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Schwindelerregendes Tempo

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Von: Gerhard Kollmer

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koe_Holzhausen4_220322_1_4c_1 © Gerhard Kollmer

Friedberg (gk). »Mephisto und der Herr, die wetten. Wenn die das bloß gelassen hätten. Der Mensch ist gut. Nein, er ist schlecht. Wer von den beiden hat nun recht? Mephisto oder doch Gottvater? Die Antwort gibt’s hier im Theater, die aber keinen wirklich schreckt: Der Mensch ist gut, nur nicht perfekt.«

Nein, diese Zeilen entstammen nicht der Feder des Olympiers aus Weimar, sondern dienten als Motto für die vom Publikum im Großen Saal des Theaters Altes Hallenbad am vergangenen Freitagabend enthusiastisch gefeierte Kurzfassung von Goethes 1808 erschienenem »Faust I«.

Der Schrecken (fast) aller Primaner erblühte in der knapp zweistündigen »kammermusikalischen« Aufführung des Frankfurter Holzhausen-Quartetts zu einer mitreißenden Show mit Gesang, Tanz und Deklamationen auf höchstem Niveau. Dramatis personae waren Markus Neumeyer am Piano und Komponist des schwungvollen Musicals, des weiteren Till Krabbe, verantwortlich für die Textfassung und als Faust bzw. Marthe Schwertlein, sowie Sabine Fischmann, die die Rolle des Mephisto und Gretchens übernahm.

Schräg - dennoch kein Klamauk

Perfekt »garniert« wurde das im zuweilen schwindelerregenden Tempo durch das berühmte Drama eilende Kammermusical vom Bariton Berthold Possemeyer mit dem Vortrag von sechs Gedichtvertonungen. Das Quartett - Professoren und ehemalige Studenten an der Frankfurter Musikhochschule - feierte im vergangenen Jahr sein zehnjähriges Bestehen mit der Uraufführung des »Faust«-Musicals im Holzhausenschlösschen.

Mit geradezu proteischer Verwandlungsfähigkeit agierten Krabbe und Fischmann aufs Schönste zusammen. Letztere verkörperte Mephisto in all seiner vulgären Verschlagenheit, während Krabbe den aus jahrelanger Einsamkeit als Alchimist und Stubengelehrter dank des Teufelspakts zu blühendem Leben erwachenden Faust ebenso überzeugend auf die Bühne brachte. Vieles war etwas schräg, geriet jedoch nie zum albernen Klamauk. Nicht zuletzt kam dank der fetzigen Musik von Marcus Neumeyer in keinem Augenblick Langeweile auf.

»Lasst uns anstoßen und die Becher leeren!« Ein Highlight von vielen war die legendäre Szene in Auerbachs Keller. Bevor das hektische Treiben außer Kontrolle zu geraten drohte, griff Possemeyer mit dem Vortrag einer von sechs Goethe-Vertonungen als »retardierendes Element« ein - dem köstlichen »Lied vom Floh« aus der Feder Beethovens.

Mit wahnsinnig rollenden Augen

»Was fasst mich für ein Wonnegraus?« Im zweiten Teil des Dramas schlüpft Sabine Fischmann auch in die Rolle des unschuldigen vierzehnjährigen Gretchens, das sich unsterblich in den geheimnisvollen Fremden verliebt. Possemeyers »Kommentar« zu dieser von Mephisto eingefädelten Verführung ist der Vortrag von Hugo Wolfs Vertonung des Gedichts »Der Rattenfänger«. Die Dramenhandlung schlägt nun - abgesehen von dem köstlichen Gespräch Mephistos mit Marthe Schwertlein - ins Tragische um. Aber dem Quartett gelingt es, diese Hürde ohne Peinlichkeiten zu nehmen.

Mit der gemeinsam gesungenen (und rezitierten) »Walpurgisnacht«-Szene ist der »Faust«-Abend an seinem Höhepunkt angelangt. Das Holzhausen-Quartett wird mit Bravos und Getrappel für diese gesanglich-darstellerische Leistung gefeiert.

Während Faust sich mit den Hexen auf dem Brocken amüsiert, bringt das arme Gretchen aus Verzweiflung sein neugeborenes Kind um. »Meine Ruh ist hin, mein Herz ist schwer«: Fischmann spielte diese Szene mit wahnsinnig rollenden Augen - und einem Rest von Parodie. Sie wurde - zu Recht - für ihren Auftritt gefeiert.

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koe_Holzhausen7jpg_22032_4c © Gerhard Kollmer
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koe_Holzhausen3_220322_1_4c © Gerhard Kollmer

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