallenden Sowjetunion geben nicht die miserablen materiellen Verhältnisse nach der dortigen Wende. Es ist ein Erlebnis des Vaters in der Metro. »Geh’ doch nach Hause, du Drecksjude! Geh’ doch nach Israel, da gehörst du hin!« Diese demütigenden Worte schleudert ihm sein Gegenüber ins Gesicht. Der Weg ins »Land der Väter« wird - im Unterschied zu vielen russischen Juden - aufgrund der schwachen Konstitution des Vaters (dessen Vater von den NS-Mördern umgebracht wurde) nicht beschritten.

Die ersten anderthalb Jahre im »Sehnsuchtsland« Deutschland sind äußerst ernüchternd. In einem »Ausländerwohnheim« teilt sich die Familie den wenigen Platz mit zahlreichen weiteren Asylsuchenden aus aller Welt. Es gibt keinerlei Privatsphäre, die sanitären Verhältnisse sind katastrophal. »Zuhause ist, wo wir nicht mehr sind.« Der sehnsüchtige Blick wandert zurück nach St. Petersburg. Von Russland nach Deutschland: Es ist die Reise von der alten in eine gänzlich andere Welt. Auch die Entfremdung zwischen Lena und ihren Eltern sowie der Großmutter nimmt zu.

Auf Besuch bei einer »Gastfamilie« entdeckt die jugendliche Erzählerin die Faszination des Badeschaums. Diesem Erlebnis ist ein wunderbar komisches Kapitel in Goreliks faszinierend-verstörendem Buch gewidmet.

»Ich weiß nicht, wann ich damit beginne, mich hinauszuschreiben aus alldem, der Unsicherheit, dem Fremdsein. Ob ich, während ich mich hinausschrieb, wusste, dass es Worte sind, die mich hinaustragen werden.« Hinausschreiben aus dem Fremdsein: Nur Worte sind die wahre Brücke zur Freiheit.

Lena Goreliks einstündiger, mit viel Applaus bedachter Lesung folgte eine knapp halbstündige Fragerunde, in der es unter anderem um ihr Selbstverständnis als Jüdin und ihr Verhältnis zum Wort »Heimat« ging.

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koe_Werwirsind_190222_4c © Gerhard Kollmer

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